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Analyse

Trotz GameStop-Rebellion: Warum die Börsen-Geier wichtig sind

Wetten auf sinkende Aktienkurse haben einen üblen Nachgeschmack. Ein Verbot des Shortens ist jedoch viel zu kurz gesprungen.
01.02.2021, 13:3601.02.2021, 14:09
Die Short-Seller sind die Geier der Finanzwelt.
Die Short-Seller sind die Geier der Finanzwelt.
bild:vDusan Veverkolog/upsplash

Dass nach der GameStop-Rebellion der Ruf nach einem Verbot des Shortens erklingen wird, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Auf sinkende Aktienkurse zu setzen, hat einen üblen Nachgeschmack. Aus der Sicht des Laien bedeutet es, dass sich nichtsnutzige Spekulanten auf Kosten von hart arbeitender Menschen schamlos bereichern.

Zudem kann Shorten auch hoffnungsvolle Jungunternehmen zerstören, bevor sie ihr Potenzial entfalten können. Tesla beispielsweise – heute das Vorzeigeunternehmen schlechthin –, schrammte mehrmals nur knapp an einem durch Shorten verursachten frühen Tod vorbei.

Spekulanten, die shorten, werden daher gerne mit Geiern verglichen. Doch genau wie diese Vögel eine nützliche Funktion in der Natur ausüben, haben auch die Shorter eine wichtige Funktion in der Finanzwelt. Und das sind die Gründe:

Die Älteren unter euch können sich noch an Enron erinnern, ein amerikanisches Energieunternehmen. Ende der Neunzigerjahre schien dieses Unternehmen die Wirtschaft zu revolutionieren. Die Enron-Manager wurden in der Wirtschaftspresse in den höchsten Tönen als neue Wunderknaben gelobt.

Die Jüngeren unter euch kennen derweil Wirecard. Das deutsche Finanzunternehmen wurde als Fin-Tech-Wunder gefeiert. In Berlin war man mächtig stolz darauf, endlich auch einen digitalen Superstar in den eigenen Reihen zu haben.

Leider entpuppten sich sowohl Enron als auch Wirecard als Milliarden verbrennende Hochstaplerfirmen. Aufgeflogen sind beide, weil Shorter genauer hinguckten und den Betrug aufdeckten. Wie die Geier in der Natur haben die «bösen Spekulanten» so zwei gewaltig stinkende Unternehmenskadaver entsorgt.

Nur kurz sei erwähnt: Es gibt auch einen spieltheoretischen Grund für das Shorten. Könnte man nämlich an der Börse nicht auf sinkende Kurse setzen, wäre das so, wie wenn man beim Roulette nur auf Rot setzen dürfte. Das Spiel würde damit sinnlos.

Bei der GameStop-Rebellion spielte die Wut auf das Shorten eine zentrale Rolle. Das ist verständlich. Nach der Finanzkrise verloren viele Menschen ihr letztes Hemd, oder genauer, sie wurden aus ihren Häusern vertrieben. Die Banken und die Spekulanten hingegen wurden von den Notenbanken gerettet und begannen alsbald wieder, sich Boni in schwindelnder Höhe zuzuschanzen. Die Wut des sprichwörtlich kleinen Mannes auf die Finanzhaie ist mehr als verständlich.

Diese Wut hat sich in der GameStop-Rebellion entladen. Mächtige Hedge-Fund-Manager waren im Begriff, ein kleines Unternehmen auszuschlachten und sich dabei dumm und dämlich zu verdienen. Sie konnten im letzten Moment gestoppt werden und mussten mit runtergelassenen Hosen abziehen.

So sehr man dem Kleininvestor diesen Sieg gönnen mag, er lenkt vom eigentlichen Problem ab. Um das zu verstehen, müssen wir kurz in die Entwicklung der Finanzwelt der jüngeren Vergangenheit eintauchen:

In den Achtzigerjahren begann in der Finanzwelt eine Revolution. Die besten Mathematiker, Physiker und Maschineningenieure wurden nicht mehr von Universitäten oder ABB und Sulzer angeheuert, sondern für viel Geld von UBS und CS. Als sogenannte «Quants» entwickelten sie fortan in den Finanzlaboren der Banken immer komplexere Finanzinstrumente.

Der Umgang mit diesen Finanzinstrumenten ist gefährlich und erfordert grosses Wissen. Laien sollten die Finger von ihnen lassen. Nicht von ungefähr wurden sie vom legendären Investor Warren Buffet als «Massenvernichtungswaffen der Finanzwelt» bezeichnet.

Warnt vor den «Massenvernichtungswaffen der Finanzwelt»: Warren Buffett.
Warnt vor den «Massenvernichtungswaffen der Finanzwelt»: Warren Buffett.
Bild: keystone

Das technische Aufrüsten der Finanzprofis ging ungebrochen weiter. Bald begannen sie, nicht mehr an den öffentlichen Börsen zu handeln, sondern in halböffentlichen «dark pools» der Banken. Ihre Geschäfte wickelten sie nicht mehr über Telefon oder Internet ab. Vielmehr entstand das sogenannte High-Frequency-Trading mit privaten Leitungen, in dem Tausendstel einer Sekunde matchentscheidend sind.

Nicht nur die Technik wandelte sich, sondern auch das geldpolitische Umfeld. Nach der Finanzkrise – und erst recht nach der Coronakrise – begannen die Notenbanken, der schwächelnden Wirtschaft mit immer tieferen Zinsen unter die Arme zu greifen.

Das hat dazu geführt, dass das traditionelle Sparen sinnlos geworden ist. Bei Null- oder gar negativen Zinsen verliert der Zauber der Zinseszinsen seinen Sexappeal. Auch Kleinanleger wagen sich zunehmend an die Aktienbörsen. Der alte Spruch: «Wer gut essen will, kauft Aktien. Wer gut schlafen will, kauft Anleihen», hat seine Wirkung verloren.

Heute wollen alle gut essen und gut schlafen, zumal die Risikoprämie der Aktien gegen Null gesunken ist. Die Anleger haben sich daran gewöhnt, dass die Notenbanken im Notfall eingreifen und die Anleger retten. Deshalb greifen auch kleine Daytrader immer häufiger zu komplexen Finanzinstrumenten und versprechen sich davon, dass sie damit billiger und schneller zum Erfolg an der Börse kommen.

Die technische Revolution der Banken und die Geldschwemme der Notenbanken haben die traditionelle Finanzwelt in ihren Grundfesten erschüttert. Dazu kommt der Hype mit den Kryptowährungen, der das Vertrauen in diese Welt zusätzlich untergräbt. Und das alles in einer Zeit, in der die Coronakrise für eine allgemeine Verunsicherung sorgt.

Es wäre naiv, zu glauben, dieses explosive Gemisch könnte durch ein Verbot des Shortens entschärft werden. Ebenso naiv ist es, zu hoffen, dass die Armee der Amateur-Daytrader gegen die hochgerüsteten Profis der Investmentbanken und Hedge Fund langfristig eine Chance hätten. Das ist etwa so, wie wenn man sich einbilden würde, die Junioren des FC Wiedikon könnten Bayern München bezwingen.

Fordert grundsätzliche Reformen des Finanzsystems: Elizabeth Warren.
Fordert grundsätzliche Reformen des Finanzsystems: Elizabeth Warren.
Bild: keystone

Die Börse ist ihrem Wesen nach kein Kasino. Vielmehr erfüllt sie eine ökonomisch zentrale Aufgabe, indem sie dafür sorgt, dass das Kapital an die richtigen Stellen geleitet wird. Sie ist eine Art Bewässerungssystem der Wirtschaft. Wenn ein Unternehmen wie GameStop, das eigentlich ein Zombie geworden ist, an der Börse plötzlich 1700 Prozent zulegt, dann ist das ein klares Zeichen dafür, dass die Finanzwelt aus den Fugen geraten ist.

Elizabeth Warren, die progressive Senatorin aus Massachusetts, hat daher recht, wenn sie sagt: «Wir müssen GameStop nicht als ein einmaliges Problem sehen, sondern als ein systemisches Problem, das eine systemische Regulierung und Durchsetzung erfordert.»

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