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Bild: Shutterstock

Interview mit einem Separatisten

Signor Caruso, warum wollen Sie Sardinien zum 27. Kanton der Schweiz machen?



Andrea Caruso ist Zahnarzt und wohnt in Cagliari auf Sardinien. In seiner Freizeit arbeitet der 50-Jährige auf die Abspaltung der Mittelmeerinsel von Italien und ihren Beitritt zur Schweiz hin. Für dieses Ziel hat er zusammen mit einem Jugendfreund die Initiative «Canton Marittimo» («Meerkanton») ins Leben gerufen.

Erhält die Schweiz 500 Jahre nach der Schlacht von Marignano eine zweite Chance auf einen Meerzugang? Mit watson sprach Caruso über seine erloschene Liebe zu Italien und die grosse Bewunderung für den Schweizer Föderalismus.

Wie ist die Idee für einen Beitritt Sardiniens zur Schweiz entstanden?
Andrea Caruso: Aus dem Wunsch, den Sarden einen Weg zum Wohlstand aufzuzeigen, durch eine leistungsfähige Verwaltung sowie die Verwirklichung unseres Potenzials. Insellage und kulturelle Eigenheiten haben den Unabhängigkeitssinn der Sarden stets am Leben erhalten. Dieser macht sich in der aktuellen Periode der Unsicherheit immer stärker bemerkbar. Wir glauben, dass das Streben nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung etwas ist, das alle in Sardinien befürworten. 

«Wir glauben, dass das Streben nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung etwas ist, das alle in Sardinien befürworten. »

Andrea Caruso

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Andrea Caruso (50) Bild: ZVG

Dazu brauchen Sie die Schweiz nicht.
Sobald wir die Unabhängigkeit erlangt haben, müssen wir zuerst unser politisches System von Grund auf erneuern. Das italienische hat seine Untauglichkeit zur Genüge bewiesen. Wir haben aber keine Erfahrung in der Selbstverwaltung und tragen zudem schwer am Erbe jenes ineffizienten Systems, das wir bisher hatten. Deshalb müssen wir in Erwägung ziehen, uns einem erfahrenen Partner anzuvertrauen, der uns hilft, eine schlagkräftige, effiziente und reife Organisation zu schaffen. Dieser Partner kann unseres Erachtens nur die Schweiz sein. Kein anderes Land hat einen solch hohen Respekt vor den kulturellen Eigenheiten und der politischen Autonomie seiner Gliedstaaten.  

Welche Reaktionen erhalten Sie von Ihren Mitbürgern?
Durch die Medienpräsenz hat unser Vorhaben das Interesse vieler Menschen sowohl in Sardinien als auch in der Schweiz geweckt. Auf unserer Insel spielt sich eine politisch-wirtschaftliche Krise ab, die das Misstrauen gegenüber den Institutionen und dem Verwaltungsapparat noch einmal verstärkt hat. Viele hier reagieren deshalb enthusiastisch und warten ungeduldig darauf, dass sich unser Projekt sehr bald konkretisiert. Sie verkennen, dass solch tiefgreifende Veränderungen viel Zeit brauchen. 

Keine negativen Rückmeldungen?
Natürlich erleben wir auch Ablehnung. Und manche halten unser Vorhaben schlicht für einen Scherz. Das ist verständlich, können sich doch die wenigsten vorstellen, dass sich sozio-politische Veränderungen ausserhalb staatlicher Normen herbeiführen lassen. Dabei ist die Geschichte voller solcher Beispiele. 

Strand bei Santa Teresa di Gallura, Nordsardinien

Bild: watson

Planen Sie ein Referendum, ähnlich wie die Separatisten in Venedig?
Seit einigen Tagen ist eine Petition online, um sowohl die sardische als auch die schweizerische Bevölkerung zu sensibilisieren und konkret auszuloten, was beide von dem Vorhaben halten. Darauf wird eine Unterschriftensammlung in Sardinien folgen, um in einem demokratischen Verfahren präzise Anforderungen zu entwickeln. Wir sind pazifistisch, apolitisch, tolerant und gewaltlos. Wir glauben fest an die demokratische Selbstbehauptung des Volkswillens. 

Möchten Sie, dass Sardinien der Schweiz beitritt?

Was hat Sardinien der Schweiz zu bieten?
Die Antwort «das Meer» wäre im Fall eines Landes, das keines hat, ebenso offensichtlich wie kurzsichtig. Wir sehen das gewaltige Potenzial Sardiniens, das bisher leider weitgehend ungenutzt blieb: Die Insel ist mehr als halb so gross wie die ganze Schweiz und zählt 1,6 Millionen Einwohner. Ein Grossteil konzentriert sich auf die Ballungszentren Cagliari, Sassari und Olbia. Die 1900 Kilometer Küstenlinie sowie das Landesinnere sind nahezu unberührt.  

Gasse in der Altstadt Cagliaris

Bild: shutterstock

Wie schätzen Sie das Wirtschaftspotenzial Sardiniens ein?
Die Industrialisierung wurde durch verfehlte strategischer Entscheide Roms verspielt, vor allem durch horrende Energie- und Transportpreise. All dies könnte eine kompetente Verwaltung anpacken und lösen. Der sardische Industriesektor liegt momentan brach, könnte aber rasch reaktiviert und auf rentable Produktionszweige ausgerichtet werden. Unsere Landwirtschaft hat Nischencharakter, ist aber sehr produktiv. Sie ist ebenso wie die Bewirtschaftung des Meeres ausbaufähig. Die Sanierung und Umnutzung von tausenden heruntergekommenen Gebäuden in Staats- und Privatbesitz würden dem Immobiliensektor neues Leben einhauchen.

Und dann wäre da noch der Tourismus.
Ich wollte am Schluss auf ihn zu sprechen kommen, weil er als Entwicklungsmotor eine besondere Bedeutung für Sardinen hat. Wir bieten hier echten Erlebnis-Tourismus, abseits jenes Produktivitätswahns, der anderswo zu einer Verarmung des Angebots geführt hat. Unsere ländliche und urbane Lebensweise ist traditionell, ohne sich vor den positiven Aspekten der Moderne zu verschliessen. Hunderte archäologische Ausgrabungsstätten zeugen von unserem reichen kulturellen Erbe.

Schon ein Vorschlag für die Kantonsfahne?

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Logo von Canton Marittimo  Bild: cantonmarittimo.com

In enger Anlehnung an das Original

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Bild: shutterstock

Sie schlagen vor, die Schweiz solle Italien Sardinien abkaufen. Welcher Preis schwebt Ihnen vor?
Die Idee eines Verkaufs war nie mehr als ein Vorwand und eine Provokation, um Interesse an der Initiative zu generieren. Das ist uns gelungen. Wir Sarden würden natürlich niemals akzeptieren, als Tauschware behandelt zu werden. Der einzig gangbare Weg ist die demokratische Selbstbestimmung, ein Wunsch der sich vielerorts in Europa äussert, sei es in Schottland, Katalonien, auf der Krim und bei unseren Landsleuten in Venezien. 

Kommen Sie, jetzt nennen Sie einen Preis. 
Also gut, aber wirklich nur als Gedankenspiel: Das aggregierte Immobilienvermögen der Italiener entspricht ungefähr viermal dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Sardinien hat ein BIP von rund 35 Milliarden Euro. Gemäss diesem Berechnungsmodell wäre Sardinien etwa 140 Milliarden Euro wert. Aber ich wiederhole, um jegliche Instrumentalisierung zu vermeiden: Diese Berechnung ist keinesfalls ernst gemeint, sondern lediglich eine Weiterführung der Provokation! 

In der Schweiz haben wir den interkantonalen Finanzausgleich. Glauben Sie, Sardinien wäre ein Netto-Zahler oder ein Netto-Empfänger?
Angesichts der Steuerschulden des italienischen Staates gegenüber Sardinien sind wir es, die Italien Geld «geliehen» haben. Diese betragen seit 1991 zwischen 12 und 15 Milliarden Euro und konnten bislang trotz grosser Anstrengungen nicht bereinigt werden. Auf der anderen Seite würden wir dieses Interview nicht führen, wenn Sardinien eine florierende Region wäre. Die Sarden sind ein stolzes Volk, die keine Almosen entgegennehmen. Das Ziel muss doch sein, die Ärmel hochzukrempeln und unter fachkundiger Anleitung eineinhalb Millionen Menschen mit ihrem ungeheuren Potenzial zu Wohlstand zu verhelfen. Sollte der Finanzausgleich dabei behilflich sein, sagen wir sicher nicht Nein. Vermutlich brauchen wir ihn nicht und wenn doch, werden wir in der Lage sein, dereinst alles zurückzuzahlen. 

Der Ausländeranteil in der Schweiz beträgt über 20 Prozent, in Italien 8. Wäre Sardinien bereit, seinen Ausländeranteil signifikant zu steigern?
Die Sarden sind gastfreundlich, also warum nicht? Die Einwanderung müsste natürlich klar geregelt sein. Was die Personenfreizügigkeit anbelangt, so müssten für alle, einschliesslich der Ausländer, Beschäftigung und Wohlstand gewährleistet sein. Abgesehen davon sind wir überzeugt, dass viele Schweizer die Insel als zweiten Wohnsitz wählen werden. Das würden wir natürlich begrüssen.  

«Uns verbindet das Inselbewusstsein, bei euch durch die Berge, bei uns durch das Meer bedingt.»

Andrea Caruso

Von allen Ländern haben Sie sich die Schweiz für einen Beitritt ausgesucht. Warum?
Wie gesagt wegen der ausgezeichneten Verwaltung. Der effizienten Sozial- und Wirtschaftspolitik, dem Respekt gegenüber kulturellen Eigenheiten und dem Föderalismus. Wir glauben, dass unser Meerzugang, das erwähnte Wirtschaftspotenzial und die geringe Bevölkerungszahl für die Schweiz attraktive Aspekte eines Beitritts darstellen. Im Übrigen verbindet uns das Inselbewusstsein, bei euch durch die Berge und bei uns durch das Meer bedingt. 

Warum sind Sie derart von Italien und von der EU enttäuscht? 
Wir sind weder gegen Italien noch gegen Europa. Kulturell und emotional tragen viele von uns Italien in sich. Dennoch merken wir, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert, wie eine erloschene Liebe. Da ist eine Trennung unausweichlich, frei von Feindseligkeit, aber weiterhin mit Verbundenheit und Respekt. Was das europäische Experiment anbelangt: Es ist aussergewöhnlich und ambitioniert, aber leider wurden zu viele Fehler begangen. Inzwischen sind die Ungleichheiten und die Unzufriedenheit zu gross. Sollten wir entscheiden, für uns selbst zu schauen, brauchen wir die EU nicht, fernab von allem und vom Meer umgeben. 

Rauhe Schönheit im Hinterland von Olbia, Nordsardinien

Bild: EPA

Blicken wir in die Zukunft: Angenommen, die Schweiz wäre zu einer Aufnahme Sardiniens bereit, aber Rom sagt Nein. Was dann?
Ein Kauf ist wie gesagt ausgeschlossen, wir sehen vielmehr einen Akt der Selbstbestimmung, wie er in der Geschichte immer wieder vorkommt. Früher wurden solche Ereignisse mit blutigen Kriegen herbeigeführt. Heute, in einer zivilisierten Welt, deren bestes Beispiel Europa ist, sollten wir dasselbe Ziel mit den reinsten Prinzipien der Demokratie erreichen. Wir hier werden versuchen, gemeinsam den Willen zu einer demokratisch anerkannten Autonomie zu formulieren. Euch Schweizer bitten wir in der Zwischenzeit, Pro und Contra eines allfälligen Beitrittsgesuchs abzuwägen.

Disclaimer: Der Redaktor ist entschiedener Separatismus-Gegner, aber grosser Sardinien-Fan.

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