Entsetzen über mutmasslichen Giftgasangriff in Syrien mit 58 Toten

04.04.17, 21:00

Es könnte einer der schlimmsten Giftgasangriffe seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sein: In Chan Scheichun in der Provinz Idlib wurden am Dienstag laut Aktivisten fast 60 Zivilisten bei einem Luftangriff getötet, bei dem mutmasslich Giftgas freigesetzt wurde.

Der Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge sind unter den mindestens 58 Opfern auch elf Kinder. Zudem meldete die Beobachtungsstelle aus der von Rebellen kontrollierten Stadt im Nordwesten des Landes Dutzende Verletzte. Die Rettungshelfer der Organisation Weisshelme berichteten sogar von 240 Verletzten.

Die Menschenrechtsbeobachter erklärten, Jets hätten am Morgen mehrere Angriffe geflogen. Menschen seien in Ohnmacht gefallen, hätten sich erbrochen und Schaum vor dem Mund gehabt. Der Zustand vieler Verletzter sei ernst. Bilder im Internet zeigten zahlreiche Leichen und Opfer, die mit Sauerstoff behandelt wurden.

Ein Arzt aus der Stadt Idlib berichtete in einer Audio-Nachricht, das Spital sei überfüllt. Es gebe zu wenig Sauerstoffgeräte, um die Patienten zu behandeln. Unter den Opfern seien viele Kinder.

Später am Tag hätten Jets Chan Scheichun erneut angegriffen, meldeten die Menschenrechtler. Andere Aktivisten erklärten, bombardiert worden sei eine Klinik, in der Verletzte behandelt worden seien.

Die Angaben liessen sich nicht unabhängig überprüfen. Die Menschenrechtler sitzen in England, stützen sich aber auf ein Netzwerk von Informanten in Syrien. Ihre Angaben haben sich als zuverlässig erwiesen.

Internationale Empörung

Mehrere Stellen machten die Regierung von Baschar al-Assad für den Angriff verantwortlich. Die Vereinten Nationen kündigten eine Untersuchung an. Der UNO-Sicherheitsrat wollte am Mittwoch auf Antrag Frankreichs und Grossbritanniens zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel verurteilte «den offensichtlichen C-Waffenangriff». «Solche Kriegsverbrechen müssen bestraft werden», zitierte Regierungssprecher Steffen Seibert die Kanzlerin auf Twitter.

Die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) zeigte sich zutiefst besorgt. Die Syrien-Ermittler des UNO-Menschenrechtsrates untersuchten den Vorfall, teilten sie in Genf mit.

Die USA, Frankreich und Grossbritannien sahen die syrische Regierung hinter dem Angriff. Das Weisse Haus sprach von «abscheulichen Handlungen des Regimes». Ein hochrangiger Mitarbeiter aus dem US-Aussenministerium sagte, man trage Fakten zusammen. «Wenn es das ist, wonach es aussieht, dann ist es eindeutig ein Kriegsverbrechen.»

Die syrische Luftwaffe wies den Vorwurf zurück. Ein syrischer General, der ungenannt bleiben wollte, erklärte, die syrische Armee habe in Chan Scheichun kein Giftgas eingesetzt.

Brüchige Waffenruhe

Chan Scheichun liegt im Süden der Provinz Idlib, die von unterschiedlichen Rebellengruppen kontrolliert wird. Eigentlich gilt in dem Bürgerkriegsland seit Ende des vergangenen Jahres eine von Russland und der Türkei ausgehandelte Waffenruhe. Diese ist jedoch brüchig. Ausgenommen von der Waffenruhe sind die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und die Al-Kaida-nahe Organisation Tahrir al-Scham. Diese ist besonders in der Provinz Idlib stark.

UNO-Ermittler hatten Syriens Regierung im März vorgeworfen, in den vergangenen Monaten im Kampf um die Stadt Aleppo und andernorts Chlorgas eingesetzt zu haben. Ein Bericht der Untersuchungskommission des Menschenrechtsrates sprach von mindestens fünf Chlorgas-Angriffen regierungstreuer Kräfte seit Anfang dieses Jahres.

Bereits 2013 waren östlich der Hauptstadt Damaskus bei Angriffen mit Giftgas rund 1400 Menschen getötet worden. Die Opposition und der Westen machten dafür Syriens Regierung verantwortlich. Diese stimmte danach zu, alle Giftgasvorräte zu vernichten. Chlor fiel jedoch nicht unter das Verbot, weil es für zivile Zwecken benötigt wird. Im vergangenen Dezember starben einer Hilfsorganisation zufolge in der Provinz Hama bei einem Giftgasangriff 93 Zivilisten. (sda/afp/dpa/reu)

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