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Häftling in der Strafanstalt Regensdorf (ZH)
Häftling in der Strafanstalt Regensdorf (ZH)
Bild: KEYSTONE
GENERATION GOLD AUF TRAB

Warum immer mehr Senioren kriminell werden und wir kaum etwas davon merken

Die Jugendkriminalität nimmt laut der jüngsten Kriminalstatistik ab. Die Kategorie Ü-50 hingegen legt zu. Die Zahlen und mögliche Erklärungen.
24.03.2014, 20:5011.11.2020, 08:54
Maurice Thiriet
Maurice Thiriet
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Maurice Thiriet
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Die jüngste polizeiliche Kriminalstatistik des Bundes zeigt, dass die Kriminalität bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen weiter abnimmt. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die Mitte der 2000er-Jahre begonnen und sich in den letzten drei Jahren noch beschleunigt hat. Insgesamt hat die Zahl der von der Polizei gemeldeten Straftaten von Jugendlichen in den vergangenen fünf Jahren noch einmal um einen Drittel abgenommen.

Gleichzeitig wird eine zunehmende Zahl von älteren Semestern delinquent. Dies zeigt sich einerseits in der gestern vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Anzeigestatistik. Insbesondere in der Gruppe der 50- bis 59-Jährigen ist eine kontinuierliche Steigerung auszumachen.

Die gestiegene Delinquenz der älteren, männlichen Bevölkerungsgruppe schlägt sich auch in der Gesamtzahl der Gefängnisinsassen über 50 und der Zahl der Neueinweisungen in Haftanstalten nieder, wie die entsprechenden Zahlen des Bundesamtes für Statistik bis 2012 zeigen.

Die markanteste Zunahme zeigt sich bei den Einweisungen von über 50-Jährigen in die stationäre Massnahme, die sogenannte «kleine Verwahrung», die regelmässig verlängerbar ist und bei gefährlichen Gewalt- oder Sexualverbrechern immer häufiger angewandt wird.

Prävention bei den Jungen wirkt

Über die Gründe, weshalb die Jugendkriminalität so markant zurückgeht, gehen die Expertenmeinungen auseinander.

Der Basler Kriminologe und emeritierte Strafrechtsprofessor Peter Aebersold führt neben der demographischen Wirkung der geburtenschwachen Jahrgängen einerseits das Ausbleiben neuerlicher Flüchtlingswellen an. «In den 90-er Jahren sind viele Familien aus Ex-Jugoslawien eingewandert, die eine komplette Dekonstruktion der sozialen Ordnung im Heimatland erlebt hatten und vom Kampf ums Überleben geprägt waren», sagt Aebersold. Die Kinder dieser Familien seien heute erwachsen, eine neue Gruppe sei nicht nachgefolgt.

Andererseits erntet die Schweiz mittlerweile die Früchte intensiver Präventionsarbeit. «Prävention wirkt langfristig. Wir spüren jetzt die verbesserte Gewaltprävention in den Schulen, die das heute ernster nehmen. Es gibt gute neue Ansätze wie das Programm zur frühkindlichen Prävention, wie es beispielsweise Zürich hat», sagt Aebersold.

Olivier Guéniat, Kriminologe und Chef der Neuenburger Kriminalpolizei will die abnehmende Delinquenz der Jugendlichen nicht auf einen oder zwei Faktoren zurückführen. «Seriöserweise kann niemand eine qualifizierte Aussage machen, warum es so ist, es spielen mindestens 20 Gründe eine Rolle», sagt Guéniat, der die hohen Zahlen der Jugendkriminalität zwischen 1995 und 2005 in Zusammenhang mit rasant verlaufenden Entwicklung zur 24-Stunden-Gesellschaft in dieser Zeit. «Das Leben war in dieser Zeit geprägt von einem Umbruch und einer beispiellosen Temposteigerung in allen Lebensbereichen, sei es mit dem Aufkommen neuer Medien, dem massiv ausgebauten ÖV-Angebot oder Öffnungszeiten rund um die Uhr und solche Umbrüche fördern die Delinquenz», sagt Guéniat. Mittlerweile habe man sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt.

Die alten sind aktiver - in allen Bereichen

Auf gar keine Aussage will sich Guéniat festlegen, wenn es um die Zunahme der Delikte der Generation Ü-50 geht. «Diese Entwicklung ist allein mit der demographischen Entwicklung nicht zu erklären, ich kenne niemanden, der eine vernünftige und fundierte Erklärung dafür hat», sagt Guéniat.

Der Basler Kriminologe Aebersold glaubt indes, eine gefunden zu haben. «Die älteren Leute sind heute aktiver und unternehmenslustiger, was sich auch in der Delinquenz zeigt», sagt Aebersold. Insgesamt falle die Senioren-Delinquenz aber weniger auf als die Jugendkriminalität, da in der Altersgruppe Ü-50 still verübbare Vermögensdelikte im Vordergrund stünden, während Gewaltdelikte eher selten seien. In Deutschland fallen Senioren zu meist mit Ladendiebstählen und Tankraub auf.

Häusliche Gewalt als Offizialdelikt

Forensiker Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich, zieht eine weitere Möglichkeit in Betracht. So sind die Delikte im Bereich der häuslichen Gewalt seit 2004 Offizialdelikte, das heisst die Polizei muss Anzeige erstatten. «Häusliche Gewalt oder Vergewaltigung in der Ehe betreffen oft ältere Täter und die Anstrengungen diese Delikte zu verfolgen und aufzuklären sind in den Kantonen mit Gewaltschutzgesetzen und spezialisierten Polizeieinheiten in den vergangenen fünf Jahren verstärkt worden», sagt Urbaniok.

In den Haftanstalten führt die steigenden Zahl von Kriminellen im gesetzten Alter zunehmend zu Schwierigkeiten. «Es herrscht ein Mangel an Plätzen für ältere Hälftlinge, da diese Delinquentengruppe je länger je höhere Strafmasse aufweist, immer öfter in eine stationäre Massnahme oder eine Verwahrung eingewiesen und daraus immer seltener entlassen wird», sagt Aebersold.

Mehr zur Kriminalstatistik: Die «kriminellsten» Gemeinden.
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