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Offen gesagt

«Lieber Herr Stöckli, Ihre Frage war richtig ...»

Der mit einem Glanzresultat frisch gewählte Berner Ständerat Hans Stöckli sah sich statt mit Gratulationen mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Frauenverhinderer zu sein. Und hat gezeigt, was im Gleichstellungs-Diskurs falsch läuft.



Lieber Herr Stöckli

Ich gratuliere Ihnen zur Wahl in den Ständerat. Ein bisschen verspätet, aber immerhin. Das haben ja nicht alle gemacht. Ein «Bund»-Journalist hat Sie stattdessen gefragt, ob Sie nicht vor dem Hintergrund der von der Linken ausgerufenen «Frauenwahl» zugunsten der Grünen-Präsidentin Regula Rytz auf den zweiten Wahlgang hätten verzichten sollen.

Sie haben auf die Frage ein wenig unwirsch reagiert und vom Journalisten im Bünzli-Befehlston verlangt, er solle erklären, warum er solch unangebrachte Fragen stelle und die Debatte hat sich danach darauf konzentriert, ob eher die Frage des Journalisten daneben war oder ihre Reaktion darauf.

Das ist der falsche Fokus, weil dieser Sachverhalt objektiv betrachtet sehr einfach zu klären ist: Die Frage des Journalisten war unanständig und eine unnötige Provokation, nachdem Sie sowohl im ersten wie im zweiten Wahlgang weit vor Rytz gelegen haben. Und Ihre Reaktion war unvorteilhaft, weil Sie sich von einem Grünschnabel haben provozieren lassen. Das entspricht nicht Ständerat-Format.

Jedenfalls konnte der Journalist nicht erklären, warum er Ihnen diese Frage gestellt hat. Aber es war genau die richtige Frage und ich glaube, ich kann sie beantworten.

Ich glaube, diese Stöckli-vs.-«Bund»-Kontroverse, die wohl ihre ganz eigene Vorgeschichte hat, hat vor allem eines zu Tage gefördert: Die zunehmende Dysfunktionalität des Gleichberechtigungsdiskurses und die auf allen Seiten wachsende Frustration über sich gegenseitig und auf allen Ebenen verhärtende Fronten.

Das rechtskonservative Milieu diskreditiert die soziologischen Genderwissenschaften, genauso das linksprogressive Spektrum die Neuro-Psychologie. Zwei wichtige von vielen Wissenschaftszweigen, die zusammen zwingend die Grundlage für eine informierte und erkenntnisstiftende Gleichstellungsdebatte liefern müssten, werden ebenso pauschal lächerlich gemacht wie ihre Exponenten verteufelt. Fragen Sie mal Franziska Schutzbach oder Jordan Peterson.

Wissenschaftliche Erkenntnisse oder differenzierte Beiträge schaffen es – solchermassen diskreditiert – kaum mehr in die breitere öffentliche Debatte. Stattdessen hat sich dort das Vokabular der Frauenbewegung in Sachen Respektlosigkeit dem rechtspopulistischen angepasst und spätestens seit dem Fall Weinstein stehen den «Kampfemanzen» und «Feminazis» die «alten, weissen Männer» gegenüber.

In dieser Radikalisierung des Diskurses hört je länger, je öfter keine Seite mehr der anderen zu. Stattdessen wird alles mit allem vermischt, was miteinander wenig bis nichts zu tun hat: Übervertretung von Frauen in Tieflohn-Sektoren wird mit «Lohnungleichheit» innerhalb von Branchen gleichgesetzt, häusliche Gewalt unter prekär-bildungsfernen Kreisen wird zu «Männergewalt», schulische Benachteiligungen von Buben durch den Bildungsapparat werden mit der «Verweiblichung» des Lehrkörpers begründet. Und Grundlage für all diese Missstände sind abwechslungsweise «der Feminismus» oder «das Patriarchat».

Als Vertreter letzterer, eher unscharf definierten, aber historisch erbschuldigen Kaste, haben Sie nun die Auswirkungen dieses kaputten Anything-Goes-Gleichstellungs-Diskurses am eigenen Leib erfahren. Der «Bund»-Journalist hat Ihnen diese unanständige und dumme Frage ganz einfach deswegen gestellt, weil es in der Gleichstellungsdebatte derzeit nicht mehr so sehr um Erkenntnisgewinn, statt vielmehr um Frust-Abbau und Provokation geht.

Ich hoffe, diese Gedanken helfen Ihnen ein wenig dabei, cool zu bleiben, wenn Sie das nächste Mal wegen Ihres Geschlechts unanständig behandelt werden.

Gute Legislatur und liebe Grüsse

Maurice Thiriet

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