Basel
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«Seebär» Enrico Haltiner wird heute mit der Rettung des gekenterten Baggerschiffs «Merlin» beginnen. bild: rafaela roth

Portrait von Enrico Haltiner

Dieser Mann holt die «Costa Concordia von Basel» aus dem Rhein

Enrico Haltiner leitet die Bergung der vor zwei Monaten im Rhein gekenterten «Merlin». Der heute Nachmittag beginnende Einsatz ist die Krönung einer Seebär-Karriere. 

Für einen Mann, der wahrscheinlich gerade am Meisterstück seiner Karriere arbeitet, wirkt Enrico Haltiner aussergewöhnlich ruhig. Vielleicht ist es auch Erleichterung. Seit der «Juristenknatsch» um die Schadenskostenübernahme gestern ein Ende fand, kann die Bergung der «Merlin» endlich losgehen. Haltiner kann zur Tat schreiten. Und das ist, was der Basler Havarie-Guru am liebsten tut. 

Enrico Haltiner sieht aus wie ein Schiffskapitän aus dem Bilderbuch: Grosser runder Bauch, weisser Bart, dunkler Teint vom Arbeiten im Freien — ein Seebär. «Bericht vom Seebär» nennt Haltiner auch die Nachrichten in seinem Onlinemagazin, wo er jeden kleinsten Zwischenfall auf Schweizer und internationalen Gewässern dokumentiert. «Durch Haltiners Adern fliesst Schiffsdiesel», sagen Leute, die ihn kennen. Und jeder, der irgend etwas an einem Schweizer Hafen zu tun hat, kennt Enrico Haltiner. 

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Haltiner mit «seinem» Ponton im Hintergrund. Die schwimmende Plattform trägt den Kran, der die «Merlin» aus dem Wasser holen wird.  bild: rafaela roth 

Haltiners Plan zur Bergung der «Merlin»

Zwei Monate nachdem die «Merlin» im Rhein kenterte, begannen am Mittwoch die herausfordernden Bergungsarbeiten des Baggerschiffs. In diesen sechs Schritten soll die «Merlin» an Land gebracht werden: 
1. Ponton in Stellung bringen: Vorsichtig wird das Ponton – eine schwimmende Arbeitsplattform, die einen 97 Tonnen schwerer Raupenkran trägt – in Stellung gebracht. Ein eigens dafür gesetzter Pfahl, eine Sicherung an Land und vier hydraulisch abgestützte Füsse sollen die Schwimmplattform fixieren.
2. Seile an der «Merlin» festschweissen: Dann kommen die Taucher an die Reihe. Sie haben die vielleicht wichtigste Aufgabe im ganzen Unterfangen. Angeführt durch einen Sicherheitstaucher werden sie die Bergungs-Seile an der «Merlin» anbringen.
3. Den Bagger-Ausleger bergen: Der Bagger auf der «Merlin», der kopfüber gegen den Rheinboden ragt, verkompliziert die Situation. Der lange Arm des Krans wurde bereits vom Rest getrennt. Er wird gesondert geborgen, ebenso die Baggerschaufel.
4. Die «Merlin» drehen: Die Seile mit denen das Baggerschiff bis jetzt gesichert war, werden langsam gelockert. Gleichzeitig zieht der Kran auf dem Ponton an. Bis zu 100 Tonnen, kann er heben. Der Bagger auf dem Kiesschiff macht dieses Unterfangen besonders schwierig. 
5. Wasser aus dem Kiesschiff pumpen: Die «Merlin» dürfte sich teilweise mit Wasser gefüllt haben. Wasserpumpen machen sie wieder schwimmtüchtig.
6. «Merlin» abschleppen: Die «Merlin» wird in einen nahegelegenen Hafen geschleppt. Wo genau ihre wohl letzte Reise hinführt, ist noch offen. Sicher ist: Die Basler Staatsanwaltschaft wird das Schiff sofort in Beschlag nehmen. Der Unfallhergang soll ermittelt werden. Ein polizeiliches Ermittlungsverfahren wegen Störung des öffentlichen Verkehrs wurde eingeleitet.

Enrico Haltiner leitet den Einsatz im Auftrag des «Merlin»-Besitzers, der Schweizer Wasserbau AG. Abgesegnet wurde der Plan behördlich durch die Schweizerischen Rheinhäfen, die ihrerseits einen deutschen Havariexperten hinzugezogen haben. Rund 10 Mann, darunter Taucher, Kranführer und Matrosen werden im Einsatz sein. Die Bergung der «Merlin» könnte bis zu zwei Wochen dauern. (rar)

Einige belächeln ihn. Der Seebär fällt auf. Nicht nur als «Zürischnurre» in Basel, auch als einer, der in dieser hochtechnologisierten Welt des Schiffsbaus, eine überraschend bodenständige Sprache spricht. Einer, der seitdem er Schiffsinspektor ist, keinen einzigen Passagiergutschein mehr angenommen hat, um unabhängig zu bleiben. Einer, der sich niemandem verpflichtet fühlt, ausser den Schiffen selbst. Und dies aus Leidenschaft. 

Diese Rechnung geht spätestens jetzt für ihn auf: Mit seinen 66 Jahren erntet Enrico Haltiner. Er erntet die Früchte aus seinem grossen Wissen, das er sich über Jahre erarbeitet hat. Jetzt wird Haltiner gerufen, wenn niemand mehr weiss, wie ein gekentertes Schiff aus dem Rhein geholt werden soll. Er ist der Schweizer Havarie-Guru geworden.

Haltiner ist nicht nur der Einsatzleiter der «Merlin»-Bergungsaktion. Der Seebär ist auch wie ein guter Vater an der Unglücksstelle. Er verpasst es nicht, den Besitzer der «Merlin» zu trösten, denn er weiss, dass es sich für ihn anfühlt, als würde da sein Kind aus dem Rhein geborgen. Er ist auch besonders freundlich zu den Schiffsjungen, deren Wohnung in der «Merlin» jetzt kopfüber im Rhein schaukelt. Und daneben schafft er es auch noch, den Wasserbau-Lehrling, der ständig während der Arbeit raucht, in die rechten Bahnen zu lenken. 

The captisized cargo boat Merlin lies secured on the Rhein border in Basel, region where three countries meet, on Monday August 4 2014. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Das gekenterte Frachtschiff Merlin liegt gesichert im Rhein beim Dreilaendereck in Basel am Montag, 4. August 2014. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

So liegt das gekenterte Baggerschiff Merlin seit zwei Monaten im Rhein. Bild: KEYSTONE

Dies alles tut Haltiner in einer Seelenruhe. Die «Merlin» ist ein komplizierter Fall, aber nicht der Schlimmste, den er in seinem Leben gesehen hat. Auch damals 2007, als das Hotelschiff «Britannia» die Dreirosenbrücke rammte und acht Personen verletzt wurden, arbeitete Haltiner in einer Seelenruhe. 

Dieser Mann hat schon riesige Frachter auf hoher See, in China und Südamerika gesteuert. Er war Kapitän auf dem Vierwaldstättersee und lebte jahrelang auf Schiffen. Vor 51 Jahren, im Alter von 14 begann er seine Lehre als Schiffsjunge in Basel. In den Ferien hat er immer bei der Bootsvermietung beim Bauschänzli am Zürichsee ausgeholfen. Er war schon immer ein Seebub.

Aus dem Seebub ist ein Havarie-Guru geworden. Und dieser wird jetzt die «Merlin» retten – sein Meisterstück.



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