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Ruksanas Tod und die Taliban – Rekonstruktion einer Steinigung



Ruksana stirbt in einem Erdloch ausserhalb des Dorfes Kalmi Abdak in der entlegenen afghanischen Provinz Ghor. Männer in schwarzen Turbanen gehen gemessenen Schrittes um sie herum und schleudern Steine. Von Ruksana ist nur ihr Kopf zu sehen. Sie betet.

Mit jedem Stein, der ihre Stirn, ihre Ohren, ihren Hinterkopf trifft, wird ihre Stimme höher und spitzer. Es ist eine Szene aus einem verschwommenen Schwarzweissvideo aus dem Oktober 2015. Es bricht ab, bevor das Mädchen tot ist.

Taliban steinigen Frau

Das Bild stammt aus dem Video der Steinigung. 

Es ist auch ein Fall eines «neuen, verstörenden» Trends, wie die Vereinten Nationen in Afghanistan es nennen. 15 Jahre, nachdem die internationale Gemeinschaft einmarschiert war, um die Islamisten und ihr steinzeitliches Regime zu vertreiben, steigt die Zahl der Steinigungen, Auspeitschungen, Tötungen von Frauen und Mädchen wieder.

Acht Fälle beschreibt die UNO in ihrem Bericht zu den zivilen Opfern des Krieges für das Jahr 2015: fünf Exekutionen, drei «physische Bestrafungen» von Frauen und Mädchen. Bis Mitte 2016 sind es einem Mitarbeiter der UNO zufolge bereits weitere 20.

Das gewinnt besondere Bedeutung angesichts der internationalen Geberkonferenz für Afghanistan am Dienstag und Mittwoch in Brüssel. Thema bei einem Symposium am ersten Tag: «Frauenförderung für ein blühendes Afghanistan».

Die Frauen des Landes zu «befreien» war ein Hauptziel der internationalen Gemeinschaft seit 2002 – es war auch eine gerne genutzte und emotional aufgeladene Rechtfertigung des Einsatzes, der Milliarden kosten sollte.

Nur ein Bild als Andenken

Aber zwischen Brüssel und den afghanischen Provinzen klaffen Welten. In einem Bericht der Aufsichtsbehörde für den afghanischen Wiederaufbau des US-Senats (Sigar) heisst es im Juli, die afghanische Regierung kontrolliere nur noch rund 65 Prozent der Bezirke. Im Januar waren es noch 70.

Folgt man dem, kontrollieren oder beeinflussen die Taliban rund 35 Prozent des Landes. Was bedeutet das für die Frauen? Für Ruksana bedeutete es den Tod in einem Erdloch.

Ruksana war ein lebenslustiges Mädchen, sagt der Vater. Ein Jahr nach ihrem Tod sitzt er in einem Hotelzimmer in der westafghanischen Provinz Herat und weint. Nur ein Bild gebe es von ihr, sagt er, ein Verwandter hat es auf sein billiges Handy geladen. Ein rundes Gesicht, ein schwarz-weiss geblümter Schal – mehr ist von Ruksana nicht zu sehen.

Sie habe mit den Tieren geholfen, erzählt Abdul Karim. Er ist Schafbauer. Ruksana habe den selbstgemachten Joghurt der Familie gemocht, er und sie hätten manchmal zusammen ein wenig davon aus dem Topf geklaut. Sie habe Kleider geliebt, drei Mal am Tag habe sie sich umgezogen. Ein Familienwitz. «Ein Fleckchen auf dem Ärmel, und sofort hat sie ihr Kleid gewaschen.» Ein gutes Kind.

7-jährige Schwester als Ersatzfrau

Es ist leicht, ein gutes Kind zu verheiraten. Ruksana war 15 Jahre alt. Der Ehemann war ein Blutsverwandter, eine gute Wahl, sagt der Vater. Ruksana sei nicht unglücklich damit gewesen.

Sie lebte noch daheim, als im Dorf der Neffe des Mullahs zu Besuch kam. Einen Monat später meldete ein Verwandter, er habe das Mädchen auf dem Rücksitz eines Motorrades gesehen, zusammen mit dem Neffen des Mullahs.

Fünf Tage später findet der Vater Ruksana. Die Tochter küsst seine Hand und weint. Nie wieder will sie so etwas tun. Abdul Karim ist ein nachsichtiger Vater. Nur: Ruksanas Ehemann ist wütend. Er will das befleckte Mädchen nicht mehr. Sieben Lak Schadenersatz will er für den Gesichtsverlust, 70'000 Afghani (knapp 1030 Franken).

Die hat Abdul Karim nicht. Er muss stattdessen Ruksanas Schwester, Fatima, in die Ehe geben. Sieben Jahre alt ist sie da. Seit drei Jahren hat Abdul Karim sein Kind nicht gesehen. Grausam? Das sei eben so, wo er lebt.

«Ruksana war nicht schuld»

Es dauert ein Jahr, aber dann kann der Vater Ruksana wieder verheiraten. Nun muss sie eine Zweitfrau werden; sie ist «beschädigt». Ihre Seite der Geschichte wird für immer im Dunkeln bleiben, aber einen Monat nach ihrer Hochzeit läuft Ruksana wieder davon. Mit einem Nachbarn.

«Wieso weinst du? Wir haben gerade Gottes Gesetz in Anwendung gebracht. Das ist gut.»

Nein, Ruksana war nicht schuld – an nichts von alledem, sagt der Vater bestimmt. Der Neffe des Mullahs war moralisch verdorben, der zweite Ehemann war grausam, die Mädchen im Dorf haben zu ihr gesagt, pah, Zweitfrau, das ist doch kein Leben, und ihr Dummheiten in den Kopf gesetzt.

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Afghanin äussert sich über Zwangsehe und Steinigung.  Video: YouTube/frauenafghanistan

Anderswo bekommt ein dummes Mädchen einen schlechten Ruf. Ein dummes Mädchen, das im Taliban-kontrollierten Afghanistan zum zweiten Mal mit einem Mann davonläuft, muss sterben.

Der Ehemann, so erzählt es der Vater, hatte die Taliban zu Hilfe gerufen. «Er hätte auch die Polizei gerufen, aber zwischen dem Dorf und der nächsten Polizeistation liegt ein grosses Taliban-Lager.» Die verfügbare Gerichtsbarkeit im Dorf, in vielen Dörfern in Ghor und anderswo, sind nun wieder die Islamisten.

Alles verloren

Ruksana ist tot. Fatima verloren. Und auch der Hof ist weg. Der Vater hat es einfach nicht mehr ausgehalten im Dorf, wo der Mann, mit dem Ruksana die Ehe gebrochen hat, weiterleben darf – er war mit Peitschenhieben davongekommen. Wo die Erinnerungen an sein Kind lebendig sind, und wo die Taliban zu Besuch kommen und nach Tee und Brot fragen, als sei nichts geschehen.

Nach der Steinigung hatten sie Abdul Karim aus dem Haus gelassen, in das sie ihn gesperrt hatten, und ihn zu der blutigen Leiche seines Kindes gebracht. «Wieso weinst du?», fragen sie. «Wir haben gerade Gottes Gesetz in Anwendung gebracht. Das ist gut.» (sda/dpa)

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