Türkei
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epa06825439 Supporters of Turkish President Recep Tayyip Erdogan carry a large Turkish flag during an election campaign rally of Justice and Development Party (AK Party) in Istanbul, Turkey, 20 June 2018. Turkish President Erdogan announced on 18 April 2018 that Turkey will hold snap elections on 24 June 2018. The presidential and parliamentary elections were scheduled to be held in November 2019, but government has decided to change the date following the recommendation of the Nationalist Movement Party (MHP) leader Devlet Bahceli.  EPA/SRDJAN SUKI

Anhänger von Recep Tayyip Erdogan feiern dessen Wahl zum Staatspräsidenten.  Bild: EPA/EPA

Notstand ist vorbei, aber…  6 Dinge, die du zur Situation in der Türkei wissen solltest

Der vor zwei Jahren in der Türkei verhängte Ausnahmezustand ist beendet. Er wurde nicht verlängert und lief deshalb in der Nacht zum Donnerstag um Mitternacht Schweizer Zeit aus.

19.07.18, 01:47 19.07.18, 06:32


Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Notstand nach dem Putschversuch im Juli 2016 ausgerufen und danach sieben Mal um jeweils drei Monate verlängern lassen. Unter dem international scharf kritisierten Ausnahmezustand waren Grundrechte wie die Versammlungs- oder Pressefreiheit eingeschränkt, Erdogan konnte per Dekret regieren.

Der Ausnahmezustand hat das Leben Zehntausender Türken schwer gezeichnet. Hier einige Zahlen und Fakten zu den Ereignissen seit 2016. 

Entlassungen

Mindestens 130'000 Staatsbedienstete sind nach offiziellen Angaben wegen Verbindungen zum Putschversuch gefeuert worden, unter ihnen Lehrer, Beamte, Polizisten, Soldaten oder Akademiker. Nach früheren Angaben von Justizminister Abdulhamit Gül betraf das auch 4000 Richter und Staatsanwälte.

Der türkische Präsident wollte eigentlich Fussballer werden

Video: srf

Verhaftungen

Innenminister Süleyman Soylu sagte im April, bisher seien wegen Verbindungen zum Putschversuch rund 77'000 Menschen inhaftiert worden. Nach Medienberichten und anderen Quellen waren darunter Menschenrechtler, Journalisten und Oppositionspolitiker.

Erdogan feiert mit seinen Anhängern den Wahlsieg

Aktivitäten gegen Bildungseinrichtungen

Die regierungskritische Webseite Bianet berichtet, dass 2271 private Bildungseinrichtungen geschlossen und die Arbeitserlaubnis von 21'860 Angestellten aus dem Bereich entzogen wurden. Ausserdem seien 15 Universitäten dichtgemacht worden. Laut der in Ankara ansässigen Menschenrechtsdachorganisation IHOP waren bis März 2018 rund 5700 Akademiker aus 119 öffentlichen Universitäten entlassen worden.

Erdogans wahnsinniger Präsidentschaftspalast

Verfolgung von Medien

Die regierungskritische Nichtregierungsorganisation P24 zählt seit Beginn des Ausnahmezustands 193 geschlossene Zeitungen, Fernseh- und Radiosender. Medienrechtsorganisationen sehen Dutzende Journalisten hinter Gittern. Die Organisation Reporter ohne Grenzen urteilte: «Unter dem Ausnahmezustand wurde der Medienpluralismus weitgehend zerstört und ganze Teile der Medienlandschaft mit einem Federstrich beseitigt.»

Bei Anruf Erdogan - Bizarres Vorgehen in der Türkei

Video: srf

Selbstmorde

Die grösste Oppositionspartei des Landes, CHP, meldet in einer Bilanz zu zwei Jahren Ausnahmezustand den Selbstmord von mindestens 50 Menschen, die entlassen worden waren. Darunter seien Imame, Polizisten, Ärzte und Soldaten gewesen. Zehn hätten sich im Gefängnis das Leben genommen.

Was bleibt vom Notstand?

«Kampf gegen den Terror im Normalzustand»

Noch vor knapp zwei Wochen hatten mit einem neuen Erlass rund 18'000 Lehrer, Polizisten, Soldaten und andere ihre Arbeit verloren. Die namentliche Erwähnung in einem solchen Dekret bedeutet auch, dass der Reisepass eingezogen wird. Dass mit dem Ende des Ausnahmezustands auch die Verhaftungen und Entlassungen aufhören, zeichnet sich nicht ab. Die Regierung hat für die Zeit danach bereits neue Anti-Terror-Regularien vorbereitet.

Ein Gesetzesentwurf für den «Kampf gegen den Terror im Normalzustand», der der Nachrichtenagentur DPA vorliegt, regelt zum Beispiel, wie Richter, Mitglieder der Streitkräfte oder Ministeriumsmitarbeiter entlassen werden können. Wie im Ausnahmezustand will der Staat all jenen, die wegen Terrorverdachts aus dem Staatsdienst entlassen werden, den Pass entziehen.

Machtfülle bleibt

Die Gouverneure der Provinzen sollen zumindest Teile ihrer Machtfülle aus dem Notstand behalten. Sie sind dem Gesetzentwurf zufolge befugt, Menschen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie «die öffentliche Ordnung oder Sicherheit stören», den Zugang zu bestimmten Orten zu verwehren. Ausserdem sollen sie die Versammlungsfreiheit weiterhin einschränken dürfen. Verdächtige können zwischen 48 Stunden und 12 Tagen in Polizeigewahrsam gehalten werden – länger als vor Beginn des Ausnahmezustands.

Einige regierungskritische Medien hatten schon im Vorfeld gewarnt, dass die Regierung mit neuen Regelungen den Ausnahmezustand unter einem anderen Namen permanent machen wolle. Der Sprecher von Erdogans Regierungspartei AKP, Mahir Üncal, sagte am Mittwoch, man werde auf eine «Balance zwischen Freiheit und Sicherheit» achten. Laut Entwurf soll das Gesetz nach dem Inkrafttreten zunächst drei Jahre gültig sein.

Präsidialsystem eingeführt

Durch ein Verfassungsreferendum wurde das parlamentarische System auf das neue Präsidialsystem umgestellt. Recep Tayyip Erdogan wurde am 24. Juni 2018 zum Staatspräsidenten der Türkei gewählt. (sda/dpa/vom)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Oberon 19.07.2018 22:02
    Highlight Immer noch weit und breit keine Sanktionen gegen die Türkei zu sehen. Das Vertrauen in die internationalen Institutionen wird so bestimmt wachsen.
    0 0 Melden
  • Henri Lapin 19.07.2018 11:29
    Highlight Mit der jetzigen Allmacht Erdogans erübrigt sich der Ausnahmezustand
    8 0 Melden
  • Bauernbrot (mit ganzen Bauern) 19.07.2018 11:05
    Highlight So stelle ich mir die Sintflut-Geschichte in der Erdogan-Bibel vor. Grosszügig alles weg kerchern was einem nicht passt und danach als Held gefeiert werden.


    Und alle schauen zu, weil die Flüchtlingsboote längst bereit stehen. Doppelmoral vom aller Feinsten.
    11 0 Melden
  • CasRas 19.07.2018 10:15
    Highlight Frankreich hat übrigens seit Jahren "Notstandsgesetze" in Kraft.
    8 13 Melden
    • DieFeuerlilie 19.07.2018 11:00
      Highlight Ja, genau.
      Ich nicht, die Anderen aber auch..
      7 2 Melden
  • Focke 19.07.2018 08:36
    Highlight Ein Palast wie es einen in Versailles gibt. Ein Präsident, der sich über Gesetze hinwegsetzt, seine Macht auf Kosten aller ausbaut. Lehrer, Richter und demokratisch denkende einsperrt. Alles auf Kosten der Bevölkerung! Geschichte wiedrholt sich immer wiedr🙈
    34 3 Melden
    • Waedliman 19.07.2018 10:54
      Highlight Auf Kosten der Bevölkerung? Aber halt - die will das doch so!
      11 0 Melden
    • Firefly 19.07.2018 12:35
      Highlight Ja und immer wieder zieht offenbar eine Mehrheit mit. Ich frage mich immer, woher diese bewunderung für den starken Mann herkommt. Wieso will das Volk meist geführt werden und nicht selber die Verantwortung übernehmen?
      5 0 Melden
    • Focke 20.07.2018 14:32
      Highlight das mit dem geführt werden hat steht mit dem kulturellem zusammenhang. in der schule gibt einen chef, im glauben ebenfalls, zuhause der vater usw. ähnlich wie in deutschland vor 80 jahren.
      0 0 Melden
  • Doni Pony 19.07.2018 07:39
    Highlight Er ist wieder da.
    23 3 Melden
  • Jein 19.07.2018 07:29
    Highlight Der Präsident ist tot, lang lebe der Sultan!
    21 4 Melden
    • acoves 19.07.2018 09:58
      Highlight ....oder aber es lebe der Diktator
      11 3 Melden
  • rodolofo 19.07.2018 07:13
    Highlight Der Ausnahme-Zustand wurde aufgehoben, weil die Ausnahme zur neuen Regel wurde!
    Was wäre denn Ausnahme von dieser neuen Art von Normalität?
    Der Normal-Zustand?
    Wir haben uns bereits so sehr an perverse Arten von Normalität gewöhnt, dass uns absichtlich auf Spitäler und auf Nothelfer abgeworfene Bomben normal erscheinen.
    Sogar die Spekulanten an der Börse wissen nicht mehr, worüber sie noch mehr in Panik geraten sollen.
    Die machen einfach weiter: Einkaufen, verkaufen, handeln, abwägen, investieren, usw.
    Anstatt Bonbons werden einfach Bomben produziert, so wie es "der Markt" verlangt...
    20 4 Melden
    • rodolofo 19.07.2018 20:41
      Highlight @ Luigi - Mario
      Anscheinend ist es mir gelungen, Dich zum Nachdenken anzuregen.
      Weiter so!
      1 0 Melden
  • ohjaja! 19.07.2018 04:25
    Highlight Zurück in die Stein(igungs)zeit... Opposition ist ja auch was Unangenehmes. Krass wie das Bildungssystem auf Dauer gleichgeschaltet wurde. Gabs das nicht schon oft in der Geschichte? War da nicht was in den 1930er Jahren?
    88 9 Melden

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