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«Kenne jeden Zentimeter der Aare»: Jürg Eymann (77) wagt trotz des Verbots einen kurzen Aareschwumm im Berner Marzilibad.
«Kenne jeden Zentimeter der Aare»: Jürg Eymann (77) wagt trotz des Verbots einen kurzen Aareschwumm im Berner Marzilibad.
Bild: watson

Riesenfrust bei den Flussschwimmern: «Das ist die schlechteste Aare-Saison aller Zeiten»

Das Hochwasser vermiest den Wasserratten gehörig die Freude: Trotz Hochsommerwetter sind viele Schweizer Flüsse «nicht bebadbar». Etliche Schwimmer missachten das Verbot, wie ein Augenschein an der Aare zeigt.
21.07.2021, 17:0521.07.2021, 17:32

Die Sonne brennt im Berner Marzilibad bereits um 10 Uhr morgens erbarmungslos vom stahlblauen Himmel. Braungebrannte «Sünneler» breiten ihr Badetuch auf den Holzpritschen an der Aare aus. Auf den ersten Blick zeugen nur der verschlammte Rasen sowie einige Absperrbänder vom Hochwasser, welches das grösste Flussbad Europas letzte Woche heimgesucht hat.

Eines trifft die Bernerinnen und Berner jedoch mitten ins Herz: Trotz Hochsommerwetter ist die Aare nicht bebadbar. Denn wie in vielen anderen Schweizer Flüssen herrscht in der Aare Bade- und Böötliverbot. Nach dem Corona-Frühling und dem verregneten Sommer-Anfang vermiest nun das Hochwasser die Badefreuden: «Das ist die schlechteste Aare-Saison, die ich je erlebt habe», sagt der 77-jährige Berner Jürg Eymann, der im Marzili-Quartier aufgewachsen ist.

Bade-Frust auch in Zürich
Nicht nur an der Aare, sondern auch am Rhein, der Reuss und an der Limmat herrscht teilweise ein Badeverbot. So auch in der Zürcher City bei der Badi Unterer Letten, wo nur der Pool, aber nicht das Flussbad geöffnet ist. «Besucherinnen und Besucher sind enttäuscht, reagieren aber meist verständnisvoll», so ein Bademeister zu watson. Wann das Flussbad wieder öffnen könne, sei noch unklar. Wohl aber frühstens am Wochenende. Nur sind bereits für Samstagabend wieder kräftige Gewitter angesagt.

Nach der Sintflut von letzter Woche hat sich zwar die Farbe der Berner Lebensader von dunkelbraun zu milchigem smaragdgrün verändert. Mit 370 Kubikmeter pro Sekunde führt der Fluss aber nach wie vor extrem viel Wasser. Strudel am Ufer zeugen von der immensen Kraft, die die Strömung derzeit hat; mit gut 14 Grad ist das Wasser für die Saison zudem eisig kalt. Der Jahresrekord für 2021 liegt bei äusserst bescheidenen 18,6 Grad (20. Juni, Bern-Schönau).

«Den Aareschwumm lasse ich mir nicht auch noch verbieten.»
Jürg Eymann

Trotzdem hat der rüstige Rentner Jürg Eymann einen kurzen Aareschwumm gewagt. Wie einige andere meist ältere Zeitgenossen. «Den Aareschwumm lasse ich mir nicht auch noch verbieten. Man muss aber natürlich bei dieser Strömung sehr gut aufpassen. Aber ich bin kein Grünschnabel, sondern kenne jeden Millimeter der Aare», so Eymann, der als Segler schon zwei Mal den Atlantik überquerte.

So erlebten die Kult-Sünneler 2018 das Sommer-Finale

Video: nico franzoni, adrian müller

In die Aare oder nicht? Diese Frage sorgt für Diskussionen auf der Holzpritsche: «Bei diesem Wasserstand gehe ich sicher nicht ins Wasser, das ist einfach dumm. Ich bin schon einmal fast ertrunken», sagt Carla Brunner (71). Die Polizei appelliert derweil an die Eigenverantwortung der Menschen. Im Rahmen der üblichen Patrouillen sei man auch bei den Gewässern unterwegs: «Wer trotz des Verbots schwimmt und auch im Gespräch keine Einsicht zeigt, muss mit einer Anzeige rechnen», sagt Kapo-Sprecherin Lena Zurbuchen.

«Es fühlt sich an, wie wenn einem die Speckschwarte vor dem Mund durchgezogen wird. Es ‹schisst› total an.»
Kaspar Allenbach, aare.guru

Ein Aareschwumm als No-Go. Darob blutet auch Kaspar Allenbach das Herz. «Schnäu, schneuer, Boumstamm»: Der Betreiber der Kult-App «aare.guru» erheitert die User mit flotten Sprüchen. Seine Stimmung ist dennoch ziemlich im Keller, da trotz Hochsommer kein Sprung in die kühle Aare drin liegt. «Es fühlt sich an, wie wenn einem die Speckschwarte vor dem Mund durchgezogen wird. Es ‹schisst› total an», so der Grafiker.

Badeverbot bleibt: Die Aare führt nach wie vor sehr viel Wasser.
Badeverbot bleibt: Die Aare führt nach wie vor sehr viel Wasser.
Bild: watson

Böötli-Vermieter bleiben auf Booten sitzen

«Not amused» über die Launen von Petrus sind auch die Vermieter von Aare-Schlauchbooten. «Im Juni und Juli habe ich kaum ein Boot vermietet. Und jetzt können wir nur auf bessere Zeiten hoffen, aber so ist halt die Natur», sagt Ruedi Brunner, Inhaber der Schlauchbootvermietung aareboot.ch. Im Gegensatz zu den anderen grossen Schlauchboot-Firmen, welche bis 50 Boote besitzen, habe er als Einzelfirma immerhin keine Angestellten, die er bezahlen müsse. «Jetzt hoffen wir alle einfach auf einen schönen August und einen warmen September», so Brunner.

Die Wetterprognosen verheissen allerdings nichts Gutes. Meteorologen warnen für das kommende Wochenende vor unwetterartigen Gewittern. Somit steht weiter in den Sternen, wann die Abflüsse der Aare, Limmat & Co. ein saisongerechtes Level erreichen – und die Aare wieder bebadbar ist. Und wann das Badeverbot durch die Regierungsstatthalter aufgehoben werden kann.

Die Pegelstände der Schweizer Seen und Flüsse sinken weiterhin langsam ab. Am Mittwochmittag konnte nun auch die Hochwassergefahr für den Bielersee von der höchsten Stufe auf Stufe 4 gesenkt werden. Doch trotz des schönen Wetter bleibt die Hochwassersituation an einigen Gewässern angespannt. So werden der Vierwaldstädter-, der Neuenburger- und der Bielersee sowie die Aare unterhalb des Bielersees auf Stufe 4 (grosse Gefahr) geführt, wie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in seinem Naturgefahrenbulletin schrieb. Insbesondere am Neuenburgersee werde es mehrere Wochen dauern, bis der Wasserstand wieder auf Normalniveau gesunken sei. Denn bevor das Wasser abfliessen könne, müsse der Wasserpegel des Bielersees zuerst 20 Zentimeter tiefer liegen, sagte ein Hydrologe beim Bafu auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
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