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In Atlanta (Georgia) tauchten Plakate auf, die Trump als Hitler darstellen.<br data-editable="remove">
In Atlanta (Georgia) tauchten Plakate auf, die Trump als Hitler darstellen.
Bild: EPA/AJC

Ein «Proto-Faschist» im Hoch: Warum Donald Trump nicht zu stoppen ist

Mit dem geforderten Einreiseverbot für Muslime hat Donald Trump eine neue Eskalationsstufe gezündet. Geschadet hat es ihm nicht, der republikanische US-Präsidentschaftskandidat erreicht in den Umfragen neue Rekordwerte. Freund und Feind ist das Lachen vergangen.
12.12.2015, 14:1014.12.2015, 07:53

Bis vor kurzem glaubten viele in den USA, Donald Trump sei eine Witzfigur. Zwar belegt der Immobilientycoon seit einem halben Jahr den Spitzenplatz im republikanischen Bewerberfeld für die US-Präsidentschaftswahl 2016. Ein solches Stehvermögen hatte ihm kaum jemand zugetraut. Dennoch hielt sich hartnäckig die Überzeugung, der New Yorker mit der bizarren Föhnfrisur werde es mit seinen irren Auftritten irgendwann übertreiben und von den Wählern abgestraft werden.

Wochenlang habe sie das ebenfalls gedacht, gestand Hillary Clinton, die Favoritin bei den Demokraten, am Donnerstag auf dem Fernsehsender NBC. Jetzt aber sei Trump viel zu weit gegangen: «Was er sagt, ist nicht nur schändlich und falsch – es ist gefährlich.» Seine Forderung nach einem Einreiseverbot für Muslime spiele «den Terroristen in die Hände», warnte Clinton. Sie sei «ein grossartiges Propagandawerkzeug zur Rekrutierung in Europa und den USA».

Trump verlangt das Einreiseverbot für Muslime.

Trump hatte am Montag die «vollständige und komplette Schliessung» der Grenzen für Muslime gefordert. Ausnahmen solle es höchstens für Diplomaten und Sportler geben, nicht aber für Touristen. Damit reagierte der Republikaner auf den Terroranschlag im kalifornischen San Bernardino. Die Reaktionen waren heftig, die republikanischen Mitbewerber verurteilten Trump genauso wie Präsident Barack Obama, der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney oder die Boxlegende Muhammad Ali, selber ein Muslim.

35 Prozent für Trump

Hat dies «The Donald» geschadet? Keineswegs. In einer neuen Umfrage von «New York Times» und CBS News sprechen sich 35 Prozent der republikanischen Wähler für das schrille Grossmaul aus, mehr als je zuvor. Der texanische Senator Ted Cruz liegt mit 16 Prozent deutlich zurück. Gleichzeitig meinen 64 Prozent aller Befragten, ein möglicher Präsident Trump erzeuge bei ihnen Besorgnis oder gar Angst. In einer anderen Umfrage von NBC und «Wall Street Journal» lehnen 57 der Befragten das Einreiseverbot für Muslime ab. Aber immerhin 25 Prozent befürworten es.

Ein Ende der Trump-Horrorshow ist nicht in Sicht. Viele Beobachter gingen davon aus, der 69-Jährige werde aus dem Präsidentschaftsrennen aussteigen, wenn sein gigantisches Ego befriedigt sei. Dies scheint noch lange nicht der Fall zu sein, Donald Trump ist vielmehr auf den Geschmack gekommen. Seine Kampagne hatte er im Juli mit einer Hetze gegen mexikanische Einwanderer begonnen. Den Tiefpunkt erreichte er, als er kürzlich behauptete, Muslime hätten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Bundesstaat New Jersey auf den Strassen gejubelt.

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quelle: ap/ap / jacquelyn martin
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Er habe es selber gesehen, behauptete Trump – eine brandschwarze Lüge. Niemand hat in den USA an 9/11 Freudenfeste gefeiert. Seine Fans aber nehmen ihm alles ab, sie lieben ihn gerade dafür, dass er unkorrekte Dinge ausspricht. «Im Gegensatz zu den meisten Leuten sagt er, was er denkt, und hält sich nicht zurück», sagte ein 16-jähriger Supporter der BBC. «Er ist kein Politiker, er ist einfach ein Mensch», meinte eine andere Anhängerin.

Eine Untersuchung der Universität Stanford vom September hat bestätigt, was eigentlich schon lange klar war: Trumps Fangemeinde besteht aus eher älteren Menschen mit tiefem Einkommen und Bildungsgrad. Leute aus dem unteren Mittelstand, die zutiefst frustriert sind, weil sie vom wirtschaftlichen Aufschwung so gut wie nichts bemerken. Und die dafür die Politiker in Washington verantwortlich machen. Und die «Anderen»: Einwanderer, Muslime.

Wie Le Pen und Orban

Donald Trump, der erklärte Anti-Politiker, versteht es meisterhaft, ihre Ressentiments zu bedienen. Und überschreitet dabei alle Grenzen. Nun wird in den USA ernsthaft erörtert, ob der Unternehmer und Reality-TV-Star ein Faschist sein könnte. Der CNN-Terrorismusexperte Peter Bergen kommt in seiner Analyse zum Schluss, Trump sei ein Proto-Faschist. Viele seiner Ansichten seien faschistisch, aber er propagiere keine Gewalt zu ihrer Durchsetzung.

Bergen erkennt eine interessante Parallele zwischen Trump und Marine Le Pen, Chefin des französischen Front National und Triumphatorin in der ersten Runde der Regionalwahlen. Als ähnliches Phänomen bezeichnet er den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der Zäune gegen Flüchtlinge errichtet. Donald Trump sei «Teil einer rechtsnationalistischen Welle, die den Westen überflutet», lautet Bergens Fazit. Man könnte auch die Schweiz erwähnen.

An Gegenreaktionen in den USA fehlt es nicht. Die New Yorker Zeitung «Daily News» karikierte Donald Trump auf der Titelseite als Dschihadisten, der die Freiheitsstatue enthauptet. Die zugehörige Schlagzeile spielt auf den deutschen Pastor Martin Niemöller an, der von den Nazis ins KZ gesteckt wurde. Nach dem Krieg formulierte er ein schonungslos selbstkritisches Gedicht, in dem er sinngemäss sagte: «Als sie Kommunisten, Sozialisten, Juden holten, schwieg ich, weil ich keiner von ihnen war. Als sie mich holten, war keiner mehr da, der protestieren konnte.»

Cruz in Iowa in Führung

Die Wahrscheinlichkeit, dass Donald Trump die Nomination der Republikaner schafft (oder gar Präsident wird) bleibt gering. Er hat nicht nur die meisten Anhänger, auch die Zahl seiner erklärten Gegner ist grösser als bei seinen Kontrahenten. Als Profiteur könnte jener Ted Cruz hervorgehen, der direkt hinter ihm klassiert ist. Der kubanischstämmige Texaner ist erzkonservativ, hochintelligent und vermeidet die schlimmsten verbalen Entgleisungen.

Ted Cruz macht Wahlkampf in Iowa.<br data-editable="remove">
Ted Cruz macht Wahlkampf in Iowa.
Bild: Getty Images North America

Im Bundesstaat Iowa, wo am 1. Februar 2016 der Vorwahlzirkus beginnt, liegt er schon heute in Führung. Seit Wochen arbeitet Cruz geduldig darauf hin, die Trump-Fangemeinde in sein Lager zu locken, wenn deren Liebling nicht mehr im Rennen ist. Sein Ziel ist eine konservative Revolution in Amerika. Noch scheint es wenig wahrscheinlich, dass die Republikaner einen Rechtsaussen wie Cruz zum Kandidaten erküren werden. Kommt es aber zu weiteren islamistischen Anschlägen, könnte seine Saat aufgehen.

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