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bild: imgurm / montage: watson

«147 neue Nachrichten» – wieso ich alle meine 32 Gruppenchats liebe! đŸ˜»

Nirgends im Internet ist man heute noch so ehrlich wie in Gruppen wie «Saufen!! đŸșđŸșđŸș», «GIRLZ GANG đŸ˜›Â» & Â«đŸ€˜3b KVG đŸ€˜Â».
18.03.2018, 19:24

Sonntagmorgen, sieben Uhr vierzig. Ich besteige den Zug Richtung Ostschweiz. Ein bĂŒrgerliches Sonntagsprogramm: Wandern in den Voralpen. WĂ€hrend die malerische Kulisse der Churfirsten an mir vorbeizieht, rollen kontextarme Wort- und Bildmeldungen ĂŒber mein Handydisplay.

*Anmerkung der Redaktion
SĂ€mtliche Personen- und Gruppenchatnamen wurden aus GrĂŒnden der PrivatsphĂ€re abgeĂ€ndert. 

Marco B.* @ "Zug ZubberbĂŒhler"*: đŸ“· Immerno volle, wie die grösste Vollbride. Jungs, wenn git's wieder mol eine? *Bierkrug* *Bierkrug* *Bierkrug* 

Jan H.@ "Zug ZubberbĂŒhler": Isch da Ă€ FCB-Logo uf dinerĂ€ RĂ€gejaggĂ€, du Vollspasst!?! *Gesicht, das weint vor lauter Lachen*

Nico S.@ "Zug ZubberbĂŒhler": đŸ“· *mĂ€chtiger Bizeps*

Ich verdrĂ€nge meine Zeit in der Rekrutenschule mit grösster MĂŒhe. Der WhatsApp-Chat «Zug ZubberbĂŒhler» ist seit fast drei Jahren auf «stumm» gestellt. Ich habe damals keine Freundschaften geschlossen und sehe folglich keinen Grund dafĂŒr, mein Wochenendprogramm auf diesem Weg zu kommunizieren. Egal ob Bergkulisse oder Ausgang. Egal ob in «Zug ZubberbĂŒhler» oder in einer anderen digitalen Zusammenkunft irgendwelcher Handynummern. Ich bin generell nicht so der Mitteilsame, wenn es um Kurznachrichten geht. Aber ich steige nicht aus, aus den vielen Chats, sondern lese trotzdem immer fleissig mit.

Zum Beispiel in der Kaffeepause um neun.

Ich. Symbol-Meme.
Ich. Symbol-Meme.
bild: knowyourmeme

Anika G. @ "Het öpper? :)": Sind am Kinderzimmerstreichen und haben keine sauberen Farbroller mehr. Wer kann aushelfen? *Lachendes Gesicht mit Schweissperle auf der Stirn*

Reto Ä. @ "Het öpper? :)": Chasch no Banane und Sojamilch bringe?

Reto Ä. @ "Het öpper? :)": Ups, falsche Chat. *Affe, der nichts sieht*

montage: watson

Viele Leute finden Gruppenchats nervig. Vielleicht nerven sie Reto Ä., der gerade gezwungen war, sich mit einem blinden Affen zu erklĂ€ren, in diesem Moment auch.

VerstĂ€ndlich – sowas an zig Leute zu schreiben, ist wie ein zeitgenössischer Kniefall. Der unvertuschbare Fehler, das Pendant zu «Jetzt mit Anhang», nachdem man den Anhang beim ersten Mail vergessen hat, die nervig-peinliche Weiterentwicklung vom TĂŒtĂŒtĂŒ, das einst erklang, wenn man die Fax- anstatt der Telefonnummer wĂ€hlte.

Es gibt allerdings noch viel mehr GrĂŒnde, Gruppenchats aufs Blut zu hassen: SicherheitslĂŒcken, Spam-Mitteilungen, blöde Autokorrektur-Fails, die an alle Familienmitglieder geschickt wurden, vierminĂŒtige Sprachnachrichten, die man sich ohne Kopfhörer im Tram anhören muss – und nicht zuletzt die allseits beliebte Emoji-Diarrhö.

Doch egal, wie hoch sich die Argumente gegen die kollektiven Chatfenster tĂŒrmen, ich bleibe ein Fan. Ich bin der Meinung, dass Gruppenchats das einzige noch ehrliche «social Network» bilden, das es in den verworren-verlogenen Ritzen des «World Wide Web» noch gibt. In ihnen herrscht Anarchie, Menschen schreiben, bevor sie denken, Abmachungen werden im Sekundentakt getroffen und zwei SĂ€tze spĂ€ter von jemand anderem wieder ĂŒber den Haufen geworfen.

Man kann ĂŒber jenes Chaos fluchen, aber ist es letztendlich nicht etwa gleich unterhaltsam wie die alten Nachmittags-Talkshows auf RTL II?

Inzwischen hocke ich mit meinen Wandergspöndli an einem Schiefertisch einer urchigen Bergbeiz – mit 4G-Empfang. Wir freuen uns, schliesslich sind wir alle in den Jahren zwischen 1992 und 2000 geboren. Niemand stört sich an der Stille, die entsteht, weil wir alle behutsam unsere Smartphones streicheln.

montage: watson

WÀhrend meine Freunde durch Twitter, Instagram und Facebook scrollen, begutachte ich meine 147 verpassten Nachrichten der 32 Gruppenchats, denen ich angehöre.

16 Nachrichten verbucht der Streit, den zwei ferne Bekannte im «the rage is on»-Chat gefĂŒhrt haben. In diesem Chat senden wir uns Artikel, die nicht selten zu heftigen Auseinandersetzungen fĂŒhren. Heute gibt ein Text in der deutschen «Zeit» zu der feinen Gratwanderung zwischen Islamfeindlichkeit und Islamkritik Anlass zum virtuellen Schlagabtausch. In höflichster Form attackieren sich die Debattierenden, indem sie auf französische Philosophen verweisen oder zum kritischen Hinterfragen der eigenen Privilegien aufrufen. Ich klicke auf den Link zum Artikel, werde von der Paywall abgebremst und wechsle in den LGBT-Jugendchat.

WĂ€hrenddessen erzĂ€hlt mein Freund, der mir gegenĂŒbersitzt, dass ihn auf Twitter gerade jemand als kranken Dschihad-Kommunisten bezeichnet hat.

Jemand von den LGBT-Teenies – ich kenne sie oder ihn nicht, der Chat zĂ€hlt 223 Mitglieder – klagt ĂŒber Stress mit den Eltern. Jemand bietet der Person einen Spaziergang an. 13 Menschen senden Herzchen und KussmĂŒnder und wĂŒnschen viel Kraft. Ich bin gerĂŒhrt.

Zwei Sekunden spĂ€ter bewegen sich meine Mundwinkel zwei Millimeter nach oben, ein leises «Kch» ertönt aus meinem geschlossenen Mund. 26 neue Memes, die ich mich «öffentlich» niemals zu liken getrauen wĂŒrde, fanden ĂŒber den «Your Humour might be offensive»-Chat den Weg auf meinen Handybildschirm.

Eine Person namens Hannah warnt im «Sie chömet!»-Chat (637 Mitglieder), dass alle Schwarzfahrer die ZĂŒrcher Tramlinien 4, 13 und 17 meiden sollen, weil's am Limmatplatz angeblich eine Grosskontrolle gebe.

Im «Het öpper? :)»-Chat fand sich unterdessen jemand, der Anika fĂŒr kein Geld einen Farbroller anbieten konnte. Abzuholen in Wollishofen.

Im «Gratis abzugeben»-Chat wollen gleich vier verschiedene Menschen je ein Ikea-Regal zur Adoption freigeben. Die Bilder sind schlecht ausgeleuchtet, aber man sieht die Gebrauchsspuren. Anika vom «Het öpper?»-Chat erwirbt das eine der «Gratis abzugeben»-Ikeagestelle. FĂŒr's frisch gestrichene Kinderzimmer, nehme ich an. Zwei andere gehen an eine Studi-WG in Schwamendingen. Eins bleibt vorerst heimatlos. Ich erinnere mich an mein schönes Biedermeiersofa, auf das ich mich nach der harten Wanderung fallen lassen werde und das ebenfalls einst dank dem «Gratis abzugeben»-Chat vor der Kehrichtverbrennungsanlage gerettet wurde.

Mein Freund ist unterdessen von Twitter nach YouTube geswitcht, er will mir ein Video zeigen. «Wart kurz, ach schon wieder diese blöde â€čParis-Hilton-rettet-den-Ozean-Werbungâ€ș!» – Skip in 11 Seconds.

Zur gleichen Zeit landet auf dem Instagram-Server irgendwo in Oregon ein Bild von mir auf einem Schweizer Berggipfel, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Der «Slumber»-Filter vertuscht meine klitschnassen Haare und lĂ€sst mich sehr glĂŒcklich aussehen. Meine Kollegin schreibt #sundayfunday unter's Bild.

Marco B. @ "Zug ZubberbĂŒhler": Sorry fĂŒr's vollabere Jungs, hĂŒt morge. SchĂŒchi Bsöffni am Start gha. *Affe, der nichts sieht* *violettes Herz*

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Video: watson/Jodok Meier, Emily Engkent

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