Zürich
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Erleben Jugendliche Gewalt, trauen sie sich oft nicht, Hilfe zu holen. Das will der Kanton Zürich mit seiner Chat-Beratung nun ändern. Bild: shutterstock

Beratung per Chat: So sollen jugendliche Gewaltopfer einfacher Hilfe erhalten

Werden Jugendliche Opfer von Gewalt, wenden sie sich nur selten an die kantonalen Beratungsstellen. Darum geht die Zürcher Opferhilfe nun neue Wege.



Wer Opfer von Gewalt wird, hat Anspruch auf Hilfe in Form von Beratungen und je nachdem auch finanziellen Leistungen. So steht es im Gesetz. Jeder Kanton ist darum verpflichtet, mit einer Opferhilfestelle medizinische, psychische, soziale, materielle und juristische Hilfe anzubieten. Diese Beratungsstellen existieren in der Schweiz seit rund 20 Jahren und haben sich zu einem etablieren Anlaufpunkt für Gewaltopfer entwickelt. Jedes Jahr wenden sich mehr Menschen an die kantonalen Opferhilfestellen. Im Jahr 2000 wurden schweizweit 15'521 Beratungen durchgeführt, 2018 waren es 41'540.

Diese Zahlen sprechen für die Institution. Doch wer sich die Statistiken genauer ansieht, erkennt das Problem schnell: Es sind vorwiegend über 30-Jährige, die sich Hilfe holen. Minderjährige lassen sich nur selten von der Opferhilfe beraten – dies obwohl sie nicht weniger häufig Opfer von Gewalt werden als Erwachsene. Von den 41'540 Beratungen in allen Kantonen waren es gerade einmal 7'189 unter 20-Jährige, die sich 2018 Hilfe holten.

«Mit dem Chat-Angebot sollen junge Menschen eine schnelle, unverbindliche und niederschwellige Beratung erhalten.»

Jacqueline Fehr, SP-Regierungsrätin Zürich

Das will die Opferberatung Zürich nun ändern. Sie startet ein Pilotprojekt, das für die ganze Schweiz Vorzeigecharakter haben könnte. Ab Sommer 2020 sollen Gewaltopfer Hilfe per Chat erhalten. So will man insbesondere für Jugendliche die Hemmschwelle zu einer Kontaktaufnahme mit der Beratungsstelle senken. Der Zürcher Regierungsrat hat dazu einen Lotteriefondsbeitrag von 480'000 Franken bewilligt.

«Mit dem Chat-Angebot sollen junge Menschen eine schnelle, unverbindliche und niederschwellige Beratung erhalten», sagt Jacqueline Fehr, die für die Opferhilfe zuständige Regierungsrätin. Studien hätten gezeigt, dass Jugendliche noch zu wenig wissen, dass es die Opferhilfe überhaupt gebe und sie dort gratis Unterstützung erhielten. «Ein weiteres Problem ist, dass junge Leute nicht oder nur wenig auf die bisherigen Angebote der Opferhilfe ansprechen», so Fehr. Problematisch sei dies insofern, als Jugendliche, die von einem Gewaltvorfall betroffen seien, nicht selten so lange zuwarten würden, bis es zu posttraumatischen Reaktionen komme und dadurch ihr Leben stark aus den Fugen gerate. Fehr: «Erst dann finden sie den Weg zur Opferberatung. Das muss sich ändern.»

«Face-to-face oder bei einer Beratung am Telefon kann man viele nonverbale Signale über die Stimme oder über Mimik und Gestik wahrnehmen. Das fällt beim Chatten weg.»

Fedor Bottler, Leiter der Opferberatung Zürich

Konkret soll auf der Website der Opferberatung Zürich ab Sommer eine Chat-Funktion aufgeschalten werden, über die direkt und live mit einer Fachperson schriftlich kommuniziert werden kann. Dies ist vorerst aber nur während der Öffnungszeiten der Opferberatungsstelle möglich, also Montags bis Freitags von 9 bis 12 und von 13.30 bis 17 Uhr. Vorgesehen sind dafür 180 Stellenprozente.

Fedor Bottler, Leiter der Opferberatung Zürich und Verantwortlicher des Chat-Pilotprojekts, sagt, besonders wichtig sei, dass die Chat-Beraterinnen und Berater eine angemessene Sprache fänden. «Das ist nicht so einfach. Face-to-face oder bei einer Beratung am Telefon kann man viele nonverbale Signale über die Stimme oder über Mimik und Gestik wahrnehmen. Das fällt beim Chatten weg. Unsere Fachpersonen müssen da also besonders feinfühlig sein, um herauszufinden, worum es den Gewaltopfern wirklich geht und wie sie ihnen helfen können.» Die Mitarbeitenden, die ab dem Sommer die Chat-Beratung betreiben, hätten neben ihren fachspezifischen Aus- und Weiterbildungen für die Opferberatung allesamt auch Weiterbildungen in diesem Bereich absolviert, sagt Bottler.

Zwei Chats können mit dem vorhandenen Personal gleichzeitig geführt werden. Wolle gleichzeitig eine dritte Person die Chat-Beratung in Anspruch nehmen, erscheine eine Meldung, dass es eine Wartezeit gebe.

Nach Abschluss und Evaluation des Pilotprojekts könnte die Chat-Beratung zum Pionier werden und auch in anderen Opferberatungsstellen eingeführt werden. Bisher gibt es dort nur telefonische, persönliche oder E-Mail-Beratungen.

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