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Hofft, dass er endlich wieder glücklich sein kann: Eliot Antonietti.
Hofft, dass er endlich wieder glücklich sein kann: Eliot Antonietti.
Bild: KEYSTONE

Eliot Antonietti – der sanfte Hüne, der bei Servette durch die Mobbing-Hölle ging

Eliot Antonietti fährt Harley-Davidson und sieht aus wie ein Gang-Mitglied der Hells Angels. Aber der neue Verteidiger des EHC Olten ist ein sanftes Wesen. So sanft, dass er in Genf jahrelang zum Mobbingopfer wurde.
10.09.2021, 18:2811.09.2021, 13:05
Marcel Kuchta / CH Media

Wenn Eishockeyspieler Eliot Antonietti ins Training fährt, ist das akustisch ziemlich auffällig. Im Oltner Kleinholz-Quartier ist dann der knatternde Motor seiner Harley Davidson zu hören. Die Harley ist sein ganzer Stolz. Die US-Motorräder gehören zu seiner grossen Leidenschaft.

Zwei Exemplare davon stehen in seiner Garage. Dass ausgerechnet eines davon grün lackiert ist – also in den EHC-Olten-Farben, kann man schon fast als Wink des Schicksals interpre­tieren. Denn seit diesem Sommer steht Antonietti beim EHCO unter Vertrag.

Nicht nur wegen seiner Harley, sondern auch aufgrund seines mächtigen Barts und seiner Tattoos sieht Eliot Antonietti aus wie ein Abgesandter der Hells Angels. Doch was gegen aussen einen ­ziemlich furchteinflössenden Eindruck macht, täuscht. Denn der 28-Jährige ist alles andere als ein hartgesottener Rocker. Im Gegenteil. Wenn Antonietti spricht, dann tut er das mit sanfter Stimme. Und schnell wird klar: Hinter der harten Schale ist ein butterweicher Kern verborgen.

Chris McSorley: Erst Förderer, dann eine Hassfigur

Wenn man sich seine Geschichte als Eishockeyprofi anhört, dann merkt man bald einmal, dass er kein Mensch ist, der mit über­mässigem Selbstvertrauen durchs Leben segelt. Eliot Antonietti durchlief die Juniorenabteilung von Servette Genf. 2011, im Alter von 18 Jahren, durfte er unter Headcoach Chris McSorley erstmals NLA-Luft schnuppern. In den folgenden vier Jahren etablierte er sich schnell als sicherer Wert in der Genfer Defensive.

Doch dann kam der Bruch. Das Verhältnis zwischen Spieler und Trainer wurde zunehmend unangenehm – vor allem für Antonietti. Sein erstaunliches Fazit nach acht Saisons unter McSorley: «Ich war in Genf eigentlich gar nie so richtig glücklich.» Und erklärt: «Ich verdanke Chris McSorley sehr viel. Er hat mir die Chance gegeben, meine Karriere als Eishockeyprofi zu lancieren. Aber Chris war eben auch sehr hart.»

So hart, dass Antonietti leiden musste. Vor allem psychisch. Er mag nach all den Jahren öffentlich nicht ins Detail gehen, was ihm ­alles widerfahren ist. Aber bei ­seinen Erzählungen merkt man schnell, dass diese Zeitspanne für ihn psychisch sehr belastend, ja bisweilen eine Qual war. Besonders die letzten Jahre, welche auch eine Saison unter Craig Woodcroft beinhaltete.

Der Kanadier machte mit Antonietti dort weiter, wo McSorley aufgehört hatte. Mit gezieltem Mobbing. Ein Beispiel gefällig? Als Woodcroft Headcoach in Genf war, meldete sich Antoniettis ehemaliger Agent mitten in der Saison bei seinem Klienten und sagte: «Der Klub hat sich bei mir gemeldet. Du hast die Wahl. Entweder du rasierst dir sofort deinen Bart ab. Oder du spielst keine Sekunde mehr für Servette.»

Spielball des Coachs

Es entspricht Antoniettis Wesen, dass er gehorchte und sich seiner prächtigen, während vieler Jahre gepflegten Gesichtsbehaarung entledigte. «Als ich das erste Mal glattrasiert in die Garderobe kam, meinten meine Mitspieler, dass ich ein Neuer sei. Erst, als ich mich an meinen Platz setzte, erkannten sie mich», erzählt er mit einer Portion Galgenhumor.

An seiner Situation änderte sich selbstredend nichts. Er wurde zur sportlichen Randnotiz und zum Spielball der Coaches degradiert. Doch auch nach Woodcrofts Entlassung ging Antoniettis Genfer Albtraum weiter – und erreichte schliesslich seinen unrühmlichen Höhepunkt.

Nur kurz am Obersee: Antoniettis Gastspiel in Rapperswil-Jona.
Nur kurz am Obersee: Antoniettis Gastspiel in Rapperswil-Jona.
Bild: KEYSTONE

Eliot Antoniettis Freude war gross, als ihn McSorley – inzwischen Sportchef in Genf – im Herbst 2019 nach Rapperswil auslieh. Dort ­wollte er seine ins Stocken geratene Karriere neu lan­cieren. Doch nach nur fünf Spielen endete die Stipp­visite bei den Lakers, weil sich der Genfer eine schwere Gehirnerschütterung zuzog.

«Ich musste zurück zu Servette», erzählt er und erklärt, was ihn dort erwartete: «Ich durfte nicht mehr in die Garderobe, musste mich an einem anderen Ort umziehen. Ich durfte nicht mehr mit der Mannschaft trainieren. Da ­waren immer nur ich und die Pucks auf dem Eis, keine Coaches, nichts. Den Kraftraum durfte ich auch nicht benutzen.»

Kurz: Antonietti wurde in Genf eigentlich wie ein Aus­sätziger behandelt, von sämtlichen Teamaktivitäten ausgeschlossen. Er sagt: «Ich fiel in ein tiefes Loch, hatte mit Depressionen zu kämpfen. Ich glaube, dass die Saison wegen Corona ­abgebrochen wurde, hat mir das ­Leben gerettet. Denn die ganze ­Situation, kombiniert mit meiner Gehirnerschütterung, war die Hölle.»

Zum Glück konnte er sich in dieser für ihn extrem schwierigen Zeit auf seine Partnerin, die er inzwischen geheiratet hat, verlassen und auf die Unterstützung eines Mentalcoachs, der ihn seit zehn Jahren berät.

Der lange Arm der Macht von McSorley

Wenn man sich Antoniettis ­Geschichte anhört, fragt man sich unweigerlich: Warum, um Gottes Willen, hat er sich erst nach so langer Zeit von einem Arbeitsort verabschiedet, der ihm ganz offensichtlich nicht guttat? Antonietti zuckt mit den Schultern und sagt: «Ich konnte nicht wechseln.» Das Problem sei McSorleys langer Arm der Macht gewesen, mit welchem er potenzielle Transfers verhindert habe. Letztlich habe es für ihn ­immer nur die Option gegeben, in Genf einen neuen Vertrag zu unterschreiben, wenn er seine Profi­karriere fortsetzen wollte.

Chris McSorley in seinem neuen Job als Lugano-Trainer.
Chris McSorley in seinem neuen Job als Lugano-Trainer.
Bild: keystone

Dies tat er mit einer bewundernswerten Professionalität. «Ich habe immer versucht, alle Nebengeräusche auszublenden und mich auf meinen Job auf dem Eis zu konzentrierten.» Mehr blieb ihm in der Servette-Zwickmühle letztlich auch nicht ­übrig.

Erst im vergangenen Sommer konnte sich Eliot Antonietti von seinem Genf-Trauma befreien, stand aber zunächst ohne Arbeitgeber da. Der HC Lugano offerierte ihm schliesslich ein Try-out und nahm ihn für ein Jahr unter Vertrag. «Dort gefiel es mir sehr gut, ich konnte mir sogar einen Platz in der Mannschaft erkämpfen», sagt er. 39 Mal kam er für die Bianconeri zum Einsatz, dazu lief er noch ein paarmal für das Farmteam Ticino Rockets auf.

Antonietti hätte sich eine Weiterbeschäftigung im Tessin, wo auch seine Tochter Serena vor acht Monaten auf die Welt kam, gut vorstellen können. Doch sein Interesse erlosch zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, wer in Lugano Trainer werden würde: Chris McSorley.

Mit Frau und Kind in Olten ein Zuhause gefunden

So kam nun der EHC Olten zum Handkuss. Eliot Antonietti hat hier für zwei Jahre unterschrieben. «Ich habe gespürt, dass mich Sportchef Marc Grieder wirklich wollte. ­Diese Wertschätzung tat gut.» Nun hat er zusammen mit seiner Frau und dem Töchterchen ein Appartement in der Stadt bezogen. «Wir wollten uns hier als Familie niederlassen. Ich habe einen kurzen Arbeitsweg. Und meine Frau und die Kleine können an die Spiele kommen.»

Man merkt, dass er sich in seiner neuen Umgebung wohlfühlt, auch wenn die Sprachbarriere zweifellos noch ein paar Wochen vorhanden sein wird. Antonietti spricht erst ein paar Brocken Deutsch, versteht aber schon recht viel.

Sein Fokus gilt sowieso seiner Performance auf dem Eis. «Ich möchte hier in Olten Verantwortung übernehmen und eine Leaderrolle spielen», sagt er. Eliot Anto­nietti gilt als Vorzeige-Teamplayer, der in der Garderobe einen sehr positiven Einfluss hat und gute ­Laune verbreitet. Und klar ist auch, dass er, der jahrelang in der NLA gespielt hat, auch wieder dorthin zurück möchte: «Am liebsten mit dem EHC Olten.»

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