Aargau
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Nadya und Candid Pfister vor einem Bild ihrer verstorbenen Tochter in ihrer Wohnung.

Nadya und Candid Pfister vor einem Bild ihrer verstorbenen Tochter in ihrer Wohnung. Bild: Sandra Ardizzone

Célines Eltern geben den juristischen Kampf auf – nicht aber den politischen

Das schriftliche Urteil im Cybermobbing-Fall liegt vor. Der juristische Kampf ist gescheitert, der politische beginnt.

andreas maurer / schweiz am wochenende



Céline Pfister aus Spreitenbach nahm sich mit 13 Jahren das Leben. Ohne Abschiedsbrief. Ihre Gründe erklärte sie nicht. Über Social-Media-Plattformen wie Snapchat hatten aber hunderte Jugendliche live mitverfolgt, was die Bezirksschülerin in den Monaten vor ihrem Tod erlebt hat: Eine Ex-Kollegin verbreitete ein intimes Foto von ihr und machte sich darüber lustig.

Für Céline war das doppelt schmerzhaft. Es war eine Blossstellung und ein Vertrauensbruch zugleich. Das Bild hatte sie nämlich ursprünglich an einen Jungen geschickt, in den sie verliebt war. Er wollte aber nur das eine: «Nudes», Nacktfotos. Falls sie nicht mitmache, werde er ältere Aufnahmen an seine eifersüchtige Ex-Freundin weiterleiten. Nach einem Streit setzte er die Drohung um.

Die Tragödie ereignete sich vor drei Jahren. Es war der erste öffentlich diskutierte Fall von Cybermobbing in der Schweiz, der auf diese Weise endete.

Die Strafe folgt drei Jahre nach der Tat

Für den Jungen hat die Tat erst jetzt eine Strafe zur Folge. Damals war er 14. Im Herbst wird er 18. Nun muss er eine persönliche Leistung erbringen. Dauer: vier Tage. Drei weitere Tage kämen hinzu, falls er innert sechs Monaten rückfällig würde. In der Regel handelt es sich um gemeinnützige Arbeitseinsätze. Die Jugendliche, die das Foto verbreitet hatte, musste bereits einige Tage Büroarbeit leisten.

Die Jugendanwaltschaft hatte aus dem Fall zwei separate Verfahren gemacht und mit Strafbefehlen abgeschlossen. Célines Eltern, Nadya und Candid Pfister, hatten für den Jungen eine härtere Bestrafung verlangt. Im Februar dieses Jahres kam es deshalb zur ersten Gerichtsverhandlung im Fall.

Jetzt liegt das schriftliche Urteil vor. Darin erklärt das Gericht, weshalb die Tat nur eine Nötigung, nicht aber eine sexuelle Nötigung darstellt. Die umstrittene Frage lautet: Ist die Aufnahme von erotischen Fotos eine sexuelle Handlung? Schon ein Zungenkuss zählt dazu. Im Online-Zeitalter können Bilder zwar mehr Wirkung haben als ein flüchtiger Kuss. Entscheidend ist aber, ob das Opfer zu einer körperlichen Handlung genötigt wurde. Das Gericht verneint dies. Der Junge habe Céline nicht aufgefordert, Bilder mit konkreten Posen oder sexuellen Handlungen zu senden.

Für die Bestrafung spielt diese juristische Unterscheidung keine grosse Rolle. Entscheidend ist sie aber für eine Zivilklage, also für die Forderung einer Genugtuung.

Célines Eltern sind enttäuscht und können den Entscheid nicht verstehen. Dennoch geben sie den juristischen Kampf auf. Für eine weitere Beschwerde fehlt ihnen das Geld. Die Erfolgsaussichten sind zudem gering. So tritt das Urteil nun in Rechtskraft. Nadya Pfister sagt: «Der Fall zeigt auf, dass das Gesetz nicht ausreicht. Jetzt können wir nur noch politisch etwas erreichen.»

Die Eltern fordern einen Straftatbestand gegen Cybermobbing wie in Österreich. Damit solle die Schweiz auf beunruhigende Zahlen reagieren. Gemäss einer Zürcher Studie gibt jeder vierte Jugendliche an, schon mindestens einmal online fertiggemacht worden zu sein. Die jüngste PISA-Studie hat zudem generell eine Zunahme von Mobbingerfahrungen in der Schweiz festgestellt.

SP-Nationalrätin will zum schärfsten Mittel greifen

Staenderaetin Pascale Bruderer, Parteipraesidentin Gabriela Suter und Nationalraetin Yvonne Feri, von links, am Wahlfest der SP Aargau am Samstag, 7. September 2019, in Aarau. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

SP-Nationalrätin Gabriela Suter (m.). Bild: KEYSTONE

Über persönliche Beziehungen haben die Eltern eine Politikerin gefunden, welche die Forderung ins Bundeshaus trägt: Gabriela Suter, Aargauer SP-Nationalrätin. Sie will zum schärfsten parlamentarischen Mittel greifen: zu einer parlamentarischen Initiative. Nach Pfingsten will sie diese einreichen. Bei einer Annahme kommt das Geschäft direkt in die Rechtskommission. Suter erklärt: «Ein Strafgesetzbuch muss mit der Zeit gehen und allgemein verständliche Straftatbestände enthalten.»

Ein Cybermobbing-Straftatbestand hätte vor allem symbolische Bedeutung. Man müsste dann nicht mehr über verschiedene Formen von Nötigung diskutieren, sondern hätte einen klaren Begriff.

Härtere Strafen für Jugendliche wären aber nicht die Folge. Die Höchststrafe für unter 15-Jährige ist eine persönliche Leistung von zehn Tagen.

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Atavar 02.06.2020 16:48
    Highlight Highlight Das Rechtsverständnis in den Kommentarspalten ist für mich erschütternd. Mehr Regeln & strengere Strafen.
    Das ist also der Weg, den man gehen soll? Funktioniert ja auch so toll, weltweit.

    Die abschreckende Wirkung von Strafen ist umstritten. Wahrscheinlicher soll die Chance auf Entdeckung abschreckend sein (Dölling et al. 2011).

    Also: mehr Kontrolle - nicht Strafe. Gerne auch als Lehrer / Mitschüler / Eltern / Freunde / Nachbaren / etc. Verantwortung übernehmen und verdammt nochmal hinsehen...
  • Manulu 01.06.2020 19:33
    Highlight Highlight Nein, der Junge kann nichts dafür und soll auch keine Strafe erhalten die ihren Namen verdient. Er könnte ja sonst noch lernen, dass Empathie gut ist. Lieber zeigt man ihm dass nitwirken bei Mobbing mit Suizid folge in der Schweiz kein Problem ist. Die verpeilten Richter bügeln das hierzulande für den Täter schon wieder aus!!! #Zum Kotzen
  • _kokolorix 01.06.2020 10:41
    Highlight Highlight Es wäre zu begrüssen, wenn Mobbing, nicht nur Cyber-mobbing, als Straftatbestand Einzug in unsere Gesetze halten würde. Es wäre die persönliche Ergänzung zu den allgemeinen Rassismus-Artikeln, welche wohl besser mit Diskriminierung betitelt würden.
    Schwierig hingegen ist die Definition. Wo hört Frotzelei auf und beginnt das Mobbing?
    Aber von diesen Schwierigkeiten sollten wir uns nicht aufhalten lassen. Man sollte einfach im Hinterkopf behalten, dass der erste Entwurf wohl noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein wird, und wir das Thema in ein paar Jahren präzisieren müssen
    • Garp 01.06.2020 14:37
      Highlight Highlight Ich weiss nicht ob wir mit immer mehr Straftatbeständen weiter kommen. Es stellt sich doch die Frage, warum fehlt es an Empathie und wie kann man sie gesamtgesellschaftlich fördern. Wir haben einen Gesellschaft der Hackordnung. Mehr Chancengleichheit, Förderung von echtem Selbstbewusstsein, also aus sich selbst, nicht auf Kosten von andern, wären zielführender. Alles andere ist nur Pflästerlipolitik.
    • _kokolorix 01.06.2020 17:17
      Highlight Highlight @Garp
      Selbstverständlich, wäre ein Umbesinnen der Gesellschaft wünschenswert. Aber die Sachabstimmungen der letzten Jahre zeigen, dass das noch in weiter Ferne liegt.
      Es kann doch kaum im Sinne der Justiz sein, dass im Fall einer Mobbingsituation je, nachdem ein Fall von Ehrverletzung oder Nötigung konstruiert werden muss um einen Täter verurteilen zu können. Das ist unprofessionell und viel eher mit Pflästerlipolitik zu bezeichnen
    • Garp 01.06.2020 17:39
      Highlight Highlight Ein Mobbinggesetz greift immer erst, wenn das Mobbing bereits passiert ist. Wir sollten uns überlegen, was wir alle tun können, dass es nie soweit kommt. In der Schule, auf der Arbeit, es gibt auch Eltern die ihre Kinder mobben, nennt sich psychische und körperliche Gewalt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • MaPhiA 01.06.2020 10:34
    Highlight Highlight unsere gesetze sind in vieler hinsicht zu ''lasch'' oder zum teil, je nach delikt, unverhältnismässig gewichtet... so scheinen vergehen mit geringen folgen stärker bestraft, als wie zBsp dieser fall, in dem es eine ''lächerliche'' strafe absetzt, nur weil es sich noch um ''kinder'' handelt... aber auch bei voller strafmündigkeit, ist das strafmass oftmals zum kopfschütteln... aber auch wenn das strafmass für eine tat gegeben ist, weiss man nie wie es ausfällt, dank den zu vielen ''gummiparagraphen'' im schweizer gesetzbuch...
    • Garp 01.06.2020 15:48
      Highlight Highlight Besonders bei Steuerdelikten ist das Strafmass und die Aufklärung sehr gummig. Die versucht man nicht einmal zu resozialisieren.

      Es macht keinen Sinn 15-Jährige ein paar Jahre wegzuschliessen, es geht um Resozialisation und nicht um Rache, aber manche begreifen das nie.
    • benn 01.06.2020 18:04
      Highlight Highlight Garb, begreifen schon aber nicht einverstanden. Resozialisation ist für mich zweitrangig, erst ist eine strafe entsprechend dem verbrechen fällig, auch wenn das langfristig für die täterentwicklung negativ ist!
    • Garp 01.06.2020 21:32
      Highlight Highlight Tja Benn, wenn Resozialisation zweitrangig ist, werden wir Täter wegsperren, und danach schreiten sie weiter zur Tat. Du bist für eine Lösung die für die Gesellschaft negativ ist. Sowas versteh ich einfach nicht.
  • Beat Stocker 01.06.2020 10:09
    Highlight Highlight OK, Kinder dürfen wir nicht für ihr Handeln zur Rechenschaft ziehen, auch wenn die Folgen dramatisch sind/waren. Aber da gibt es doch noch die Verantwortung der Erziehungsberechtigten; warum haben diese ihrem Sprössling keine Empathie beigebracht?
    • Garp 01.06.2020 13:57
      Highlight Highlight Es kann nicht jedem Kind Empathie in gleicher Weise beigebracht werden. Die Eltern kann man auch nicht für alles verantwortlich machen.
    • Mira S. 01.06.2020 15:13
      Highlight Highlight Solange die Kinder minderjährig sind, sind die Eltern verantwortlich. Die Eltern (der Täter!) haben, was hier Anstand, Empathie, Sozialisierung anbelangt, versagt.

      Ich bedaure die Eltern von Celine zutiefst. Nie sollten die Eltern das eigene Kind überleben.
    • Garp 01.06.2020 15:29
      Highlight Highlight Das kann man so leider nicht verallgemeinern, Mira S. , auch wenn es in manchen oder gar vielen Fällen zutrifft.
    Weitere Antworten anzeigen

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