Gesellschaft & Politik
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Das Wiedergutmach-Interview im «Tages-Anzeiger»: Die Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen erklären, warum ihre Umfrage so daneben lag. bild: watson

«Ganz schlechter Stil!»: Wie sich die Politologen von Tamedia und GfS aufs Dach geben 

Die Tamedia-Umfrage lag bei der Atomausstiegs-Initiative um elf Prozent daneben. Im Entschuldigungs-Interview mit dem «Tages-Anzeiger» und «20 Minuten» stichelten Fabio Wasserfallen und Lucas Lehmann dann gegen die Konkurrenten vom GfS. Die Retourkutsche folgte prompt. 



Der Markt für politische Umfragen ist in der kleinen Schweiz hart umkämpft. Nur wenige Anbieter buhlen um die Mandate im Vorfeld von Abstimmungen, und wer daneben liegt, ist schnell raus. Als Claude Longchamps Meinungsforschungsinstitut GfS im November 2009 verlauten liess, 37 Prozent würden die Minarett-Initiative annehmen, und zwei Wochen später schockiert hinnehmen musste, dass die Schweiz mit 57,7 Prozent Ja gesagt hatte, musste der Politologe lange Kritik und Häme über sich ergehen lassen.

Das waren nicht die einzigen Konsequenzen: Die SRG erliess kurzerhand einen Publikationsstopp für die GfS-Umfragen. Dieser wurde zwar wenig später wieder aufgehoben, doch Longchamp musste noch einmal einstecken, als er im November 2015 das millionenschwere Mandat für die VOX-Analysen (Nachwahl-Forschung) verlor – zwar nicht als Folge des Minarett-Debakels, dennoch war es ein herber Rückschlag. Seither wittern Longchamps Konkurrenten Morgenluft.

Claude Longchamp, Institutsleiter des Forschungsinstitut gfs.bern., verfolgt am Samstag, 1. April 2006 im Nationalratssaal im Bundeshaus in Bern, die Fruehjahrssitzung des Auslandschweizerrates zum Thema

Umfragen-König Claude Longchamp musste schon einiges einstecken. Bild: KEYSTONE

So publiziert seit gut einem Jahr auch das Medienhaus Tamedia eigene Abstimmungs- und Wahlumfragen. Bei den Analysen des «Tages-Anzeigers» arbeitete das Forschungsinstitut Sotomo mit, zu dem die bekannten Politologen Michael Hermann und Thomas Milic zählen. Im April 2016 beschloss die Tamedia, für alle Titel die Befragungen des Politologen-Duos Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen, das damals bereits seit längerer Zeit für «20 Minuten» gewichtete Online-Umfragen für Abstimmungsprognosen durchgeführt hatte, zu übernehmen.

Der Entscheid sorgte für Kritik, Kritik, die durch die gestrige Abstimmung noch genährt werden dürfte: Denn die Tamedia-Umfrage lag klar daneben: Nach der letzten Befragung, zwei Wochen vor der Abstimmung, hiess es, die Zustimmung zur Atomausstiegs-Initiative sei gross, 57 Prozent betrage der Ja-Anteil – am Ende waren es nur 46 Prozent, ein Unterschied von satten 11 Prozentpunkten also.

Nicht vergleichbar mit Minarett-Umfrage

Diese Pleite wurde von den Tamedia-Publikationen «Tages-Anzeiger» und «20 Minuten» aufgenommen. In zwei Interviews sagen Wasserfallen und Leemann, man habe den Ja-Anteil in einzelnen Bevölkerungsgruppen wohl überschätzt, oder aber die Ja-Sager seien zu Hause geblieben. Die beiden betonen ihre gute Leistungsbilanz und das immer bleibende Restrisiko. So etwas könne immer wieder passieren, es liege auch nicht an der Methode der Online-Umfrage.

Leemann und Wasserfallen lassen die Gelegenheit zudem nicht ungenutzt, gegen ihren Konkurrenten GfS auszuteilen. Ihre Fehleinschätzung sei nicht vergleichbar mit dem Minarett-Debakel. Und: Sie seien in den letzten rund 30 Abstimmungen bei rund 60 Prozent der Vorlagen näher am tatsächlichen Resultat gelegen.

«Ganz schlechter Stil!»

Das wiederum stösst dem GfS sauer auf. Die Politologen des Berner Forschungsinstituts lassen sich die Niederlage von Leemann und Wasserfallen nicht nur genüsslich auf der Zunge zergehen, sondern ärgern sich auch über die Interviews in «20 Minuten» und im «Tages-Anzeiger». Urs Bieri, Co-Leiter des GfS, schreibt auf Facebook von einem «pseudokritischen Weichwascher-Interview» durch den Auftraggeber Tamedia.

Leemann und Wasserfallen würden darin die «immer gleichen falschen Anwürfe an Telefonumfragen» (damit meint er wohl Leemanns und Wasserfallens Aussage, Telefon-Umfragen würden vor grossen Herausforderungen stehen) loswerden und implizit das GfS in die Pfanne hauen. «Ganz schlechter Stil!», wettert Bieri.

Dabei lässt es Bieri nicht bewenden. Weil der «20 Minuten»-Artikel mit Grafiken angereichert ist, die die Erfolgsquote des GfS neben jene der Tamedia stellen, pfeffert Bieri in einem ironisch formulierten zweiten Facebook-Post nach. Man hätte ja eine «Mitmach-Onlineumfrage» machen können, schreibt er, wenn ja Telefonumfragen schlecht seien. Es ist ein grundsätzlicher Streit, das GfS verteidigt Telefonumfragen, Leemann/Wasserfallen (und auch Sotomo) setzen auf Online-Befragungen.

Damit nicht genug: Auch Lukas Golder, Bieris Arbeitskollege, setzt einen wütenden Facebook-Post ab. Er spricht von «gefälligen Interviews», die die kritische Diskussion im Keim ersticken würden, weil Verlage und Anbieter im gleichen Boot sässen. Die Bilanz von Online-Umfragen sei in diesem Jahr fatal. Golder verweist allerdings in seinem Post auf zwei Interviews mit Leemann/Wasserfallen, in welchen zumindest bei einem davon entgegen Golders Kritik, es bestünde keine Transparenz, klar gemacht wird, dass die beiden Politologen für Tamedia arbeiten.

Berechtigte Kritik oder wütender Rundumschlag? Fabio Wasserfallen reagiert gelassen auf die Vorwürfe. Jeder hätte ein Interview mit ihnen machen können, nicht nur die Blätter der Tamedia. Dass Online-Umfragen tiefere Kosten verursachen würden und auf Traffic angewiesen seien, liege nun mal in der Natur der Sache. Nur etwas lässt den Politologen nicht kalt: Sie hätten sich nie der kritischen Diskussion verwehrt. Diese Kritik sei falsch.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Töfflifahrer 29.11.2016 06:54
    Highlight Highlight Vor ca. 2 Wochen im Zug diskutierten einige Schüler über ihre Eintragungen in der Online Umfrage, die einige auch mehrfach machten. Soviel zur Glaubwürdigkeit von On-Line Umfragen.
    • Herbert Anneler 29.11.2016 08:39
      Highlight Highlight Ja, und wenn dann Sotomo das Ganze noch "bevölkerungsrepräsentativ" - was auch immer dies heissen mag! - gewichtet, ist das Resultat reiner Zufall - Sotomo könnte genau so gut jeweils im Büro würfeln! Dass ein grosser Medienverlag sich auf so etwas einlässt, ist ein Skandal, denn solche Umfragen beeinflussen die Meinungsbildung. Ein grösserer Fake als alle Fake-Sites - und dies von einem "seriösen" Medium! Sofort aufhören, das ist unethisch!
  • amore 28.11.2016 21:10
    Highlight Highlight Keine Umfragen und Hochrechnungen mehr machen. Warten auf die Resultate ein paar Stundnen nach Schliessung der Srimmlokole.
    Das gesparte Geld armen Leuten verteilen.
  • 7immi 28.11.2016 19:50
    Highlight Highlight es könnte auch sein, dass viele für den atomausstieg sind und deshalb ja sagten, zuhause aber bemerkten, dass gemäss initiative nächstes jahr schon 3 alternativlos abgeschaltet werden? der titel einer initiative ist immer reisserisch um aufmerksamkeit zu erhaschen und prägnant zu sein. nur selten stimmt er mit dem inhalt überein.
  • Kstyle 28.11.2016 19:08
    Highlight Highlight Das kommt davon wen das was man gerne hätte nicht mit der realität übereinstimmt.
  • vaiindruu 28.11.2016 17:21
    Highlight Highlight bin ich der einzige bei dem die eingebundenen tweets immer nur zur hälfte angezeigt werden? genau so mühsam wie dass ihr in der app vorschau(en?) für artikel anzeigt, die dann über den browser geöffnet werden. wtf??
  • Herbert Anneler 28.11.2016 16:56
    Highlight Highlight Sotomo/Hermann arbeiten mit einem Verfahren, das in Fachkreisen als cheap und dirty gilt. Es ist theorielos: Wenn Sotomo richtig liegt, ist es Zufall, und wenn sie mit ihren Daten im Schilf landen, auch - eine plausible Erklärung kann es dafür nicht geben, weil das sotomo-Vergahren nicht theoretisch abgestützt ist, sondern nur evidenzbasiert. Zudem ist beim sotomo-Verfahren völlig intransparent, wie stark sie die Zellen gewichten. (Mehr als ein Faktor 1.1 gilt in Fachkreisen als problematisch). Und "bevölkerungsrepräsentative Gewichtung" ist schlicht Voodoo! Tamedia sollte das stoppen.
  • Corrado 28.11.2016 15:54
    Highlight Highlight Online-Umfragen werden NIE ein gescheites Resultat abgeben, denn wohl nur ein bescheidener %-Satz der Teilnehmer wird an die Urne gehen - - das ist wohl NIE der "Bürger" der an die Urne geht. Online ist nicht gleich "normaler Bürger", welchen Couleurs auch immer
  • DonPedro 28.11.2016 15:32
    Highlight Highlight Wären die Umfragen zutreffend, hätten wir in diesem Land endlich wieder Propheten oder Wahrsager, aber denen hat man ja auch nicht geglaubt ( zB Kassandra)
    Ich verstehe zB auch nicht, wieso die Ja- und nicht die Neinsager zu Hause geblieben sein sollen?
    Ich übrigen schadet es auch nichts, wenn es verschiedene solche Marktforschungsinstitute gibt.
    Ob und wem wir dann glauben wollen, ist unsre Sache!

    Und wie ist das mit Leuten ohne Festnetz- es gibt immer mehr davon- werden diese via Handy befragt?
  • Tineler 28.11.2016 15:20
    Highlight Highlight Mit welchen Politologen arbeitet Watson, woher bezieht ihr Eure Trends?
  • N. Y. P. D. 28.11.2016 14:55
    Highlight Highlight In zwei Interviews sagen Wasserfallen und Leemann, man habe den Ja-Anteil in einzelnen Bevölkerungsgruppen wohl überschätzt, oder aber die Ja-Sager seien zu Hause geblieben.

    👉 Dann gratuliere ich Ihnen beiden, dass sie das Abstimmungsergebnis exakt voraus gesagt haben, äh hätten, wären die Ja-Sager nicht zuhause geblieben und sie in den einzelnen Bevölkerungsgruppen den Ja-Anteil nicht überschätzt hätten ;-)
  • Fairness_3 28.11.2016 14:46
    Highlight Highlight Für was sollen diese Umfragen überhaupt gut sein? Schlussendlich mobilisieren sie jeweils höchstens das unterlegene Lager und dasjenige Lager, welches gemäss Prognose führt, muss mit Stimmenverlust rechnen, weil die positiven Werte der Umfrage dann eher demobilisierend wirken. Schlussendlich zählt was an der Urne abgestimmt wird. Also hört doch bitte einfach mal auf mit unnützen Umfragen.
    • Swordholm 28.11.2016 15:35
      Highlight Highlight Absolut dafür, dann spart man sich auch gleich diesen Kindergartenzwist von angeblich professionellen Politologen hier...
  • Madison Pierce 28.11.2016 14:41
    Highlight Highlight Solche Umfragen sind extrem schwierig zu erstellen. Meist geht es um Ja-Anteile von 45-55%. Nur ein paar Prozentpunkte daneben und schon versagt die Umfrage.

    Wobei die Umfragen vielleicht schon die Stimmung in der Bevölkerung korrekt wiedergeben. Es kann gut sein, dass 55% für die Initiative waren. Aber es zählen halt nur die abgegebenen Stimmen...

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