Unvergessen

Das Highlight der Partie: Captain John Collins führt nach dem Anstoss durch Billy Dodds den Ball, bevor der Schiedsrichter abpfeift. Bild: Youtube/ScottishFootballTV

09.10.1996: Schottland spielt in Estland gegen sich selber und wird von der «Tartan Army» lautstark gefeiert

9. Oktober 1996: Eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein Fussballspiel ist das Vorhandensein zweier Mannschaften. Doch an diesem Tag steht in Tallinn bloss ein Team auf dem Feld, weil sich das Heimteam gegen eine Verschiebung wehrt.

09.10.15, 00:01

Das gesamte Spiel passt locker in die kürzeste Matchzusammenfassung aller Zeiten. Video: Youtube/ScottishFootballTV

Keine einzige Schweissperle tropft an diesem Nachmittag in die Trikots der schottischen Nationalmannschaft. Dabei stehen Andy Goram, Paul Lambert und Co. in einem WM-Qualifikationsspiel im Einsatz. Doch weil der Gegner nicht auftaucht, folgt unmittelbar auf den An- der Abpfiff – und die Schotten lassen sich als Sieger feiern.

Ursprünglich ist die Partie in Tallinn auf 18.45 Uhr angesetzt. Doch die Schotten bemängeln im Abschlusstraining am Abend zuvor die schlechten Sichtverhältnisse im Stadion, in dem nur temporär eine Flutlichtanlage steht. Nach einem Protest von Nationaltrainer Craig Brown stimmt die FIFA einer Vorverlegung des Spiels auf den Nachmittag zu.

Der Stein des Anstosses: die temporäre Flutlichtanlage. Bild: Youtube/sp1873

Kein Spiel? Dann kicken die Fans halt selber

Beim Kick-off um 15 Uhr sind zwar 1000 Fans im Stadion, darunter hunderte Anhänger der Gäste, die elf schottischen Spieler stehen jedoch alleine auf dem Platz. Der estnische Verband wehrt sich gegen die Neuansetzung zu einem für die Zuschauer unattraktiverem Zeitpunkt. Also lässt er seine Spieler nicht antreten.

Drei Sekunden dauert die Farce, dann pfeift der jugoslawische Schiedsrichter Miroslav Radoman die Partie ab. Wenig später werden die Fans selbst noch etwas für Fussball-Action auf dem Platz sorgen:

Kein Match? Dann kicken die schottischen Fans halt selber ein wenig (ab 1:05 Min. im Video).  Video: Youtube/sp1873

«One team in Tallinn!»

Die Schotten werden nämlich in Tallinn wie überall von einer Heerschar von Fans begleitet, von der «Tartan Army» («11 Freunde» publizierte einst diese schöne Reportage über sie). Weil für sie Fussball ohnehin in erster Linie ein Fest und ein willkommener Anlass zum Trinken ist, bejubeln die Kilt-Träger den Sieg auch so.

Schnell ist ein Song kreiert, der die Absage mit einem Augenzwinkern kommentiert: «One team in Tallinn, there's only one team in Tallinn!» Die Melodie ist übrigens die selbe wie jene, welche die Anhänger der Glasgow Rangers über Goalie Goram wiedergeben. Nach dessen Outing, schizophren zu sein, sangen diese nicht mehr, dass es nur einen Andy Goram gebe, sondern «Two Andy Gorams, there's only two Andy Gorams» ...

Ein Sieg ist ein Sieg: Die schottischen Fans feiern trotzdem. Bild: Youtube/ScottishFootballTV

Auf den Ärger folgt ein Happy End

Der Match endet mit einem 3:0-Forfaitsieg für die Schotten – das glauben diese zumindest. Doch sie haben die Rechnung ohne die FIFA gemacht, die beschliesst, die Partie auf neutralem Boden neu auszutragen. So trennen sich Estland und Schottland im Februar 1997 in Monaco 0:0. Goalie Mart Poom, eine Legende des FC Wil und später sogar bei Arsenal unter Vertrag, hält den Punkt für den Aussenseiter aus dem Baltikum fest.

Trotz dieses enttäuschenden Resultats qualifizieren sich die Schotten für die WM 1998 in Frankreich. Dort ist allerdings nach der Gruppenphase Schluss – wie bei jeder der vorangegangenen sieben Teilnahmen an einer Weltmeisterschaft. Seither muss die «Tartan Army» während Turnieren stets aus der Ferne einer anderen Mannschaft die Daumen drücken: Ihre Lieblinge haben sich nie wieder für eine WM oder eine EM qualifiziert.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Die schlimmsten Stadion-Katastrophen

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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