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Die arme Christina Hendricks betritt in «Lost River» ihren neuen Arbeitsort, den Fetisch-Club. Viel Glück!
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Mein Cannes-Tagebuch (8)

Mein Chef verwechselt Godard mit Gotthard, und Ryan Gosling hängen noch ein paar Träume in den Augen

21.05.2014, 18:5723.06.2014, 09:52

Mein Liebesleben fragte mich per SMS, was ich gerade esse, und ich antwortete wahrheitsgetreu: «Eine Terrine von dreierlei Wild, hausgemachte Salami, gebeizten Lachs mit Wodka, Schweinsfilet mit provenzalischer Kräuterfüllung und Gratin Dauphinois und zuletzt noch ein Schoggimousse.» Die Franzosen sind Weltmeister in der feinen Verarbeitung und dem unentwegten Verzehr tierischer Fette, und natürlich sieht man es ihnen nicht einmal an. Und sie sterben auch nicht früher als andere Völker. 

Jean-Luc Godard zum Beispiel, da bin ich mir ganz sicher, ist gewiss auch kein Freund der lean cuisine, also der Magerküche, und er ist damit schon 83 Jahre alt geworden und hat es mit seinem Film «Adieu au langage» immer noch spielend in den grossen Wettbewerb von Cannes geschafft. Er, der grosse Godfather des Autorenkinos. Der Mann mit Filmen für die Ewigkeit wie «A bout de souffle» und «Le mépris» und «Bande à part» und unfassbaren 113 weiteren Titel.

Mein neuer Chef hat ja statt «Godard» «Gotthard» verstanden und war schon irrsinnig aufgeregt, was denn nun eine der überflüssigsten Schweizer Bands ever an der Croisette zu suchen hätte. Nichts natürlich. Godard suchte da leider auch nichts. Er, der angeblich schon seit dem Wochenende mit seinem Hund in Cannes sein sollte, kam heute einfach nicht ans Festival, keine Sekunde lang, aber vielleicht hatte er das auch gar nie vor gehabt, ich trau ihm das zu.

Beim See handelt es sich um den Lac Léman, und dieses Bild sieht in 3D ziemlich spooky aus.
Beim See handelt es sich um den Lac Léman, und dieses Bild sieht in 3D ziemlich spooky aus.
bild: festival de cannes

Nun, sein neuer Film. Was soll ich dazu sagen. Er ist in 3D. Und oft mit Gopro gefilmt, was, wie mir meine jungen Kollegen aus dem Nerd-Betrieb watson ja erklärt haben, einer der letzten Schreie der Kameratechnik sein soll. Ich würde meinen: Hab ich bei Pipilotti Rist alles schon viel besser gesehen. Also das totale Überblenden, die Sättigung der Farben bis zum Maximum dessen, was die Bildbearbeitung hergibt, das intensive Spüren von Blüten und Bäumen, die übersteuerte Psychedelik und mitten drin: nackte Frauen. Was sonst. «Adieu au langage», was auch als «Ah dieux!» und «Oh langage!» gelesen werden kann, ist schliesslich ein französischer Film.

Obwohl ich's nicht begreife. Da dreht ein Schweizer in der Schweiz, vorwiegend in Nyon, und dann ist es ein französischer Film. Egal, es klingt wohl einfach besser. Die nackte Frau hält sich eine Früchteschale oder einen Teppich vor ihre Blösse, das sieht in 3D ziemlich gut aus. Hund Roxy rennt durch die Natur, eine Stimme sagt: «Der Hund ist das einzige Wesen, das dich mehr liebt als sich selbst.»

Die Frau sagt: «Ich bin hier, um Nein zu sagen und um zu sterben.» Die Stimme sinniert: «Eine Frau kann nichts Schlechtes tun. Sie kann langweilen. Sie kann töten.» Verstehe das, wer kann, ich nicht. Der Mann sitzt auf dem WC und macht grusige Geräusche, die Frau will philosophieren. Dazwischen Tschaikowski. Und Gopro. Der Lac Léman. Der Hund. Der Hitler. Ein Stuhl. Eine Hand. Ein Buch. «Archipel Gulag» von Solschenizyn. Im Publikum schreit einer: «Godard Forever!» Der Saal tobt. 

Nach 70 Minuten ist alles zu Ende, wow, das war tief und total französisch und dermassen laut, dass man keine Chance hatte einzuschlafen. Ein Essay halt. Über Mensch, Tier und Natur und jenes seltsame Glied dazwischen, das sich Sprache nennt, und mit dem sich der Mensch mit allem verbindet und sich alles untertan macht. In etwa. Vielleicht.

Aber gehen wir endlich zum andern der beiden Gogo-Boys des heutigen Tages, zu Ryan Gosling, der exakt 50 Jahre jünger ist als Godard und ziemlich exakt drei Wochen vor diesem Geburtstag hat. Der Schauspieler Ryan Gosling hat jetzt offenbar genug davon, nur als Sexsymbol der denkenden Frau (und noch von ein paar anderen) zu gelten, und deshalb ganz viel anderes und zeigt in Cannes seine erste Regiearbeit «Lost River». Ganz ähnlich wie seine Kollegen James Franco und George Clooney, die offenbar auch genug davon haben, bloss auf einen schönen Körper reduziert zu werden. Und genau gleich wie Scarlett Johansson, die auch gerade zum ersten Mal Regie führt. Und wie Angelina Jolie. Ich glaube, da handelt es sich um einen Trend. Der Aufstand der Sexsymbole.

Weil sie so schön sind: Ryan Gosling mit Christina Hendricks ...
Weil sie so schön sind: Ryan Gosling mit Christina Hendricks ...
Bild: Getty Images Europe
... dagegen kommt auch die amtierende Miss Cannes nicht an!
... dagegen kommt auch die amtierende Miss Cannes nicht an!
bild: simone meier

Also, von mir aus kann Ryan Gosling auch 113 Filme machen, und wenn sie alle so aussehen wie «Lost River», schau ich sie mir alle an. Sagenhaft gut hat mir das gefallen. Viele sehen das ja schon wieder ganz anders, aber ich mag es, wenn jedes Bild eine satte Komposition ist, wenn einer eine Sehnsucht nicht scheut, die ans Schundfilmhafte grenzt, und sich die fantastischen Effekte (aber die sorgfältig ausgedachten, nicht die schnellen wie der Godard) nicht verbietet. Wenn ein Velo nicht einfach angezündet wird wie in irgendeinem Sozialdrama, sondern von Geisterhand gesteuert brennend einmal ganz durchs Bild fährt. 

Wahrscheinlich hat Ryan Gosling selbst bei jeder zweiten Einstellung einen Orgasmus bekommen. Das ist triefendes, wollüstiges Kino also. Ein bisschen Fellini, ein bisschen Tarantino und David Lynch und höchst wahrscheinlich ganz viel Nicolas Winding Refn, mit dem Gosling in den letzten Jahren ja «Drive» und «Only Gods Forgive» gedreht hat. 

Ausschnitt aus «Lost River»

Goslings Genre nennt sich «Fantasy Neo-Noir», und das trifft es gut. Er erzählt die Geschichte eines Fleckens am Rand der Industrieruinen von Detroit. Es wurde dort einst eine Kleinstadt geflutet, weil sich windige Investoren von einem schönen neuen Freizeitsee einen Riesengewinn versprachen. Er blieb aus. Die Anwohner sind hoch verschuldet, viele Häuser verlassen, ein böser junger Mann terrorisiert alle und macht mit einer Schere Dinge, über die man echt nicht zu lange nachdenken darf.

Eine alleinerziehende Mutter (die prachtvolle Christina Hendricks aus «Mad Men») geht in einen Fetisch-Club anschaffen, es ist ein Etablissement, das sich ganz dem inszenierten Grusel widmet, quasi die Splatter-Variante des Swinger-Clubs aus «Eyes Wide Shut», aber eben nur inszenierter Splatter. Ganz gewiss ist dies auch als Metapher auf die künstliche Verfertigung von Gewalt im Kino zu verstehen. Es gibt den tiefen See, in dem sich eine Märchenwelt verbirgt, es gibt den Trash-Exotismus uralter Pulp-Fiction-Filme, es liegt auch über den Feuern, die nachts die leerstehenden Häuser erfassen, eine grosse Poesie. Altes Holz löst sich in Funken auf und mitten drin zerschmilzt auch noch eine Rolle altes Zelluloid. Ganz gewiss ist auch dies eine Metapher. Richtig, richtig grusig wird's bloss zweimal, der Rest ist Oper, Märchen, Gefühl.

Ein Velo brennt, ein Mensch flennt (noch nicht gerade).
Bild: festival de cannes

Ryan Gosling habe ich heute auch noch schnell getroffen, ganz flott im Hotel Marriott, aber was er in den kostbaren zwanzig Minuten gesagt hat, darf ich hier selbstverständlich noch nicht verraten, erst, wenn «Lost River» in der Schweiz startet. Nur soviel: Er ist ein sanfter junger Mann mit einer leisen Stimme, dem noch ein paar Träume in den Augen hängen. Und er trug ein hellblaues Hemd mit ganz wenigen breiten Streifen, vier vorne, vier hinten, es war das coolste Hemd von ganz Cannes, und vielleicht kann man daraus ja bald mal einen Trend basteln.

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