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epa05911584 Supporters of Turkish President Erdogan celebrate as preliminary results of the constitutional referendum are announced in Istanbul, Turkey, 16 April 2017. State-run news agency Anadolu reports a narrow lead for the 'Yes' vote in the unofficial results. The proposed reform, passed by Turkish parliament on 21 January, would change the country's parliamentarian system of governance into a presidential one, which the opposition denounced as giving more power to Turkish President Erdogan.  EPA/DENIZ TOPRAK

Erdogan-Fans feiern den Sieg der Abstimmung. Bild: DENIZ TOPRAK/EPA/KEYSTONE

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Petarden, Faschos und Polizeikontrollen – so erlebten wir die Siegesfeier der AKP

Istanbul – Nach Erdogans Sieg am Sonntagabend begaben sich die watson-Reporter in Istanbul dorthin, wo sie am liebsten gar nicht hätten sein wollen: Zu den freudetaumelnden Türken in die AKP-Hochburg.



In halsbrecherischem Tempo fährt der Taxifahrer durch das Sütlüce Quartier. Vor wenigen Minuten hat Recep Tayyip Erdogan den Sieg ausgerufen. Rund um den Taksim-Platz haben das viele mit einem Kopfschütteln goutiert. Doch je mehr wir uns jetzt dem Hauptbüro von Erdogans AKP-Partei nähern, umso lauter wird es draussen.

Der Taxifahrer tritt das Gaspedal durch. Er ist wütend. Nicht, weil an diesem Abend die türkische Bevölkerung Erdogan quasi die Allmacht gesichert hat. Nein, das findet er gut. Auch er hat sich mit einem Ja an der Urne für das Referendum ausgesprochen. Doch dass das Ergebnis so knapp ausgefallen ist, ärgert ihn. Undankbar seien jene, die Nein sagten. Wir gurten uns an.

Was wir bei der AKP wollten, will der Taxifahrer wissen. Er findet wohl, dass wir dort nicht so recht hinpassen. Durch den Rückspiegel mustert er uns skeptisch. Can lügt zusammen, dass er seine Kollegin aus dem Ausland, eine Schweizer Kulturbeauftragte, herumführe. Das stimmt ihn milder.

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Video: streamable

Immer mehr beginnt der Verkehr zu stocken, bis schliesslich gar nichts mehr geht. Hupende Autos verstopfen die Strassen, siegestrunkene Türken schwenken Fahnen. Rote Lichter von Petarden erhellen ihre freudestrahlenden Gesichter. Die AKP-Zentrale befindet sich rund vierhundert Meter vor uns. Wir steigen aus und gehen den Rest zu Fuss.

Am Strassenrand wittern Verkäufer das Geschäft. Sie bieten an, was die Leute jetzt haben möchten: Schals, auf denen Erdogans Gesicht prangt, Evet-Mützen, natürlich Türkei-Flaggen in allen Grössen und Feuerwerk. Dieses wird jetzt in alle Richtungen geschossen. Wenige Meter über uns explodieren Funken in allen Farben und verglühen im Nachthimmel.

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Hoch im Kurs: Flaggen, Schals, Feuerwerk. bild: watson

Feiern können sie, diese AKPler. Wäre das, was gerade passiert, nicht so todtraurig, würde man gerne in den Freudentaumel einstimmen. Inzwischen sind wir bei der AKP-Zentrale angekommen. Vor dem Gebäude hat die Polizei einen Platz abgeriegelt. Jeder, der hinein will, wird durchsucht und abgetastet. 

So erlebten wir, Can und Sarah, die AKP-Feier:

Can: Kritisch mustern mich die Polizei-Beamten beim Flaschenhals zum kleinen Park vor dem AKP-Gebäude. Zum Glück wird Sarah von der hereinströmenden Menge hineingetragen. Ich werde gestoppt. Erst kontrolliert der Polizist den Rucksack, dann tastet er meinen Körper ab. Als seine Hände zu meinem Mantelsack wandern und darin das watson-Mikrofon entdecken, will er die «Ministerpräsidiale Akkreditierung» sehen, eine persönliche Medieneinladung vom türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim quasi. Weil ich keine habe, werde ich weggeschickt. Später wird es zu einem Wiedersehen mit demselben Polizisten kommen.

Sarah: Ich spiele die interessierte Touristin und werde hineingelassen. Can reicht mir von draussen das watson-Mikrofon durch die Gitterstäbe. Dafür ernte ich ein paar skeptische Blicke. Ich tauche in der Masse unter. Auf dem Dach eines Busses steht ein Mann, der sich die Türkeiflagge um die Schultern gehängt hat. Er brüllt in ein Mikrofon. Immer mehr Menschen strömen auf den Platz.

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Freudenfest auf der Strasse. bild: watson

Can: Den Boulevard mit der doppelspurigen Strasse in beide Fahrtrichtungen vor dem Parteisitz haben die AKP-Anhänger mittlerweile zum Kundgebungsplatz umfunktioniert. Die Autos wollen eigentlich hupend wie eine Parade vor dem Sitz vorbeirollen. Das geht nicht, denn die rechte Spur ist blockiert durch die Fahrzeugen der Erstankömmlinge. Plötzlich greift mich jemand an der Schulter. Es sind zwei junge Polizeibeamte. Sie kontrollieren meinen Rucksack und finden nur den Laptop. Zum Glück ist das Mikrofon bei Sarah. Sie lassen mich laufen. Mein Herz blickt vorsichtig wieder aus meiner Hose. 

Sarah: «He, du! Deutschland?» Ein kleiner, rundlicher Mann mit strahlendem Gesicht stupst mich an. Er hat in Dänemark gelebt und spricht ein wenig Deutsch. Mit seiner Tochter ist er hierhergekommen, um den Sieg zu feiern. Er versteht nicht, dass die Europäer Erdogan für einen schlechten Menschen halten. Er sei gut für die Türkei, habe so viel für sein Land und seine Leute getan. Ich gratuliere ihm und gehe weiter. Ich dränge mich durch die Menschen bis ich vor dem Bildschirm stehe. Aus zu laut eingestellten Boxen scheppert die Stimme von Ministerpräsident Binali Yildirim. Er sagt irgendetwas Pathetisches. Hielt er bisher das Vetorecht über die Entscheide der Legislative inne, wird ihm dies im Präsidialsystem nicht mehr möglich sein. Yildirim hat sich an diesem Abend eigentlich selber abgeschafft.

«He, du! Deutschland?»

Türkei, Referendum, Istanbul, AKP

Ein Türke feiert mit der AKP. bild: watson

Can: Ich begebe mich in die Menge und bestaune die Feier. Die Jungen tanzen jubelnd türkische Volkstänze zum Trommeltakt. Einige weinen vor Freude. Eigentlich ein vertrautes Bild, das ich von türkischen Hochzeiten kenne. Heute ist es aber befremdlich. Das Entsetzen stand mir wohl auch ins Gesicht geschrieben, denn ich werde darauf angesprochen. Warum ich mich nicht freue? Das Land sei doch gerettet. Und wo meine Fahne sei oder mein Schal? Ich notlüge, dass ich erst angekommen sei und meine Freunde suche.

Sarah: «O Halbmond, ewig sieggewohnt, scheine uns freundlich und schenke uns Frieden und Glück.» Die Nationalhymne wird gesungen, die eine Hand an der Brust, die andere eine Türkei-Flagge umklammernd. Jugendliche neben mir pressen Ring- und Mittelfinger gegen Daumen und strecken den Zeigefinger und den kleinen Finger in die Luft. Der «Wolfsgruss» der grauen Wölfe, eine rechtsextreme Sektion der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP). Mir wird es unwohl.

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Video: streamable

Can: Mittlerweile bin ich quasi im Moshpit der Aussenstehplätze. Im Auge des Hurrikans also. Eigentlich ist es laut. Doch bei mir ist es jetzt ganz ruhig. Es war ein langer Tag und ein Ereignis jagte das andere. Das Nein verdrängte das Ja und umgekehrt. Am Schluss siegte das Ja. Und nun stehe ich da mitten in der Ja-Feier. Das realisiere ich erst jetzt richtig. Gerade eben war ich noch voller Reporter-Tatendrang und den ganzen Tag lang von einem imaginären fetzigen Soundtrack umhüllt, der permanent «Let's Go!» trällerte. Jetzt die Ernüchterung. «He du!», ruft eine tiefe Männerstimme. «Was machst du da? Zeig, was du im Rucksack hast.» Es ist ein klobiger junger Türke mit seinen zwei Freunden gleicher Statur. Ich zeige ihm den Inhalt meines Rucksacks und sage ihm, dass ich meine Freunde suche. Er ist nicht wirklich überzeugt, aber lässt mich gehen.

Sarah: Es ist schwierig, jemanden zu finden, der Englisch spricht. Vielleicht ist Erdogans Bildungssystem doch nicht so gut? Ich stelle mich neben einen jungen Mann, der sich eine Evet-Mütze über sein krauses Haar gezogen hat und ein wenig verloren abseits steht und auf die jubelnde Masse guckt. Ich spreche ihn an und hurra, he speaks English! Er fragt mich, was ich vom Abstimmungsresultat halte. Eine heikle Frage an einem Ort wie diesem. Aber Halit ist mir irgendwie sympathisch und nicht so kräftig gebaut, dass er mich mit einem Schlag niederstrecken könnte. Ich antworte ihm wahrheitsgemäss, dass ich es eine Katastrophe finde. Er sagt: «Richtige Antwort», und erzählt, dass er sozusagen undercover hier sei. Er habe «Nein» gestimmt, wollte aber sehen, wie es so ist bei diesen AKPlern. Ich wünsche ihm alles Gute und gehe zum Ausgang. Genug gesehen. Hinter mir erscheint nun Erdogan auf dem Bildschirm. Es beginnt zu regnen.

Can: Ich wünsche mir, dass der Regen die Meute auflöst. Ich habe genug. Ich will mich verkriechen. In Embryostellung in eine warme Decke eingemummelt soll mich Sarah mit heisser Schoggi und einem Marshmallow-Turm füttern. Doch da, plötzlich ein bekanntes Gesicht. Der Polizist von vorher, der mich durchsucht hatte. «Komm du mal mit!», fordert er mich auf. Er übergibt mich seinem Kollegen. Alle meine Personalien werden aufgenommen. Was ich denn hier mache, warum ich herumlungere, was mein Job sei, wollen sie wissen. Ich reime etwas zusammen und bin von mir selbst überrascht, wie selbstsicher alles aus meinem Mund kommt. «Ich bin Student, Abi (grosser Bruder)», sage ich ihm kooperativ. Ob ich meinen Militärdienst in der Türkei geleistet hätte, wollen die Polizisten wissen. «In der Schweiz habe ich gedient.», sage ich. Sie prüfen meine Aussagen via Funk und stellen fest, dass bei den türkischen Streitkräften gewisse Dokumente fehlen würden. Mir wird ein Strafbefehl ausgestellt, wegen «unnötigem Herumlungern». Ich muss unterschreiben und werde aufgefordert, die Angelegenheit mit dem Militärdienst umgehend mit der zuständigen Behörden zu klären.

Sarah: Ich suche Can und finde ihn neben einem Polizeiwagen im Regen stehend. Ich bleibe auf sicherer Distanz, weil ich nicht zusätzlich provozieren will und den Rucksack voller Journalisten-Utensilien trage. Als sie Can gehen lassen, wollen wir beide nur noch fort von hier.

Wir steigen in ein Taxi und lassen uns zurück zum Taksim-Platz fahren. Dort ist es still und leer. Ganz allein zieht eine Frau durch die Gasse und trommelt mit einem Löffel auf ein Glas, das sie in der Hand hält. Ein leiser Protest gegen Erdogan. Was für ein Tag, was für eine Nacht! Wir setzen uns in eine Bar und bestellen uns das wohlverdiente Bier. 

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