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Was gerade in Aleppo passiert, ist «schlimmer als Auschwitz» – warum wir uns schämen werden

09.08.2016, 19:5711.08.2016, 14:11
Wie aus einem Computerspiel, doch es ist tödliche Realität: Kampfszene in Aleppo.
Wie aus einem Computerspiel, doch es ist tödliche Realität: Kampfszene in Aleppo.screenshot

Henryk M. Broder ist ein äusserst streitbarer Mann. Wird etwa eine Hühnerfarm mit einem KZ verglichen, ist demjenigen eine Breitseite des jüdischen Journalisten gewiss. Und dieser Deutsche hat sich nun zur Lage in Aleppo geäussert. Er schreibt in der Welt:

«Für mich ist Aleppo schlimmer als Auschwitz.»
Journalist Henryk M. Broder.
Journalist Henryk M. Broder.Bild: AP dapd

Auschwitz sei Vergangenheit, gut dokumentiert und könne sich nicht wiederholen, erklärt Broder. Aleppo sei aber nun mal Gegenwart: «Das Morden und Sterben wird live übertragen. Keiner wird sagen können, das Schlachtfest habe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden», hält er uns den Spiegel vor.

«Aleppo geschieht vor unseren Augen – schämt euch!»

Alles bloss markige Worte? Mitnichten! Die Lage in der einstigen Wirtschaftsmetropole sei «katastrophal», warnt die UNO: In der Stadt gibt es seit vier Tagen kein Wasser mehr. Strom gibt es nur selten – und das bei Temperaturen von bis zu 40 Grad. In den von «Rebellen» kontrollierten Stadtgebieten sind 275'000 Menschen eingeschlossen, im Grossraum Aleppos sind zwei Millionen von den schweren Gefechten betroffen.

UNO fordert 48-stündige Feuerpause für Aleppo
Die Vereinten Nationen haben erneut eine 48-stündige Feuerpause in der Stadt Aleppo für humanitäre Hilfeleistungen gefordert. Mitarbeiter der Hilfsorganisationen könnten aufgrund der schlechten Sicherheitsbedingungen nicht zur Stadt vordringen, wie UNO-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien sagt. «Sie sind mutig, aber sie wollen keinen Selbstmord begehen – wir müssen ihre Sicherheit gewährleisten», so O'Brien am Dienstag bei einem Treffen des UNO-Sicherheitrats in New York. (gin/sda/dpa)

Die Assad-Truppen hatten Mitte Juli die Rebellenviertel komplett eingeschlossen, doch gelang es radikalislamischen Aufständischen kürzlich, den Belagerungsring wieder zu durchbrechen. Nun drohen die von der Regierung gehaltenen Bezirke im Westen von der Aussenwelt abgeschnitten zu werden. Zumindest gelang es der Regierung jüngst, über eine Strasse im Norden einen Konvoi mit Hilfsgütern in die Stadt zu bringen.

Propaganda-Video der syrischen Regierung.YouTube/South Front

Zeichen setzen: Arzt geht mit Frau und Baby zurück

Und die humanitäre Lage wird immer prekärer – nicht zuletzt, weil immer wieder Spitäler bombardiert werden. Ein besonderer Lichtblick für die Eingeschlossene war deshalb die Ankunft syrischer Ärzte aus Grossbritannien: Einer von ihnen, Hamza al-Khatib, nahm seine Frau mitsamt Baby auf die gefährliche Reise zurück in die umkämpfte Stadt. Ein Film des britischen Senders «Channel 4» gibt einen Eindruck davon, was in Syrien gerade passiert.

Es ist, wie Broder gesagt hat: Wir sind bei dieser Belagerung mehr oder weniger live dabei. Etwa durch Drohnenvideos aus dem Krisengebiet, die wirken, als kämen sie aus einem Computerspiel, die aber tödliche Realität sind. Hier etwa sieht man den Beschuss eines Hauses durch Panzer der Aufständischen-Koalition.

Das Video zeigt noch eine weitere Geissel dieses Krieges: Es wurde von Fatah al-Scham gemacht, die früher unter dem Namen al-Nusra-Front firmierte. Es handelt sich also um Propaganda der Islamisten, die wie andere «Rebellen» gegen die Truppen Assads kämpfen. 

«Rebellen» bei einer Lagebesprechung am 6. August in Aleppo.
«Rebellen» bei einer Lagebesprechung am 6. August in Aleppo.Bild: AMMAR ABDULLAH/REUTERS

Der eine ist des anderen Terrorist ...

Auf der Gegenseite wird die syrische Armee am Boden von unter iranischem Kommando stehenden irakischen und afghanischen Kämpfern und Milizionären der schiitischen Hisbollah unterstützt. Hinzu kommt massive Luftunterstützung von Russland

Ein russisches Video zeigt einen aktuellen Bombenangriff auf Aleppo.YouTube/loner loneranger

Und wer sind nun die Guten? Die Islamisten ja wohl nicht. Vielleicht die Russen? Denen wird gerade vorgeworfen, sie setzten international geächtete Brandbomben ein, wie der Telegraph berichtet. Der Hisbollah wird seit jeher Terrorismus vorgeworfen. So wie die Türkei den Kurden Terrorismus vorwirft.

... oder anders: Der Teufelskreis

Die USA unterstützen «Rebellen», die anscheinend Kinder köpfen, während die Briten eigene Truppen nach Syrien geschickt haben, die ebenfalls die «Rebellen» unterstützen, aber auch gegen den «IS» und Fatah al-Scham vorgehen sollen, die auch gegen Assad und Co. kämpfen. Und wenn Russland wieder bombardiert, macht die Fatah al-Scham ein Drohnenvideo, das dann von der britischen «Daily Mail» verbreitet wird.

Die Fatah al-Scham alias Ex-Nusra-Front bezieht ihre Gelder laut «Independent» aus Saudi-Arabien, dem guten Verbündeten der USA. Womit wir wieder am Anfang wären.

Kämpfer der kurdisch-dominierten «Demokratische Kräfte Syriens» (SDF, gegründet 2015) begleiten Flüchtlinge . 
Kämpfer der kurdisch-dominierten «Demokratische Kräfte Syriens» (SDF, gegründet 2015) begleiten Flüchtlinge . Bild: RODI SAID/REUTERS

Das ist das Problem dieses Konflikts: Er ist extrem unübersichtlich und vielschichtig. Wer die Guten sind, ist nicht ohne Weiteres festzumachen. Wer die Verlierer sind, ist dagegen sonnenklar: die Zivilisten. Kinder, Frauen, Männer, Alte.

Kind in Manbij im Gouvernement Aleppo am 7. August.
Kind in Manbij im Gouvernement Aleppo am 7. August.Bild: RODI SAID/REUTERS

Die USA setzen Hunderte Millionen Dollar ein, um die «Rebellen» zu unterstützen. Grossbritannien hat mittlerweile Bodentruppen in dem Land. Wir sehen alle zu, wie das einst kulturell reiche Syrien dem Erdboden gleichgemacht wird und Menschen sterben. Womit wir wieder bei Henryk M. Broder wären.

Was wäre denn seine Lösung für diese Tragödie? Der Autor bleibt sich treu, konsequent, streitbar:

«Niemand soll sich später darauf berufen, er habe nichts mitbekommen oder es sei unmöglich gewesen, das Geschehen mit militärischen Mitteln zu stoppen, so als wäre die NATO ein Traditionsverein, der Trachtenkapellen zu Volksfesten entsendet.»
Henryk M. Broder in der Welt.

Ein Eingreifen der NATO wäre immer noch ein Krieg gewesen, der Tod und Zerstörung bedeutet hätte. Vielleicht wäre von dem alten Syrien zumindest ein Stückchen übrig geblieben. Doch in Libyen, wo es ähnliche Konstellationen gegeben hat und wo NATO-Staaten bombardierten, herrscht mittlerweile bekanntlich auch nicht gerade Frieden.

So oder so, unbestritten bleibt Broder bei: Das Morden geht weiter. Und wir sehen zu. Er hat sicherlich Recht: Wir werden uns schämen müssen.

Kinder in Kriegsregionen

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Kinder in Kriegsregionen
quelle: â© unicef libanon/2015/haidar
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85 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Monti_Gh
09.08.2016 20:17registriert Dezember 2014
und bei uns bricht halb panik aus, wenn ein bruchteil der Kriegsopfer als Flüchtlinge zu uns kommen.
Jede/r soll sich mal darüber Gedanken machen!
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ElenderKuschelwuschel
09.08.2016 21:17registriert Juni 2016
Wieso genau werde ich mich schämen müssen?
Wenn ich nicht Schlafwandler sein sollte, ist mir nicht bewusst, dass ich in Syrien einen Putsch gegen Assad unterstützt hätte. Ich habe keine "Rebelle", die eigentlich islamistische Söldner sind, nach Syrien eingeladen. Ich habe dort keine Bombe abgeworfen, niemanden erschossen, geköpft oder sonstwie drangsaliert.
Sie schon Herr Dahm?
Und wenn wir schon beim Schämen sind: Wann haben Sie das letzte Mal vor der eigenen Haustür jemandem geholfen? Einem Obdachlosen oder jemandem, der im Altersheim alleine versauert z.B.?
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Beobachter24
09.08.2016 21:09registriert August 2014
Der Krieg in Syrien ist ohne jeden Zweifel schrecklich, und grad was in Aleppo derzeit abgeht ist äusserst brutal und sehr schlimm.

Trotzdem ist der Vergleich mit Auschwitz (bzw. das "schlimmer als") in mehrfacher Weise unpassend, find' ich.
Auschwitz klingt sehr ultimativ - und Aleppo ist auch jeden Fall auch ultimativ, aber auf eine ganz andere Weise.

Grund zum schämen haben viele, auch Journalisten wie Henryk M. Broder, die uns Monate u. Jahre lang mit falschen Informationen versorgt haben.
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