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Yonnihof

Für immer und ewig! Gibt es die «grosse Liebe»?

24.12.2015, 14:4424.12.2015, 15:06

«Wie alt bisch eigentlich?», fragte mich ein mir fern Bekannter kürzlich am runden Tisch, als man nach einem geselligen Nachtessen zusammen sass und immer wieder und immer mehr Grappa und Espresso bestellte.  

Es handelte sich um eine Gegenfrage. Kurz davor hatte ich ihn gefragt, ob er denn nicht an die grosse Liebe glaube.  

Auf diese Frage bekommt man so allerlei Antworten – ich stelle sie gerne, weil mich die Antworten der Menschen in meinem Umfeld interessieren und weil ich glaube, dass es sich um eine dieser Fragen handelt, die einem über ihren Inhalt hinaus Einblick in die Gedankenwelt des Gegenübers gibt. Und das tut sie in meinem Dafürhalten immer extremer: Immer öfter stelle ich fest, dass man auf diese simple Frage keine Antworten wie «Ja, weil ...» oder «Nein, weil ...» mehr geben kann, sondern dass man sich entweder persönlich davon bedroht fühlt oder man der Fragenden, also mir, sofort das Gefühl geben muss, sie sei wohl mit 14 Jahren in «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» hängengeblieben. Letzteres lenkt sehr offensichtlich von einem selber ab.

Aber warum? Weil man die Antwort selber nicht kennt? Oder weil man sie gefunden zu haben glaubt, sie jedoch nicht mag?  

Vor einer Weile sass mir eine 25-jährige Freundin im Café gegenüber und erzählte von einem Mann, den sie zwar möge, der sie aber einenge. Es sei wohl einfach der falsche Zeitpunkt, sagte sie mir, und fügte an «Und was ist denn schon Liebe?» Natürlich war das eine rhetorische Frage. Oder?  

Wissen wir, die wir an die grosse Liebe glauben oder eben nicht, was Liebe ist? Einen Begriff davon haben die meisten – diejenigen, die nicht an «die eine grosse Liebe» glauben, finden auf Nachfrage meist schon, dass es grosse Liebe gibt, einfach keine, die ein Leben anhält.  

Also liegt’s an der Definition der Liebe, die uns den Glauben daran kaputt macht? Schrauben wir uns den Begriff zu einem solchen Extrem hoch, dass wir unseren eigenen Anforderungen daran nicht mehr gerecht werden können?  

Selbstverständlich gibt es diese Geschichten. Wir kennen sie alle. Die Grosseltern, die seit 65 Jahren zusammen sind. Nun lebten diese Grosseltern einen grossen Teil ihrer Beziehung in einer Zeit, da «man sich nicht trennte». Und da man auch «nicht über sowas sprach». Wenn also eine/r oder beide zu einem gewissen Zeitpunkt aus der Sache rauswollte, weiss davon wahrscheinlich niemand.  

Fakt ist doch: Das einzig Sichere ist, dass nichts sicher ist. Das einzig Unveränderbare ist, dass wir uns verändern. Der Anspruch, dass sich zwei Menschen über zig Jahre in die gleiche Richtung und gleich schnell verändern und deshalb immer konstant so gut zusammen passen, dass sie sich nicht verlassen möchten, ist gelinde gesagt steil.  

Dazu kommt noch folgendes: Der Glaube, man sei für seine/n PartnerIn das Leben lang der einzig attraktive Mensch auf dem Planeten und nur so könne man zusammen sein, ist in meinen Augen illusorisch. Es wird immer andere Frauen oder andere Männer geben, die ins Leben des Partners treten und ja, manchmal ist der- oder diejenige attraktiver. Ob nur kurzzeitig oder auch längerfristig.

Ich persönlich gehe da gar noch weiter: Wenn mein Partner nach x Jahren Beziehung in den Männerferien mit seinen Kumpels einmal (!) betrunken mit einer megageilen Frau ins Bett geht und sie danach nie mehr sieht, dann will ich das gar nicht wissen. Damit muss er leben, nicht ich, und das verdient es nicht, meine Beziehung und meinen Selbstwert kaputt zu machen. «Ein Freifahrtschein», jubilieren jeweils meine Single-Freunde, wenn ich ihnen das sage. Kaum. Ich wage zu behaupten, dass ich eine so langfristige Beziehung bisher und in Zukunft nur mit Männern eingegangen bin oder eingehen werde, die aus dieser Aussage keine «License to cheat» ableiten.  

Und da ist noch ein Fakt: Manchmal trennen sich Menschen wegen anderer Menschen. Das ist schlimm und traurig und macht einen fertig, aber es ist eine Tatsache.  

Das klingt desillusioniert? Mitnichten! Ich glaube, das ist die Realität. Wenn jemand nach 15 Jahren Beziehung sagt: «Mini Silvia isch immerna die einzig und die schönscht Frau für mich!», dann finde ich das grossartig. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass sich das ändern kann.  

Das bedeutet aber nicht, dass Silvia und ihren Mann nicht einst die grosse Liebe verbunden hat. Wir reden ja nicht von der «langen Liebe», sondern von der «grossen».  

Ich glaube, es gibt sie. Sie ist nicht ganz so rosa und schnörkelig, wie ich mir das noch mit 15 vorgestellt habe, man erlebt sie eventuell mit mehr als nur einer Person und sie hält wohl auch nicht ewig und drei Tage.

Wenn man diese unrealistischen Ansprüche jedoch einmal weglässt, merkt auch der grösste Zweifler, dass er die grosse Liebe vielleicht bereits einmal erleben durfte und dass es sich lohnt, weiter danach Ausschau zu halten.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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