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Mit Wasserstoff betankte Autos: Der Durchbruch lässt noch lange auf sich warten.
Mit Wasserstoff betankte Autos: Der Durchbruch lässt noch lange auf sich warten.
Bild: AP/AP

VW-Chef erklärt in 2 Minuten, warum Wasserstoff-Autos keine Chance gegen E-Autos haben

29.07.2021, 20:2431.07.2021, 06:17

Wer tritt das Erbe der klimaschädlichen Benzin- und Dieselautos an? Elektroautos mit Akkus oder Autos mit Brennstoffzellen, die mit Wasserstoff betrieben werden? Diese Frage bewegte gestern auch die Studiogäste der deutschen Talkshow «Markus Lanz». Und wie so oft wurde der an sich saubere, aber mit anderen Nachteilen behaftete Wasserstoff-Antrieb als Wundermittel angepriesen.

Dann bekam VW-Chef Herbert Diess, selbst als Elektroturbo bekannt, das Wort und erklärte in 120 Sekunden, warum Wasserstoff für Personenwagen auf absehbare Zeit die falsche Wahl ist.

Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe machen für Diess im Schiff- und Flugverkehr Sinn, nicht aber in Personenwagen.

Seine Begründung:

«Weil es einfach zu teuer ist. Und es bleibt zu teuer. Es funktioniert nur, wenn wir die Energie CO2-frei herstellen, also keine fossilen Kraftstoffe verwenden. Das heisst, wir brauchen Sonne oder Wind. Das Problem bei Brennstoffzellen ist, dass man den grünen Strom in Wasserstoff umwandeln muss, ins Auto transportiert und dann dort verbrennt. Dabei gehen 70 Prozent verloren. Das heisst, sie brauchen gegenüber dem Elektroauto drei Mal so viel Kapazität für grüne Energie, also drei Mal so viele Windräder oder Sonnenkollektoren. Das heisst, das Brennstoffzellen-Fahrzeug fährt drei Mal so teuer, nicht 30 Prozent teurer, sondern drei Mal so teuer. Das kann man nicht subventionieren, das wird auch kein Kunde bezahlen, weil der Vorteil dann auch sehr gering ist. Man braucht ja zusätzlich auch ein Tankstellennetz und das Wasserstofffahrzeug bietet auch nicht mehr Platz als ein E-Auto.»
VW-Chef Herbert Diess

Was Diess sagt, in zwei Grafiken zusammengefasst

Mit der gleichen Menge Energie fährt ein E-Auto viel weiter als ein Brennstoffzellen- (Wasserstoff) oder Verbrenner-Auto mit synthetischem Kraftstoff.
Mit der gleichen Menge Energie fährt ein E-Auto viel weiter als ein Brennstoffzellen- (Wasserstoff) oder Verbrenner-Auto mit synthetischem Kraftstoff.

Das Problem: Sauber wäre der Wasserstoff-Antrieb gewiss (sofern seine Energie auch sauber gewonnen würde). Aber effizient ist er nicht. Zunächst wird mit viel Energie der Wasserstoff erzeugt, aus dem im Auto wieder Strom entsteht. Bei jedem dieser Schritte gibt es hohe Effizienzverluste. Wasserstoff in Personenwagen scheitert laut Diess daher an der Effizienz, den Kosten und der Infrastruktur (fehlende Wasserstoff-Tankstellen).

Kommt hinzu: Akkus in E-Autos werden laufend günstiger, leistungsfähiger und vor allem ökologischer, da für die Herstellung weniger Rohstoffe gebraucht werden, der Akku nach der Zeit im Auto noch viele Jahre als stationärer Stromspeicher in Gebäuden für zum Beispiel Photovoltaikanlagen genutzt werden kann und die Recyclingquote laufend steigt. «Wir wissen schon heute, dass wir 99 Prozent der Lithium-Batterien recyceln können», sagte Diess. Anfangs brauche es grosse Investitionen und viele Rohstoffe, um die Akkukapazitäten aufzubauen, danach blieben die Rohstoffe aber in einem nachhaltigen Kreislauf, so Diess.

Die Wissenschaft gibt Diess Recht

Gleich mehrere wissenschaftliche Studien kamen zuletzt zum Schluss, dass Brennstoffzellen oder synthetische Kraftstoffe in nächster Zeit aus Kosten- und Effizienzgründen keine Alternative sind, um den Klimawandel einzudämmen. Ein Team aus Forschern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) kam im Mai 2021 zum Schluss, dass Kraftstoffe aus Wasserstoff auf diejenigen Anwendungen beschränkt werden sollten, die kaum elektrifizierbar sind. «Das grösste Potential bergen in der Schweiz sicherlich Langstreckenflüge», sagte Mitautor Christian Bauer vom Paul Scherrer Institut (PSI) damals im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Denn dort gebe es fast keine Alternative für CO2-freie Treibstoffe.

Für Autos oder Gebäudeheizungen seien Wasserstoff und darauf basierende Brennstoffe hingegen zu ineffizient, zu teuer und die Verfügbarkeit zu unsicher. Hier sei es vielversprechender, auf Wärmepumpen und Elektroautos zu setzen, die mit erneuerbarem Strom angetrieben würden, so der Umweltwissenschaftler und auf Ökobilanzen spezialisierte Forscher.

Bei einer ausschliesslich sauberen Herstellung von Wasserstoff sind die Kosten aktuell und auch in nächster Zeit zu hoch. Technologischer Fortschritt könnte Wasserstoff dereinst auch für Personenwagen zur Option werden lassen, davon sind wir aber weit entfernt. Anders gesagt: Eine effiziente Wasserstoff-Lösung kommt für den Klimaschutz viel zu spät.

Das E-Auto hat sich durchgesetzt

Abgesehen von Toyota haben sich alle grossen Autobauer auf das E-Auto festgelegt. VW gehört unter den klassischen Autobauern zu den E-Auto-Vorreitern und dominiert zusammen mit Tesla und GM den weltweiten E-Auto-Markt. In Europa ist VW im E-Auto-Segment Marktführer.

In den letzten Wochen und Monaten haben Daimler, Renault, Ford, Volvo, Opel und viele andere verkündet, dass sie voll auf das E-Auto setzen werden. Einige Hersteller wie BMW und Hyundai halten sich die Türe für alternative Antriebe noch offen, setzen aber ebenfalls verstärkt auf Elektroautos.

(oli)

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