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Schwerbewaffnete Polizisten patrouillieren nach den Anschlägen von Paris im Zürcher Hauptbahnhof. 
Bild: KEYSTONE
Kommentar

Liebe Extremismus-Hysteriker: Ihr macht alles nur noch schlimmer

Politiker und Journalisten treiben ihre Geschäfte mit der Angst vor Terroranschlägen voran. Sie geben vor, solche bekämpfen zu wollen. Tun aber das exakte Gegenteil. 
29.11.2015, 12:0130.11.2015, 16:11
Maurice Thiriet
Maurice Thiriet
Chefredaktor
Maurice Thiriet
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Die Angst diktiert die Agenda. Die Vernunft steht hinten an.

So macht es zumindest den Anschein, wenn man die Debatte um die sogenannten Dschihadreisenden oder islamistischen Extremisten aus und in der Schweiz beobachtet. 

Bundesanwalt Michael Lauber hat bereits früh auf die «Dschihadreisenden» als Hauptpfeiler seiner PR-Strategie abgestellt, um seine Wiederwahl zu sichern. Dschihadreisende sorgen immer für Quote. Während über alle anderen Verfahren der Mantel des Schweigens ausgebreitet wird, vermeldet die Bundesanwaltschaft jede noch so kleine Aktion in Zusammenhang mit mutmasslichen Extremisten.

Über 30 Verfahren führt die Bundesanwaltschaft bisher. Verurteilungen in Fällen, die so gravierend sind, wie das öffentliche Aufsehen, das um sie gemacht wird, muss die Bundesanwaltschaft erst noch erreichen.

    Angriff auf Paris
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Die Vorverurteilung färbt ab 

Die dank des medialen Echos unvermeidliche Vorverurteilung der mutmasslichen Islamisten färbt indes seit längerem auf alle Muslime ab, die in der Schweiz leben.  

Nach den Terroranschlägen von Paris nutzen neben Lauber («würde nicht zögern, bereits jetzt einen Trojaner zur Überwachung eines Terrorverdächtigen einzusetzen, falls das nötig wäre») auch die Boulevardmedien und Verteidigungsminister Ueli Maurer die nachvollziehbare Angst der Bevölkerung, um ihre Agenden zu bewirtschaften.

Die «Weltwoche» und der «Sonntagsblick» rufen in der Woche nach den Anschlägen unter Missachtung elementarer journalistischer Sorgfaltsregeln kurzerhand eine «geheime ‹IS›-Zelle» mitsamt «‹IS›-Paten» in der Schweiz aus und Maurer ruft nach Aufstockung von Polizei, Grenzwachtkorps und Nachrichtendienst und einer neuen auf Terroristen spezialisierten Sondereinheit.  

Mit «20 Minuten» titelt die grösste Zeitung der Schweiz «Schweizer Extremisten feiern die Attentäter» und «Muslime sollen sich stärker anpassen». Und die «Arena» des SRF fragt in den ersten beiden Sendungen nach den Anschlägen von Paris nach «Krieg in Europa?» und «Die Schweiz in Gefahr?» 

Man könnte meinen, man werde bereits nächsten Dienstag auf dem Weihnachtsmarkt am Dorfbrunnen abwechslungsweise von russischen Kampfjets und Winterthurer Selbstmordattentätern in den sicheren Tod gebombt. 

Wenn Hysterie die Debatte befeuert

Das ist natürlich genauso absurd, wie es dumm wäre, anzunehmen, es gebe keine islamistisch-extremistischen Kreise, die der Schweiz gefährlich werden könnten.

Leider verunmöglichen die Angstbewirtschafter in Medien und Politik mit ihrer Hysterie eine rationale und zielführende Debatte darüber, wie die Radikalisierung einzelner Muslime so wirksam wie möglich verhindert werden kann. Ja, sie befeuern sie gar noch. 

Denn der effektivste Weg wäre das Zusammenrücken der Zivilgesellschaft und die klare Botschaft: Was islamistische Terroristen veranstalten, interessiert uns nicht, wir wohnen zusammen, arbeiten zusammen, leben zusammen und wir bekämpfen die Ausgrenzung und Denunziation von Muslimen und damit den Nährboden für islamistische Radikalisierung gemeinsam. 

Im derzeitigen Klima ist das leider ein Ding der Unmöglichkeit.

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