DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
«Sie töten Menschen», antwortete Joe Biden auf die Journalistenfrage nach dem Verhalten von Facebook.
«Sie töten Menschen», antwortete Joe Biden auf die Journalistenfrage nach dem Verhalten von Facebook.
Bild: keystone
Analyse

Tötet Facebook Menschen? Joe Biden hat recht – teilweise

Weil Facebook nach wie vor irreführende Informationen über das Coronavirus verbreitet, ist zwischen dem amerikanischen Präsidenten und der sozialen Plattform ein heftiger Streit ausgebrochen.
19.07.2021, 14:3219.07.2021, 14:36

Deutlicher kann man es nicht mehr sagen. «Sie töten Menschen», antwortete Joe Biden auf die Journalistenfrage nach dem Verhalten von Facebook. «Es ist eine Pandemie der Nicht-Geimpften geworden.»

Wie in Europa schnellen auch in den USA die Zahlen der Neuinfektionen rasant in die Höhe. Trotz rasantem Start hat die Biden-Regierung ihr selbstgestecktes Ziel, bis zum 4. Juli 70 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner mindestens ein Mal geimpft zu haben, verpasst.

Die Schuld dafür gibt das Weisse Haus unter anderem auch den sozialen Medien, allen voran Facebook. Jen Psaki, die Sprecherin der Regierung, erklärte, die auf den sozialen Plattformen verbreiteten Falschinformationen «verleiten die Menschen dazu, sich nicht impfen zu lassen, deshalb sterben viele Menschen».

Verteidigt die Vorwürfe an Facebook: Jen Psaki, Sprecherin des Weissen Hauses.
Verteidigt die Vorwürfe an Facebook: Jen Psaki, Sprecherin des Weissen Hauses.
Bild: keystone

Psaki kündigte auch an, die Regierung werde genau verfolgen, wie Facebook & Co. über die Pandemie informieren, und werde sie auf allfällige schwarze Schafe aufmerksam machen.

Facebook ist umgehend zum Gegenangriff übergegangen. Das Geschäftsleitungsmitglied Guy Rosen erklärte am Sonntag: «Die Biden-Regierung hat sich entschieden, ein paar amerikanische soziale Medien zu Sündenböcken zu stempeln. Tatsache ist, dass die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sich bei den Benutzern von Facebook erhöht hat.»

Doch Surgeon General Vivek Murthy bekräftigte erneut die Kritik der Biden-Regierung. Auf dem TV-Sender CNN wollte er nichts von der Sündenbock-These wissen. Stattdessen erklärte er: «Wenn wir sehen, dass die Sozialen Medien Schritte in die richtige Richtung unternehmen, dann sagen wir dies auch. Aber leider ist es noch zu wenig. Wir beobachten immer noch, wie sich Falschinformationen online ausbreiten.»

Wer hat nun recht? Beide ein bisschen, glaubt Kara Swisher, IT-Kolumnistin bei der «New York Times». Sie stellt fest: «Facebook ist Ausgangspunkt für beides, solide Informationen über Covid und auch eine Flut von Lügen – und das seit langem.»

Als typisches Beispiel einer solchen Lüge nennt Swisher ein 26 Minuten langes Video mit dem Titel «Plandemic». Insgesamt ist es auf Facebook, YouTube, Twitter und Instagram mehr als acht Millionen Mal angesehen worden. Das Machwerk des kaum bekannten Dokumentarfilmers Mikki Willis stellt Covid als geplantes Desaster dar und ist zum Kult bei Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern geworden.

Swisher weist auch daraufhin, dass Facebook sehr lange gebraucht habe, um Donald Trump und seine Lügen zu verbannen. «Erst nach dem Sturm auf das Kapitol haben sie gehandelt. Und das war zu wenig, zu spät, und ja, auch zu lahm.»

Ein Covid-Patient wird in einer Notfallstation in einem Spital in San Diego (Kalifornien) versorgt.
Ein Covid-Patient wird in einer Notfallstation in einem Spital in San Diego (Kalifornien) versorgt.
Bild: keystone

Bisher hat sich Facebook auch geweigert, Daten über Falschinformationen zu veröffentlichen und was für Gegenmassnahmen dagegen ergriffen werden sollen. Guy Rosen weist einzig darauf hin, dass 85 Prozent der Facebook-User grundsätzlich bereit sind, sich impfen zu lassen, deutlich mehr als der US-Durchschnitt.

Der Streit zwischen dem Weissen Haus und Facebook spielt sich vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklung der Pandemie in den USA ab. In allen Bundesstaaten schnellen die Zahlen der Neuinfizierten wieder in die Höhe, aber nicht in allen gleich schnell. Rochelle Walensky, die Direktorin des Centers for Disease Control and Prevention (CDC), erklärt denn auch: «Wir beobachten neue Ausbrüche in Gegenden, in denen die Impfquote sehr tief ist. Gemeinschaften, in denen fast alle geimpft sind, schneiden gut ab.»

Die Zahlen belegen diese Aussage: 97 Prozent der Menschen, die wegen Covid in Spitäler eingeliefert werden, sind nicht geimpft.

Überdurchschnittlich schlechte Zahlen weisen «rote» Bundesstaaten auf, ländliche Bundesstaaten, die von den Republikanern beherrscht werden. Weil dort das Misstrauen gegen das Impfen weit verbreitet ist, kann sich die Delta-Variante ungehindert ausbreiten. Das trifft beispielsweise auf South Dakota zu, wo inzwischen beinahe die Hälfte der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert ist.

Am schlimmsten wütet die Pandemie derzeit in Florida. Eine von fünf Neuinfektionen findet derzeit im Sunshine State statt. Das ist kein Zufall. Der Gouverneur Ron DeSantis ist nicht nur ein bedingungsloser Trump-Anhänger. Er hat sich einen nationalen Ruf als Mann geschaffen, der fast alle Massnahmen ablehnt, welche die Spezialisten gegen die Pandemie empfehlen.

In Florida gab es keine allgemeine Maskenpflicht, Läden, Bars, Strände und auch Schulen blieben weitgehend geöffnet. Nun legt DeSantis nochmals nach: Neuerdings lässt er T-Shirts mit dem Aufdruck «Don’t Fauci My Florida» verteilen.

Anthony Fauci ist gewissermassen der Übervater der Pandemie geworden. In der Bevölkerung ist der bald 80-jährige Epidemiologe sehr beliebt. Bei den Republikanern ist er jedoch zur neuen Hassfigur geworden. Sie machen ihn für Trumps Wahlniederlage mitverantwortlich, weil er den Ex-Präsidenten angeblich schlecht beraten habe.

Wie fast alles ist Covid in den USA zu einem politischen Zankapfel geworden. Die Impfverweigerung ist bei Republikanern viel höher als bei Unabhängigen und Demokraten. Auf Fox News und anderen konservativen Kanälen wird der Nutzen des Impfens entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen täglich infrage gestellt. Der Regierung wird unterstellt, sie wolle im Verbund mit Big Tech die USA in einen Big-Brother-Staat verwandeln.

Das ist nicht nur scheinheilig, sondern auch paradox. Mit seiner grössten Errungenschaft, der Operation Warp Speed, hat Trump die Grundlage für die rasche Entwicklung des Impfstoffes geschaffen. Warum wollen seine Handlanger nun verhindern, dass dieser Impfstoff nun auch in die Arme der Menschen gelangt?

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Joe Bidens Regierung

1 / 20
Joe Bidens Regierung
quelle: keystone / andrew harnik
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Highlights von Bidens Antrittsrede

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Wie General Mark Milley vom Buhmann zum neuen Helden Amerikas wurde

Der höchste US-Militär vergleicht Donald Trump mit Adolf Hitler und beschuldigt ihn, einen Putschversuch unternommen zu haben.

Das erste Mal, dass eine breite Öffentlichkeit Kenntnis von General Mark Milley nahm, war, als der Chairman of the Joint Chiefs of Staff zusammen mit Trump und seinem Stab in voller Kampfmontur durch den Lafayette Park vor dem Weissen Haus marschierte.

Milley begleitete den damaligen Präsidenten bei dessen unsäglicher PR-Tour vor die St John’s Episcopal Church, wo Trump eine Bibel in die Kamera hielt. Deswegen wurde Milley zu Recht verspottet und beschimpft. Doch der Vier-Stern-General …

Artikel lesen
Link zum Artikel