Coronavirus
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Geheime Krisenübung: Was wäre, wenn in der Schweiz Lebensmittel knapp würden?

Bis vor kurzem war das Szenario in der Schweiz undenkbar: eine Lebensmittelknappheit. Während der ersten Coronawelle haben Spezialisten des Bundes aber quasi heimlich untersucht, was zu tun wäre, wenn es doch dazu käme. Die Arbeit wurde als vertraulich klassifiziert, um zusätzliche Hamsterkäufe zu verhindern.

Andreas Maurer / ch media



Als das Coronavirus Ende Februar in der Schweiz ankam, blieben plötzlich einige Regale in den Läden leer. Die Leute, die Hamsterkäufe tätigten, wurden belächelt und belehrt. Es bestehe kein Grund zur Panik, es sei genug für alle da. So lautete die Kommunikation der Behörden und Detailhändler.

Fraum mit leerem Kühlschrank

Was, wenn der Kühlschrank leer ist. Bild: shutterstock.com

Hinter den Kulissen machten sich Experten des Bundes aber zeitweise Sorgen um die Lebensmittelversorgung. Am 27. März hielt der Krisenstab des Bundesrats im noblen Bernerhof seine zweite Sitzung zur Coronakrise ab.

Die Teilnehmer wurden über eine Mitteilung von Rainer Deutschmann informiert, dem Logistik-Chef der Migros. Im Protokoll des Krisenstabs steht: «Die Migros rechnet mit grossen Ausfällen in den nächsten vier bis sechs Wochen bezüglich Importen, aber auch Personal (mit bis zu 15 Prozent Ausfällen des Schlüsselpersonals).»

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Ganz anders kommunizierte die Migros nach aussen. Auch heute will sie sich nicht zur Aussage ihres Logistik-­Chefs äussern und teilt lediglich mit, es sei die Aufgabe des Migros-Krisenstabs, sich auf verschiedenste Eventualitäten vorzubereiten.

Was wäre, wenn? Der Krisenstab nahm die Frage ernst und setzte eine Arbeitsgruppe ein, die den Auftrag hatte, sich auf ein Szenario vorzubereiten, das noch drastischer ist als die Warnung der Migros: Was wäre, wenn bis Ende Juni 50 Prozent der Importe und 20 Prozent des Personals ausfielen?

Das Protokoll des Krisenstabs hat die «Sonntagszeitung» publiziert. Die CH-Media-Zeitungen haben beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung Einsicht in den Bericht der eingesetzten Arbeitsgruppe Lebensmittelversorgung verlangt und nun erhalten.

«Wollten verhindern, dass die Bevölkerung verunsichert wird»

Ursprünglich wurde der Bericht als vertraulich klassifiziert. Werner Meier, Delegierter des Bundesrats für die wirtschaftliche Landesversorgung, erklärt: «Wir wollten verhindern, dass die Bevölkerung verunsichert wird, wenn der Bericht oder die Arbeiten dazu in jenen turbulenten Tagen bekannt geworden wären. Jetzt haben wir die Vertraulichkeit aufgehoben, weil wir es sinnvoll finden, dass die breite Öffentlichkeit wahrnimmt, wie wir uns auf ein fiktives Szenario einer Lebensmittelknappheit vorbereitet haben.»

Der Bericht wurde von der Milizorganisation Wirtschaftliche Landesversorgung erstellt, die aus 250 Kaderleuten der Wirtschaft besteht. Die Idee hinter der Krisenorganisation ist, dass die Schweiz auch in einer Mangellage von der Wirtschaft und nicht vom Staat versorgt werden soll.

8000 Tonnen Oliven- und Sonnenblumenöl würden fehlen

Das Resultat: Eine Vollversorgung könnte in diesem Szenario nicht mehr aufrechterhalten werden. Während einige Produkte wie Milch in der Schweiz im Überfluss vorhanden sind, hängen viele andere von ausländischer Produktion ab. Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz beträgt nur 58 Prozent.

Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz.

Bild: ch media

Zu Engpässen würde es zuerst beim Oliven- und Sonnenblumenöl kommen. 2000 und 6000 Tonnen würden fehlen. Die inländische Rapsölproduktion wäre zu klein, um diesen Mangel zu beheben.

Als Nächstes würde der Reis ausgehen, da dieser in der Schweiz nur von einigen wenigen Bauern angebaut wird. Weiter wäre ein Mangel bei Gemüse und Früchten, einzelnen Konserven, vor allem Tomaten und Mais, sowie bei den Eiern zu erwarten.

Die Arbeitsgruppe listet die Massnahmen auf, die in dieser Situation eingeführt würden. Zuerst würden Pflichtlager freigegeben. Unternehmen, die lebenswichtige Waren herstellen, sind verpflichtet, Vorräte anzulegen. Diese werden in einer Mangellage vom Bund freigegeben.

In den vergangenen Jahren war dies mehrmals der Fall, als Frachtschiffe die Schweiz wegen Niedrigwasser auf dem Rhein längere Zeit nicht beliefern konnten. Gelagert werden zum Beispiel 35'500 Tonnen Speiseöle und -fette und 16'400 Tonnen Reis, die jeweils den Bedarf von vier Monaten decken würden. In der Coronakrise wurden die Pflichtlager bisher nicht benötigt.

Zum Zug kam eine andere Massnahme: Importförderung. So wurden die Deklarationsregeln gelockert. Zum Beispiel durfte normales Salz in Meersalz-Packungen verkauft werden, wenn das Original ausgegangen ist.

Zudem wurde das Nacht- und Sonntagsfahrverbot für Lastwagen aufgehoben. Auch weitere Bestimmungen könnten gemäss dem Bericht gelockert werden, zum Beispiel zur Einfuhr von Genfood.

Nur noch eine Packung pro Person

Wenn die Situation damit nicht entschärft werden könnte, würden drastische Massnahmen folgen. Dann würde eine generelle Abgabebeschränkung eingeführt. Vorgesehen ist, dass von bestimmten Produkten nur eine Einheit pro Person und Einkauf besorgt werden dürfte, zum Beispiel nur eine Flasche Olivenöl oder eine Packung Reis.

Während der Coronakrise wurde diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht gezogen. Bereits am 13. Februar sei eine sogenannte generelle Abgabebeschränkung an der Verkaufsfront diskutiert worden, heisst es im Bericht.

Die Detailhandelsspezialisten haben eine Liste mit Waren erstellt, deren Verkauf in einer schweren Mangellage eingeschränkt werden könnte: Tiefkühlobst, haltbare Milchprodukte, Eier, Öle und Fette, Grundnahrungsmittel, haltbare Brotartikel, Konserven, haltbare Fertiggerichte, Saucen, Baby- und Hygieneartikel sowie Reinigungsmittel.

Gleichzeitig wurden auch die Schwächen der Massnahme besprochen. Es sei kaum zu verhindern, dass Konsumenten mehrfach einkaufen. Schliesslich wurde die Massnahme nur bei fiebersenkenden Medikamenten und Gesichtsmasken eingeführt.

Wie im Zweiten Weltkrieg: Eine Rationierung wird zum Thema

Wenn Grundnahrungsmittel ausgehen würden, wäre gemäss dem Bericht eine Rationierung der nächste Schritt. Rationierte Waren könnten nur noch gegen Abgabe einer Bezugsberechtigung gekauft werden.

Im Unterschied zum Zweiten Weltkrieg würde man nicht mehr mit einem Märklisystem arbeiten, sondern eine App-Lösung entwickeln. Im Szenario mit einer Halbierung der Importe wäre eine Rationierung aber nicht nötig, weil die Inlandernte und die Pflichtlager ausreichen würden.

Die letzte Massnahme in der Kaskade ist eine Anbauoptimierung. In einer Mangellage würde der Bund in die inländische Nahrungsmittelproduktion eingreifen. Damit die Bevölkerung mit genügend Kalorien versorgt werden kann, würde der Konsum von tierischen Nahrungsmitteln eingeschränkt und der Anteil der veganen Ernährung erhöht. Das ist aktuell kein Thema.

Die Expertengruppe macht in ihrem Bericht aber einen anderen Vorschlag zur Anbauoptimierung: Sie schlägt vor, den Anbau von Sommerraps mit Direktzahlungen zu fördern, damit die Schweiz ab 2021 besser vorbereitet wäre.

Der Rückblick zeigt: Die Warnung der Migros war übertrieben

Die Arbeitsgruppe hält in ihrem Bericht fest, wie sie das untersuchte Szenario während der Coronakrise eingeschätzt hat. Ein Importausfall von fünfzig Prozent sei unwahrscheinlich, ein Personalausfall von zwanzig Prozent hingegen gelte als wahrscheinlich. Denn dieser sei «in diesem Umfang in einzelnen Firmen bereits eingetroffen».

Die Migros hält allerdings fest, die Ausfallquote bei den Mitarbeitenden sei nicht höher als während einer «gewöhnlichen Grippesaison» gewesen. Die Migros blicke einer allfälligen zweiten Welle «zuversichtlich entgegen».

Dass mitten in der Krise eine Krisenübung durchgeführt werden musste, zeigt auf, dass in der Vorsorgeplanung Nachholbedarf besteht. Der Krisenstab realisierte, dass sich spätestens jetzt sogar ein Land mit dem höchsten Wohlstand auf das Szenario einer Lebensmittelknappheit vorbereiten muss.

Das Wissen hilft nun auch beim nächsten Hamsterkauf: Man legt lieber eine Flasche Olivenöl und eine Packung Reis mehr in den Einkaufswagen anstelle von WC-Papier. (bzbasel.ch)

Der erste Schweizer Reis

Der erste Bauer der Schweiz, der Reis anbaut, ist seit 1997 ein Tessiner. Mittlerweile kultiviert er auf über 90 Hek­taren Trockenreis und stellt eine beliebte Spezialität her: Tessiner Risotto.

Seit drei Jahren wird Reis in Pilotprojekten des Forschungszentrums Agroscope auch im Mittelland angepflanzt. Im Unterschied zum Tessin handelt es sich um Nassreis. Dieser hat den Vorteil, dass die Vegetationszeit kürzer ist. Für Trockenreis ist das Klima hier zu kühl.

Versuche in Grenchen zeigen gemäss einer Studie, dass ein wirtschaftlicher Anbau möglich ist. Heute liegt der Selbstversorgungsgrad der Schweiz im Reisanbau bei null Prozent. Dass sich dies mit den Reisanbauprojekten gross ändert, ist derzeit aber wenig wahrscheinlich. Weil die Produktion viel Handarbeit benötigt, kann Schweizer Reis höchstens als Nischenprodukt verkauft werden.

Derzeit handelt es sich in erster Linie um Naturschutzprojekte. In Gebieten, wo die Felder regelmässig überschwemmt werden, kann der Reisanbau einen Beitrag zur Biodiversität leisten, wie eine soeben publizierte Agroscope-Studie zeigt. Für seltene ­Libellen, Käfer und Frösche sind die Bio-Nassreisfelder ein Paradies. Der Staat spart zudem Geld, weil er den Bauern keine Ausfallentschädigungen für die Überschwemmungen zahlen muss. (mau)

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