DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
bild: watson

#Varoufake #Unfucked: Jan Böhmermanns Video mag falsch sein, die Diskussion darüber ist richtig

19.03.2015, 11:5120.03.2015, 14:43
1 / 7
Stinkefinger
quelle: screenshot/youtube
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Sind wir noch echt oder haben wir uns schon aufgelöst? Im virtuellen Raum, im Netz, das immer beides ist: neue Sicherheit und Verunsicherung, Auffang- und Spinnennetz, Behüten und Verschlingen. Und was ist jetzt echt? Gibt es das überhaupt noch, und wenn ja, wie lange? Und gibt es den Fake nicht schon seit langem? Ist nicht jeder Film ein Fake? Die Behauptung einer Realität mit den Mitteln der Kunst? Sehen wir auf irgendeinem Foto noch die Realität oder das Ergebnis von Photoshop?

Vor ein paar Jahren war das ein Skandal. Etwa, als der «Blick» 1997 das Blutbad von Luxor noch blutiger machte. Heute fänden wir jedes «echte» Foto schlecht. Snapseed spiegelt die Gefühle, die wir angesichts unsere Fotosujets subjektiv empfinden weit besser als ein langweiliges Objektiv. Und ist das schlimm? Sind wir deswegen weniger begeistert, betroffen oder angeekelt? Sind unsere Emotionen steriler geworden?

Es geht in der Welt der visuellen Virtualität nicht um Worte. Es geht um Gesten.

Ikonen entstehen nie durch ihre Authentizität, sondern durch Inszenierung, durch Symbolik, das war bei Königen und bei alten Hollywoodstars und ist heute sowieso der Fall. Auch ein Paparazzi-Shot ist eine Art der Inszenierung, eine, die noch immer behauptet, der Authentizität einer Person am ehesten auf der Spur zu sein. Aber auch diese Bilder sind bearbeitet. Sie zeigen die schlechten Seiten der Stars. Die bösen, hässlichen Seiten. Die übertrieben herausgestrichenen Makel. Provoziertes Fehlverhalten.

Um Worte geht es dabei selten, Worte und Texte verlieren an Wert in der Welt der visuellen Virtualität, sondern um Gesten. Und nun also Varoufakis, mit seiner Geste der frivolen Überlegenheit, die mutmasslich herbeiinszeniert wurde und alle zu täuschen vermochte, bloss Varoufakis selbst nicht. Nur glaubte ihm das keiner. Denn Politikern zu trauen, haben wir verlernt. Zu viele haben in den letzten Jahren Dissertationen plagiiert oder gar nicht erst selbst geschrieben oder Gelder veruntreut. Ein Stinkefinger ist dagegen allerdings nicht einmal Lappalie. Aber ein Symbol.

Der Finger ist jetzt also kein Fake, sondern Fakt. Fuck!

Fachleute sprachen Varoufakis deshalb sofort seine Glaubwürdigkeit ab. Doch Jan Böhmermann sagt nun im tollsten deutschen Pressestunt seit den gefälschten Hitlertagebüchern, dass Varoufakis glaubwürdig ist. Dass er Recht hat. Dass man ihm trauen kann. Wenn man denn Böhmermann glauben könnte, dass sein Fake ein echter Fake ist. Wir wollten es jedenfalls alle ein paar Stunden lang euphorisch glauben. Weil Glauben heute so anpassungsfähig ist wie eine Foto-App. Das ZDF behauptet nun, der Fake sei keiner, sondern «Satire». Der Finger also ein Fakt. Fuck!

Aber auch wenn Böhmermann nicht hinter Varoufakis gestrecktem Finger steckt, hat er ein subersives Meisterwerk vollbracht: Denn seit seiner Botschaft denken wir nicht mehr über ein Symbol nach, sondern über Fragen der Wahrheit, der Integrität und ihrer medialen Vermittlung und Verzerrung. Und manchmal braucht es den Umweg der Kunst, um diese hervorzuholen.  

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

2 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2
«Waren einverstanden mit dem Töten»: Asyl für russische Dienstverweigerer spaltet EU
Deutschland will russischen Deserteuren Zuflucht bieten. Im Baltikum und Finnland hält man jedoch nicht viel von der Idee.

Putins Mobilmachung trägt den Krieg mitten in die russische Gesellschaft. Hunderttausenden jungen Männern droht der Kriegsdienst. Aus Angst davor versuchen viele, sich ins Ausland abzusetzen. Tickets für Flüge nach Istanbul, Belgrad oder die georgische Hauptstadt Tiflis waren in den letzten Tagen ausverkauft.

Zur Story