Gesellschaft & Politik
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Eine Fliege macht noch keinen Churchill.  bildmontage: watson.

Boris Johnson, der Möchtegern-Churchill

Der ehemalige Bürgermeister von London wähnt sich als Nachfolger des legendären britischen Staatsmannes. Er benimmt sich jedoch wie ein Polit-Clown.

10.07.18, 12:16 10.07.18, 12:33


Boris Johnson vergleicht sich gerne mit Winston Churchill. Das beginnt bei seinem Äusseren: wildes Haar, unsortierte Kleider, am liebsten kombiniert mit einem alten Velo. Auch die Exzentrik darf bei Johnson nicht fehlen. Er sieht sich gerne als Aussenseiter, der furchtlos unkonventionelle Meinungen vertritt.

Der Heineken-Tory

Zu seiner Zeit als Bürgermeister von London hat die Exzentriknummer von Johnson prächtig funktioniert. Er war beliebt, nicht nur wegen der Olympischen Spiele, die ein grosser Erfolg waren. Johnson war das Gegenprogramm zu den eher konventionellen konservativen Politikern. In Anlehnung eines legendären Werbespots galt er deshalb als «Heineken-Tory». Er erreichte in den Menschen Teile, die anderen Politikern verborgen bleiben.

Immer zu Posen bereit: Boris Johnson in Aktion. Bild: EPA/EPA

Wie Churchill war Johnson vor seiner Politkarriere Journalist, und wie Churchill besitzt er die Fähigkeit, gelegentlich sehr treffende Sprüche abzusondern. So vergleicht er den Brexit von Theresa May neuerdings mit Toilettenpapier: weich und sehr lange.

Wie Churchill ist Johnson schliesslich sehr ehrgeizig. Er will in die Downingstreet 10 einziehen. Dort wohnt der amtierende Premierminister, und dieses Amt strebt er an, koste es, was es wolle, auch wenn er scherzt: «Meine Chancen, Premierminister zu werden, sind etwa gleich gross, wie dass man Elvis auf dem Mars findet.»

Im Fadenkreuz der Brexit-Hardliner: Premierministerin Theresa May. Bild: EPA/EPA POOL

Nun wittert Johnson seine Chance. Premierministerin Theresa May hat endlich ihren Brexit-Plan vorgestellt, und für Johnson ist er – nun, Toilettenpapier. Deshalb ist er von seinem Amt als Aussenminister zurückgetreten in der Hoffnung, die eh schon angeschlagene Premierministerin bald beerben zu können.

Hundekegel polieren?

In seinem Kündigungsschreiben stellt Johnson fest, der Brexit-Traum werde «erstickt von unnötigen Selbstzweifeln». Was Theresa May nun vorhabe, sei, «einen Hundekegel polieren», lästert er.

Mithilfe der Hardliner bei den Konservativen will er die Premierministerin zu Fall bringen. Unterstützung erhält Johnson von David Davis, Minister und britischer Chefunterhändler in Brüssel. Er ist ebenfalls ein Brexit-Hardliner und ist auch von seinem Posten zurückgetreten. Wenn es den beiden gelingt, 48 konservative Parlamentarier hinter sich zu bringen, dann können sie ein Misstrauensvotum gegen die Premierministerin einreichen.

Um Theresa May zu stürzen, braucht es allerdings 149 Stimmen. Es ist fraglich, ob Johnson dazu in der Lage ist. Auch bei den Tories findet allmählich ein Umdenken statt. Der harte Brexit hat an Attraktivität eingebüsst, weil es Johnson & Co. bis heute nicht gelungen ist, einen vernünftigen Plan dazu aufzuzeigen. Die Tatsache, dass Airbus, Jaguar, Land Rover, Philips und andere Unternehmen öffentlich über die Verlagerung von Arbeitsplätzen in die EU nachdenken, hat das Vertrauen in einen harten Brexit ebenfalls nicht gestärkt.

Die grosse Brexit-Lüge mit den 350 Millionen für das Gesundheitswesen. Bild: Getty Images Europe

Der Bluff von Johnson & Co. ist nicht aufgegangen. «Sie haben gedacht, Brüssel würde einknicken», stellt Robert Shrimsley in der «Financial Times» fest. «Sie haben sich politisch verhalten wie der Fussballverband, gesungen ‹football’s coming home› und sich dabei eingeredet, das sei ein Plan.»

Warum Johnson kein Churchill ist

Winston Churchill war ein sehr mutiger, ja teilweise geradezu fahrlässiger Mann, der keiner Gefahr ausgewichen ist. Boris Johnson ist ein Feigling. Er hat in der Brexit-Kampagne unhaltbare Versprechen gemacht, beispielsweise die ominösen 350 Millionen Pfund, die jede Woche anstatt nach Brüssel in das britische Gesundheitswesen fliessen sollten. Nach gewonnener Schlacht hat er sich jedoch hinter May versteckt und ist ins Aussenministerium geflüchtet.

Kein falscher Pathos: Churchills Victory-Zeichen. Bild: AP/AP

Churchill hat auch in ganz anderen historischen Umständen gehandelt. Den Briten im Kampf gegen Hitler bloss «Blut, Schweiss und Tränen» zu versprechen und zu schwören «Wir werden an den Stränden kämpfen», war damals ein berechtigter Aufruf zu einem heldenhaften Kampf.

Das Pathos von Boris Johnson hingegen verfehlt seine Wirkung. In der heutigen Zeit zu jammern, Grossbritannien «sei im Begriff, eine Kolonie der EU» zu werden, ist bloss eines: lächerlich.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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30
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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Duese50 10.07.2018 19:53
    Highlight Morgen werden die Engländer ihren Brexit um die Ohren gehauen erhalten und ich werde mir ein Grinsen nicht verkneifen können.
    3 1 Melden
  • Quacksalber 10.07.2018 18:47
    Highlight Natürlich ist Johnson lächerlich, aber gerade das ist doch sehr britisch an ihm und erklärt seinen Erfolg.
    2 4 Melden
  • Eagle21 10.07.2018 18:28
    Highlight Das Heldenhafte an Churchill war eben genau, dass er sich durchsetzen konnte, obwohl das politische Establishment und die Medien ihn einen Clown geschimpft hatten. Man hätte sich lieber mit den Nazis arrangiert, als den mühsamen Weg des Widerstands zu gehen, und machte sich lustig ueber Churchill. Ich weiss nicht, wie man Johnson in 70 Jahren beurteilt, aber das Urteil steht sicher noch nicht derart fest, wie es dieser Artikel suggeriert. Im Gegenteil; eigentlich bestätigt der Artikel eher die Parallelen zu Churchill - obwohl die Situationen natürlich nicht vergleichbar sind.
    2 3 Melden
  • Fulehung1950 10.07.2018 17:41
    Highlight Jaja, der Urenkel des gelynchten letztenosmanischen Innenministers Ali Kemal und Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Enkel einer 1975 in Basel entdeckten Gruft-Mumie. Der eignet sich mal so richtig als Churchill-Verschnitt!
    2 0 Melden
  • KXXY 10.07.2018 17:12
    Highlight Boris, dumb as a brick, könnte es schaffen. Wenn die Amis einen debilen Vollpfosten wie Trump wählen, ist alles möglich ....
    15 4 Melden
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 10.07.2018 15:59
    Highlight Churchill mit Johnson zu vergleichen ist eine üble Beleidigung Churchills.
    Churchill hatte eine Vision für eine bessere Welt, die es gegen den Faschismus zu verteidigen galt. Johnson ist ein rückwärtsgewandter Träumer, im besten Fall ein Narzist.
    20 10 Melden
    • Philipp Löpfe 10.07.2018 16:23
      Highlight Das denkt sich ziemlich genau mit dem Fazit meines Artikels.
      25 5 Melden
    • raues Endoplasmatisches Retikulum 10.07.2018 16:49
      Highlight Mit dementsprechend viel Freude habe ich den Artikel gelesen.
      #confirmationbias
      16 4 Melden
    • nilson80 10.07.2018 17:19
      Highlight Naja, dass Churchill eine Vision von einer "besseren Welt" hatte lässt sich nicht gerade belegen. Eine hochintelligente, mutige und humorvolle Persönlichkeit war er definitiv. Seine tiefe Verwurzelung im britischen Kolonialreich und sein nicht immer lupenreines Demokratieverständnis stehen für mich aber nicht für eine bessere Welt.
      10 1 Melden
  • Schicke uns deinen Input 10.07.2018 14:25
    Highlight Böbele würde ich nicht mal den Vergleich mit Mister Bean abnehmen. So ernsthaft blöd wie er kann kein blonder brotischer Politiker sein. Lochness passt am Ehesten. ✌️
    24 15 Melden
  • the guy who did nothing wrong 10.07.2018 14:09
    Highlight Gott sei dank ist dieser Clown zurückgetreten, unglaublich inkompetent sowie die gesamte Regierung von May, die haben nichts gutes hinterlassen, die jetzigen Torries sind eine einzige Katastrophe für UK...
    43 17 Melden
    • KXXY 10.07.2018 17:13
      Highlight Er ist nicht zurückgetreten, er hat bloss das sinkende Schiff verlassen um auf dem nächsten Bananenboot platz zu nehmen ...
      7 2 Melden
  • Sheez Gagoo 10.07.2018 12:45
    Highlight Es sind andere Ausdrücke als "Hundekegel" gefallen.
    9 5 Melden
    • Wolkensprung 10.07.2018 17:16
      Highlight Welche? 🤔
      2 0 Melden
    • Sheez Gagoo 10.07.2018 19:50
      Highlight "Turd"
      0 0 Melden
  • wasps 10.07.2018 12:39
    Highlight Er dachte, Brüssel würde einknicken. Keine guten News für die Sünnelis.
    43 17 Melden
    • Wolkensprung 10.07.2018 17:22
      Highlight ... Was sie eignetlich schon seit Jahren wissen müssten, aber die Alternativen sind etwa gleich luftig wie der Brexit... Damit lässt sich kein Stimmvieh (sic!) ködern...
      2 2 Melden
    • bebby 11.07.2018 06:08
      Highlight Die EU wird vermutlich keine Konzessionen an GB machen, dafür brodelt es jetzt bereits an mehreren Fronten. Im besten Fall kann die EU den Status quo erhalten, im schlechteren wird GB nicht das letzte Land gewesen sein, welches austreten wird. Z. B. Italien, Österreich oder im schlimmsten Fall Deutschland. Ohne Deutschland wäre das Projekt dann definitiv am Ende.
      Hauptproblem sehe ich darin, dass jedes Land nur noch an sich denkt und eine Kosten Nutzen Rechnung macht.
      Und das alles nur, weil man auf Biegen und brechen am Euro festhält.
      0 2 Melden
    • wasps 11.07.2018 07:56
      Highlight Die EU wird sich reformieren, aber sicher nicht zerfallen. Das ist Wunschdenken der Nationalisten, die zwar zugelegt haben, aber immer noch mit Abstand in der Minderheit sind. Nicht einmal Orban möchte austreten. Geschweige denn die Franzosen, Deutschen oder Österreicher. Auch die Griechen wollen bleiben. Warum? Weil die Vorteile überwiegen.
      1 1 Melden
  • Ril 10.07.2018 12:21
    Highlight Die Brexit-Hardliner führen einen Krieg... aber ohne Feinde. Dennoch füllen sich gewisse Taschen klammheimlich im Hintergrund an den entstandenen Schäden...
    72 18 Melden

Der nette Herr Molina

Ex-Juso Präsident Fabian Molina ist seit gut 100 Tagen im Nationalrat – und mit 27 Jahren der jüngste Parlamentarier im Bundeshaus. Grund genug, um mit dem Zürcher einen Kaffee zu trinken, ein paar Zigaretten zu rauchen und über die grossen Themen zu plaudern.

Fabian Molina sitzt schon seit einer Weile am Tisch nebenan, aber die äusserliche Unscheinbarkeit lässt ihn verschmelzen mit der lustig-zusammengewürfelten Ausseneinrichtung dieses Treatment-Cafés in den Ausläufern des Zürcher Kreis 4. Vielleicht liegt es auch daran, dass er in einem dieser Strandkörbe sitzt, die überall ausser auf Sylt und in vernachlässigten Hinterhofgärten fürchterlich deplatziert wirken, und zudem Kopf und Oberkörper ihrer Bewohner wegschlucken.

Kurz: man sieht ihn nicht.

Er …

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