Gesellschaft & Politik
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Soldiers carry a large national flag during a ceremony on Victory Day in Ankara, Turkey, Saturday, Aug. 30, 2014. Turkey's new President Recep Tayyip Erdogan, as commander-in-chief, presided over a ceremony marking an 92-year-old victory over Greece which was considered crucial in Turkish Independence War and the foundation of modern Turkish republic.(AP Photo/Burhan Ozbilici)

Was tun gegen den IS? Die Türkei ist in der Zwickmühle Bild: Burhan Ozbilici/AP/KEYSTONE

Dilemma am Bosporus

Im Kampf gegen den IS steckt die Türkei in der Klemme

Die USA versuchen, eine Zehner-Koalition zu formen gegen die Terrormilizen des «Islamischen Staates». Einer der wichtigsten Partner soll die Türkei werden - doch der Nato-Staat zögert. Er steckt wegen seiner verfehlten Aussenpolitik in der Klemme. 

09.09.14, 18:47

Hasnain Kazim, Istanbul / Spiegel Online

Ein Artikel von

Eine Koalition aus zunächst zehn Nato-Staaten soll die Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) bekämpfen. Darauf einigten sich die Mitglieder der Allianz auf Drängen der USA beim Nato-Gipfel in Wales. Ausgerechnet jenes Land, das massgeblich zum Erstarken der Extremisten beigetragen hat, soll in dieser Gruppe eine wichtige Rolle spielen: die Türkei

US- und Nato-Vertreter finden derzeit nicht genug schmeichelnde Worte für den östlichsten Nato-Partner. «Absolut unentbehrlich» seien die Türken in einem solchen Bündnis, pries US-Verteidigungsminister Chuck Hagel am Montag seinen Gastgeber bei einem Besuch in Ankara. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sicherte der Türkei Rückhalt zu, sollten IS-Kämpfer das Land angreifen. «Wir werden nicht zögern, alle notwendigen Schritte zu ergreifen, um eine effektive Verteidigung der Türkei zu gewährleisten», sagte er. 

Hinter den Kulissen wird darum gerungen, die Türkei einzubinden. «In Wahrheit ist es im Moment nicht leicht mit den Türken», sagt eine US-Diplomatin in Ankara. «Wir müssen die Regierung davon überzeugen, sich stärker zu engagieren.» Da die Regionen in Syrien und im Irak, in denen IS agiere, an die Türkei grenzten, sei eine Einbindung des Landes unverzichtbar. «Wir sind auf die Türkei als logistischer Ausgangspunkt und auf die Expertise der türkischen Regierung angewiesen.» 

Doch Ankara hält nichts von der Idee, Alliierter in einem Nato-geführten Krieg gegen die Dschihadisten zu sein. Die Zeitung «Cumhuriyet» berichtet, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident Barack Obama hätten sich darüber verständigt, dass die Türkei nur eine Rolle «im Hintergrund» spielen könne. 

Kalkül von Assads Sturz ist nicht aufgegangen 

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«Wären die Sunniten im Irak nicht so zurückgedrängt worden, gäbe es jetzt nicht solch einen geballten Aufstand» Bild: KACPER PEMPEL/REUTERS

Die Türkei befindet sich in einem Dilemma, in das sie sich durch ihre riskante Aussenpolitik der vergangenen Jahre selbst hineinmanövriert hat. Mit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien legte die Regierung sich auf ein Ende von Präsident Baschar al-Assad fest. Fortan unterstützte Ankara alle Kräfte, die gegen ihn kämpften - auch die radikalsten unter ihnen, in der Hoffnung, nach einem Ende Assads gestärkt als Regionalmacht hervorzugehen. 

Das Kalkül ist nicht aufgegangen, Assad ist nach wie vor an der Macht. Ein militärisches Eingreifen der Nato zum Beispiel durch Luftschläge würde sein Regime weiter stärken. Zwar dürfte das auch den anderen Nato-Staaten missfallen, für die Türkei aber wäre dies das Scheitern ihrer bisherigen Syrien-Politik. Eine andauernde Feindschaft zum Nachbarland wäre die Folge. 

Schon die bisherigen Waffenlieferungen an die Peschmerga, die Streitkräfte des kurdischen Autonomiegebiets im Nordirak, sowie die US-Luftschläge im Irak haben die Türkei wenig wohlwollend hingenommen. Es wurde befürchtet, die für die Peschmerga bestimmten Waffen könnten in die Hände der PKK geraten, mit der Ankara zwar Friedensverhandlungen führt, die aber nach wie vor als Terrororganisation gilt. «Sollte das geschehen, könnte das den Friedensprozess gefährden», sagt ein Mitarbeiter des Aussenministeriums. 

Durch die Angriffe der US-Luftwaffe auf IS-Stellungen würden ausserdem die irakische Armee sowie schiitische Milizen gestärkt. Für die Türkei, die sich als Schutzmacht der Sunniten in der Region versteht, ist das wenig erstrebenswert. «Wären die Sunniten im Irak nicht so zurückgedrängt worden, gäbe es jetzt nicht solch einen geballten Aufstand», sagte Premierminister Ahmet Davutoglu kürzlich. Ankara lehnt einen Machtzuwachs der Schiiten und daher auch Waffenlieferungen an die - schiitische - Regierung des Irak ab. 

Geiselnahme schwächt Ankaras Handlungsfähigkeit 

CARDIFF, WALES - SEPTEMBER 04:  (L-R) Turkish President Recep Tayyip Erdogan, British Prime Minister David Cameron, NATO Secretary General Anders Fogh Rasmussen and US President Barack Obama all look down as they leave a stage after a photocall at the NATO Summit dinner at Cardiff Castle on September 4, 2014 in Cardiff, Wales. Leaders and senior ministers from around 60 countries are gathering for the two day meeting where Ukraine and the ISIS hostages are likely to be discussed.  (Photo by Peter Macdiarmid/Getty Images)

Erdogan (links) mit den Nato-Partnern Bild: Getty Images Europe

Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung der Türkei, bei einer Anti-IS-Koalition mitzumachen, dürfte die Tatsache sein, dass nach wie vor 49 türkische Staatsbürger in der Gewalt der Extremisten sind. Sie wurden Anfang Juni als Geiseln genommen, als die Dschihadisten das türkische Generalkonsulat in Mossul stürmten. Unter den Gefangenen sind der Generalkonsul selbst, 18 weitere Mitarbeiter und Angehörige der Diplomaten sowie 30 türkische Sicherheitskräfte, die die Vertretung schützen sollten. 

Bislang nutzten Rebellen und Dschihadisten die Türkei als Transitland. Dort warb der IS neue Kämpfer an. Auf Twitter posten Kämpfer der Extremisten regelmässig Fotos von sich aus türkischen Krankenhäusern, wo sie sich behandeln lassen. In Städten entlang der Grenze zu Syrien wie Reyhanli kaufen sie ein, beziehen ihren Nachschub an Lebensmitteln, Waffen und Munition und erholen sich von den Strapazen der Gefechte. Türkische Oppositionspolitiker werfen der Regierung zudem vor, der IS würde grosse Mengen Öl in die Türkei schmuggeln und so seinen Feldzug finanzieren. 

Türkische Spitzenpolitiker weigern sich aus Furcht vor Racheakten noch immer, den IS als Terrororganisation zu bezeichnen oder die Organisation öffentlich zu kritisieren. Es scheint, als sei das ganze Land in Geiselhaft. Offiziell gilt ein Berichterstattungsverbot über die Geiselnahme, um das Leben der Gefangenen nicht zu gefährden. Dennoch schrieb die Zeitung «Hürriyet», die Regierung führe mit dem IS einen Dialog und verhandele über die Freilassung der Geiseln. 

IS-Kommandeure haben mehrfach mit Terrorangriffen in türkischen Städten gedroht, sollte Ankara ihnen Schwierigkeiten machen. Gleichzeitig verlangt die Nato, sie müsse ihre Grenzen besser schützen und die Durchreise von Dschihadisten verhindern. 

Die Türkei steht an zwei Fronten unter Druck. Auf wessen Seite das Land steht, hat Aussenminister Mevlüt Cavusoglu deutlich gemacht. Man werde «jeden Schritt der Nato» mitgehen, zur Stabilität in der Regierung beitragen und dabei helfen, «das Blutvergiessen zu beenden». Aber die Türkei behalte sich vor, selbst zu entscheiden, wie genau sie vorgehen, was sie tun und was sie nicht tun werde. 



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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Wiederkehr 09.09.2014 21:07
    Highlight Erdogan ist der geistige Vater der IS Terroristen
    3 2 Melden
  • zombie1969 09.09.2014 20:45
    Highlight Nachdem R. Erdogan vor einigen Wochen die Seiten im Syrienkonflikt gewechselt hat, ist aber seine Lautstärke gegenüber Israel etwas schriller geworden. Der Gerechtigkeit halber muss aber angefügt werden, dass er Ägyptens al-Sisi als "Tyrann, der sich nicht von anderen unterscheide" bezeichnete.
    Hintergrund ist R. Erdogans Unterstützung für Hamas. Mit seinem neuen Verhältnis zur iranischen Führung, die Geheimdienst-Kooperation läuft schon lange, ist damit eine interessante Entwicklung für das NATO-Mitglied Türkei im Gange.
    2 0 Melden

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