Sterbe-Dokfilm gewinnt in Locarno den Goldenen Leoparden

13.08.17, 17:56

Mit 174’000 Eintritten verzeichnete das Filmfestival Locarno einen Zuwachs von acht Prozent. Es war auch inhaltlich ein starker Jahrgang. Der goldene Leopard für den kontrovers aufgenommenen Sterbe-Dokfilm «Mrs. Fang» des Chinesen Wang Bing kam aber überraschend.

Den Publikumspreis des Piazza-Grande-Programms erhielt die intelligente US-Komödie «The Big Sick». Die Romanze von Michael Showalter erzählt auf überaus witzige Weise die Liebesgeschichte zwischen dem Pakistani Kumail und der US-Amerikanerin Emily. «The Big Sick» basiert auf dem wahren Leben des Hauptdarstellers Kumail Nanjiani, die Auszeichnung ist verdient und kam wenig überraschend.

Als Jury-Präsident Olivier Assayas hingegen am Samstag vor den Medien die Vergabe des Goldenen Leoparden an «Mrs. Fang» verkündete, erntete er neben Applaus auch vereinzelte Buhrufe - ebenso bei der Preisübergabe am Samstagabend auf der Piazza Grande. Wang Bing begleitet in seinem nüchternen Dokfilm eine alte, chinesische Alzheimer-Patientin beim Sterben.

Publikum und Filmkritiker hätten den Goldenen Leopard in einem durchwegs starken Wettbewerb wohl in andere Hände gegeben. Als Favorit galt vielen John Carroll Lynchs philosophisches und amüsantes Porträt eines alten Mannes (Harry Dean Stanton) in einer US-Wüstenstadt: Auch «Lucky» erzählt vom Tod, allerdings mit einem ironischen Unterton.

Zur besten Darstellerin wurde die Französin Isabelle Huppert gekürt, die sich auf der Piazza Grande mittels einer Videobotschaft beim Festival und dem Publikum bedankte. In «Madame Hyde» gibt sie eine verschrobene Lehrerin. Der Däne Elliott Cosset Hove erhielt für seine Darstellung eines Arbeiters in «Winter Brothers» einen «Pardo».

Leer aus ging der Schweizer Wettbewerbsfilm «Goliath» von Dominik Locher. Für Cyril Schäublin, der mit dem Spielfilm «Dene wos guet geit» im Nachwuchswettbewerb gestartet war, reichte es immerhin für eine spezielle Erwähnung der Jury.

Kein Jubiläumsfeuerwerk

Über alle Kategorien hinweg betrachtet, zeichnete sich ein roter Faden ab: Zahlreiche Filme handelten von Familien. Das konnten unkonventionelle Konstrukte sein wie im französischen Piazza-Film «Lola Pater», wo ein Vater plötzlich zur Frau (Fanny Ardant) wird. Oder aber klassische Familien wie jene im deutschen Wettbewerbsfilm «Freiheit», in dem eine Mutter (Johanna Wokalek) ausbricht.

Wokalek und Ardant gehörten zu einer Reihe Stars, die die Jubiläumsausgabe mit ihrer Anwesenheit beehrten. Einen bewegenden Auftritt hatte etwa Adrien Brody, der auf der Piazza zu Tränen gerührt einen Ehrenpreis entgegen nahm. Über den roten Teppich schritten weiter die Schauspieler Vanessa Paradis, Mathieu Amalric, Mathieu Kassovitz, die frühere deutsche Polanski-Muse Nastassja Kinski oder US-Regisseur Todd Haynes.

Das grosse Feuerwerk zum runden Geburtstag blieb aus. Einzig am Mittwoch gönnte sich das Festival einen Jubiläumsakt, erst für geladene Gäste im neuen Palacinema, später auf der Piazza Grande.

Ticketsystem sorgt für Unmut

Wettertechnisch war die Jubiläumsausgabe ein Festival der Extreme: In den ersten fünf Tagen trieben Temperaturen von bis zu 35 Grad die Zuschauer in die klimatisierten Kinosäle - sogar spätabends auf der Piazza Grande tropfte der Schweiss. In der zweiten Festivalhälfte sorgten Regen und Gewitter für vollgestopfte Säle. Wie viele Zuschauer die Festivalausgabe besuchten, konnte das Pressebüro am Sonntagmittag noch nicht sagen.

Im neuen Palacinema war allerdings nicht alleine das Wetter schuld an chaotischen Szenen vor Filmbeginn. Der Legende nach - so zumindest berichtete es die «NZZ» - musste Festival-Leiter Carlo Chatrian einmal gar höchstpersönlich einschreiten. Zuschauer waren erbost, weil sie trotz langen und unübersichtlichen Anstehens am Ende vor verschlossenen Türen standen - «ausverkauft» verkündete die Tafel davor.

Das 71. Filmfestival Locarno findet vom 1. bis am 11. August 2018 statt. (sda)

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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