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Interview

Greta Thunberg: «Wir brauchen ein Erwachen»



2019 war das Jahr der weltweiten Klimaproteste mit Millionen Demonstranten auf den Strassen, 2020 dann das Jahr der Coronavirus-Pandemie. Und 2021? Muss sich beim Klima endlich etwas Entscheidendes tun, sagt Greta Thunberg. Die Klimaaktivistin aus Schweden, gerade volljährig geworden, sieht Länder wie Deutschland dabei besonders in der Verantwortung, wie sie im Interview sagt.

Greta, du bist jetzt 18 und damit volljährig. Wird es für dich einen Unterschied machen, dass dich die Leute jetzt nicht mehr als Minderjährige betrachten?
Greta Thunberg: Für mich persönlich macht das keinen Unterschied. Ich werde nichts anders machen als vorher. Aber einige Leute sagen, dass sie Greta jetzt endlich kritisieren können, weil sie kein Kind mehr ist. Das ist ziemlich witzig, weil das ja auch vorher niemanden davon abgehalten hat, vom Hass und den Morddrohungen und so weiter.

ARCHIV - Die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Mit ihren «Fridays for Future» hat Greta Thunberg 2018 eine neue Bewegung ins Leben gerufen. Bild: sda

Im Kampf gegen den Klimawandel hält die Wissenschaft diese Jahre für entscheidend, wenn wir noch eine Chance haben wollen, die Erderwärmung bei 1.5 Grad Celsius zu stoppen. Was muss 2021 dringend gegen die Klimakrise unternommen werden?
Natürlich kann man verschiedene Ansichten darüber haben. Aber meiner Meinung nach brauchen wir ein Erwachen. Man muss einsehen, wo wir jetzt stehen. Und wir müssen erkennen, was getan werden muss. Wir müssen aufhören, uns auf diese vagen, entfernten und höchst hypothetischen Ziele zu fokussieren und uns stattdessen damit abfinden, dass wir uns jetzt ändern müssen.

Was genau müssen wir verändern?
Gerade jetzt brauchen wir die CO2-Budgets auf. Diese Ziele für 2050 oder 2030 werden rein gar nichts bedeuten, wenn wir diese Budgets bis dahin verbraucht haben. Vorläufige Daten zeigen, dass die CO2-Verringerung um sieben Prozent, die 2020 wegen der Corona-Pandemie und den Lockdowns geschehen ist, tatsächlich aufgrund von schwächeren Kohlenstoffsenken an Land ausradiert worden ist. Der Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration bleibt also dort, wo er 2019 lag.

Die USA – einer der grössten CO2-Emittenten der Welt – bekommen in einigen Tagen einen neuen Präsidenten. Wirst du Präsident Trump nach seinem Abschied aus dem Weissen Haus vermissen?
Nee! Das könnte sicherlich eine grosse Sache und ein grosser Schritt vorwärts im Klimakampf sein. Hoffen wir, dass es eine grosse Veränderung gibt. Aber lasst uns nicht nachlassen und sagen, dass alles gut wird, weil ein neuer Präsident kommt. Vielleicht ist das ein Grund, noch mehr Druck auszuüben.

15-Jährige streikt, um die Zukunft zu retten

Video: srf/Roberto Krone

Glaubst du, dass Joe Biden die richtige Person für eine grosse Wende beim Klima ist?
Wir müssen abwarten und schauen. Ich denke, die Zeit wird es zeigen. Es lastet etwas Druck auf ihm, gelinde gesagt.

Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat kürzlich gesagt, die Europäer sollten als erste auf den neuen US-Präsidenten zugehen, um eine neue Klimaallianz zu schmieden. Ist ein solches transatlantisches Klimabündnis das Richtige, um voranzukommen?
Alles, was uns voranbringen würde, ist eine gute Sache. Aber: Unser Teil der Welt hat sich im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, die Richtung vorzugeben. Der Gerechtigkeitsaspekt ist dabei das Herzstück des Abkommens. Wenn wir wollen, dass das Abkommen funktioniert, dann ist entscheidend, dass reichere Länder den Weg weisen, vorwärts kommen und die ersten Schritte machen. Wie können wir denn von Ländern wie Indien erwarten, Massnahmen zu ergreifen, wenn wir nichts unternehmen? Historisch betrachtet ist unser Teil der Welt derjenige, der am meisten Verantwortung trägt.

Im Dezember hat sich die EU auf ein verschärftes Klimaziel geeinigt. Die Treibhausgase sollen nun bis 2030 um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden.
Diese Ziele klingen sehr eindrucksvoll und erscheinen sehr gut, bis man ins Detail geht.

Welche Details zum Beispiel?
Wir müssen uns auf Vergleichswerte aus dem Jahr 2010 beziehen, sie haben aber 1990 gewählt. Hinzu kommt die Tatsache, dass nicht alle Emissionen eingerechnet werden, nur die territorialen (Anm. d. Red.: Territoriale Emissionen sind alle Inlandsemissionen ohne diejenigen von Waren, die ausserhalb der EU hergestellt wurden, sowie aus dem internationalen Schiffs- und Flugverkehr). Und sie schliessen auch die Möglichkeit der Kohlenstoffbindung ein. In den Begriff Klimaneutralität kann man jede Menge Schlupflöcher packen.

Trotzdem ist das 55-Prozent-Ziel ein Start. Nun ist die Frage, wie dies auf die EU-Mitgliedstaaten verteilt wird. In Deutschland fordern manche, das eigene 2030-Ziel auf 65 Prozent anzuheben. Haben wohlhabende Länder wie Deutschland eine besondere Verantwortung?
Natürlich muss jeder einen Teil leisten. Aber es ist einfach logisch und angemessen, dass diejenigen den Weg weisen, die die meisten Ressourcen und die besten Möglichkeiten dazu haben. Aber noch einmal: Wir sollten uns nicht zu sehr auf diese Zahlen fokussieren, 55, 65 oder 80 Prozent Verringerung bis 2030 oder Netto Null bis 2050 oder 2030. Man kann zum Beispiel den Aspekt der Gerechtigkeit nicht in eine Zahl packen. Es gibt keine magischen Daten oder Zahlen, so funktioniert Wissenschaft nicht. Wir müssen uns klarwerden, dass wir jetzt handeln müssen. Man kann nicht darüber reden, was man in einem Jahr tun könnte, wenn man nicht mal weiss, was man morgen macht.

Greta Thunberg: Das furchtlose Mädchen von Davos

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Aber ist es nicht menschlich, ein Ziel auf irgendeine Weise zu definieren? Man muss schliesslich irgendetwas an die Tafel schreiben, wenn man sich vor Augen führen will, was man erreichen will.
Ja, klar. Tut das. Aber handelt jetzt auch.

Apropos Handeln: Das Klimabewusstsein vieler Menschen ist in den vergangenen beiden Jahren gewachsen, auch dank Fridays for Future. Manche nehmen den Zug statt den Flieger, essen weniger Fleisch, kaufen weniger Kleidung. Trotzdem haben viele das Gefühl, ihr Beitrag gegen die Klimakrise mache keinen Unterschied.
Darin liegt ein guter Punkt. Wenn eine Person zum Beispiel aufhört zu fliegen, dann hat das keinen grossen Einfluss auf die Menge CO2 in der Atmosphäre. Was wir aber brauchen, sind soziale Bewegungen und ein kultureller Wandel: Für die erforderlichen Veränderungen müssen wir das Bewusstsein dafür steigern, dass wir in einer Krise stecken und eine grosse, kritische Masse benötigen. Wenn ich also nicht mehr fliege, dann sehen das die Leute um mich herum. Sie sagen dann: «Oh, das ist seltsam. Warum tut sie das?» Das wird dazu führen, dass diese Leute anfangen, nachzudenken, vielleicht ebenfalls etwas zu tun oder darüber mit anderen zu sprechen. Um einzelne Taten geht es nicht. Es geht darum, Teil einer breiteren Bewegung zu sein.

Wegen der Corona-Krise ist das Klima 2020 nicht im Hauptfokus der Medien und Menschen gewesen – was nicht bedeutet, dass die Klimakrise von sich aus verschwunden ist. Ist es die grosse Aufgabe für 2021, zu lernen, mit zwei Krisen gleichzeitig fertig zu werden?
Nein. Wir bewältigen nicht nur zwei Krisen. Wir haben es mit unzähligen Krisen zu tun. Die Klimakrise ist nur ein Symptom einer grösseren Nachhaltigkeitskrise. Andere Symptome sind der Verlust der Artenvielfalt, die Versauerung der Ozeane, der Verlust fruchtbaren Bodens und der Ökosysteme. Das sind keine separaten Krisen. All das ist eine grosse Krise. Wir leben nicht nachhaltig, wir denken nicht langfristig. Das hat nicht nur mit Klima und Umwelt zu tun. (saw/sda/dpa)

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