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Interview

Immunologe gibt Entwarnung: «Es wird keine jährliche Corona-Impfung brauchen»

Andreas Radbruch, Immunologe an der Charité in Berlin, erklärt, warum Senioren die dritte Impfung brauchen. Und warum das dann für eine lange Zeit genügt.
22.09.2021, 10:55
Sabine Kuster / ch media
Andreas Radbruch, Immunologe und Rheumatologe an der Charité in Berlin.
Andreas Radbruch, Immunologe und Rheumatologe an der Charité in Berlin.
Bild: Imago

Die Immunität nach Corona soll über Jahre anhalten. Andererseits sollen Boosterimpfungen jetzt nötig sein. Wie geht das zusammen?
Andreas Radbruch: Die meisten Genesenen sind höchstwahrscheinlich für viele Jahre geschützt. Man weiss von Leuten, die 2003 eine Infektion mit dem ersten Virus Sars-CoV durchgemacht haben, dass sie 2020 noch gleich viele schützende Antikörper hatten, wie ein Jahr nach der Infektion. Die Immunität ist 17 Jahre lang stabil geblieben! So anders ist Sars-Cov-2 nicht, da erwarte ich dasselbe. Dazu haben wir eine Studie veröffentlicht.

Die grosse Frage ist: Was ist nach einem Jahr noch da?

Wie läuft das im Körper genau ab?
Die Plasmazellen, die Antikörper gegen Infektionen über viele Jahre machen, befinden sich im Knochenmark. Eine Gruppe amerikanischer Forscher wies nach, dass auch bei Covid-19-Genesenen Plasmazellen zu finden sind, die Antikörper gegen Sars-CoV-2 machen – und zwar in etwa so viele, wie man auch nach einer Impfung gegen Tetanus oder Diphtherie findet. Nach der Infektion sinkt das Antikörperniveau und nach einem halben Jahr, wenn sich das System eingependelt hat, bleibt es dann bei einer bestimmten Menge stabil.

Das immunologische Gedächtnis: Plasmazellen (grün) umgeben von Bindegewebszellen in ihren Überlebensnischen im Knochenmark.
Das immunologische Gedächtnis: Plasmazellen (grün) umgeben von Bindegewebszellen in ihren Überlebensnischen im Knochenmark.
Bild: C. Ulbricht / A. Hauser, DRFZ Berlin

Ist das auch bei Geimpften so?
Da wissen wir es nicht, weil man noch nicht so lange impft. Wir kennen das Level sechs Monate nach der Impfung und die grosse Frage ist: Was ist nach einem Jahr noch da?

Was vermuten Sie?
Ich denke, es wird ähnlich viel da sein wie bei Genesenen. Es könnte aber auch je nach Impfstoff mehr oder weniger sein.

Könnte das langfristige Level bei den mRNA-Impfungen tiefer sein, weil da die menschlichen Zellen die mRNA nicht selber produzieren müssen?
Es hängt wohl eher von der Menge der injizierten mRNA ab. Bei der gescheiterten Impfung Curevax, wo viel weniger mRNA verwendet wurde, gab es nicht so gute Ergebnisse. Moderna mit der dreifachen Menge mRNA löst wiederum eine etwas höhere Immunantwort als Biontech aus. Beide mRNA-Impfungen haben aber vor allem das Problem, dass sie in kurzen Abständen von drei oder vier Wochen verabreicht wurden, um in der Pandemie schneller einen guten Schutz zu haben. Das ist immunologisch gesehen aber nicht ideal.

Die über 60-Jährigen sollten sich ein drittes Mal impfen lassen.

Bei den Vektorimpfstoffen wie Astrazeneca war das Intervall grösser.
Ja, drei Monate ist besser. Ideal wäre die zweite Impfung nach einem halben Jahr, weil dann das Immunsystem wieder seine Ruhe gefunden hat und in die Gedächtnisphase zurückgekehrt ist. Wenn man früher impft, impft man in die Immunreaktion rein und verstärkt sie nur.

Aber für die 80-Jährigen kann dieses Level dann zu tief sein, oder wie kommt es, dass diese Altersgruppe nun wieder gefährdet ist?
Der Schutz sinkt eben auch, wenn plötzlich eine Virusvariante kommt, die viel ansteckender ist, das heisst, wenn die Leute mit höheren Virusbelastungen konfrontiert sind. Wie nun bei der Delta-Mutante. Dafür ist das Immunsystem bei manchen nicht genug gerüstet. Bei alten Leuten reagiert es träger. Man sieht, dass es nach der zweiten Impfung noch nicht so richtig in Schwung gekommen ist. Doch nach der dritten Impfung produzieren sie so viele Antikörper wie jüngere Leute. Die über 60-Jährigen sollten sich ein drittes Mal impfen lassen. Aber auch dann wird man Spitaleinweisungen und Todesfälle nicht ganz ausschliessen können. Es wird immer einige wenige geben, die zumindest «mit dem Virus» sterben.

Später braucht es dann nicht noch eine vierte Impfung?
Nein! Es geht nur darum, das Immunsystem so auf Touren zu bringen, dass das immunologische Gedächtnis gut genug ist. Das ist anders als bei der Grippe – da sollte man sich jährlich impfen lassen, weil verschiedene Stämme kursieren und die Impfstoffe nicht zu allen passen. Bis jetzt decken die Impfungen für Sars-Cov-2 alle Mutanten ab und man wird keine jährlichen Boosterimpfungen brauchen.

Und es ist gar nicht wünschenswert, dass das Antikörperlevel so hoch bleibt, wie nach der Impfung?
Nein. Es wäre unsinnig fürs Immunsystem ständig mit Volldampf zu fahren. Man könnte das Level nur mit einer chronischen Immunreaktion aufrechterhalten und das wäre riskant: Jede Immunreaktion könnte irgendwann aus dem Ruder laufen und plötzlich die falschen Zellen angreifen.

Wie hoch ist das Risiko, dass eine Infektion eine Autoimmunkrankheit auslöst?
Bei natürlichen Infektionen ist dieses Risiko relativ gross. Viele Autoimmunkrankheiten wie Rheuma-, Diabetes- oder Multiple Sklerose entstehen so. Das Virus hat verschiedene Mechanismen, um die Immunreaktion zu bremsen. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass das Coronavirus einen Botenstoff namens TGF-Beta induziert. Normalerweise ist dieser im Körper nötig, um jene Antikörper zu machen, die unsere Schleimhäute schützen. Das Virus sorgt aber dafür, dass der Botenstoff zu Beginn der Infektion in grosser Menge produziert wird. Dann lähmt er die Immunabwehr und kann Thrombosen und Fibrosen auslösen.

Das sind dann die schweren Fälle?
Ja. Die Patienten auf der Intensivstation haben über Wochen damit zu kämpfen. Das macht nicht mehr das Virus. Man könnte es schon fast als Autoimmunerkrankung bezeichnen, wenn wir denn wüssten, wogegen die Antikörper gerichtet sind. Jedenfalls ist es eine chronische Immunreaktion, die sich nicht mehr gegen das Virus richtet.

Es gibt auch vorübergehende Autoimmunreaktionen. Es wäre durchaus möglich, dass es sich bei Long-Covid um eine solche handelt

Kann auch eine Impfung eine Autoimmunreaktion auslösen?
Das Risiko ist viel, viel geringer. Ob es null ist, wird die Zeit zeigen. Die Impfstoffe besitzen nur den Teil des Virus, gegen den sich die Immunabwehr richten soll, und nicht die gefährlichen Teile, welche die Immunantwort beeinflussen. Impfreaktionen sind im Normalfall auch nur kurz – nicht über Wochen. Viele Viren manipulieren das Immunsystem ihrer Wirte, um nicht so heftig angegriffen zu werden. Bei Impfstoffen ist dieses Risiko eigentlich ausgeschaltet.

Denken Sie, dass auch Long-Covid eine Autoimmunreaktion ist, obwohl die Leute nicht lange krank waren?
Es gibt auch vorübergehende Autoimmunreaktionen. Es wäre durchaus möglich, dass es sich bei Long-Covid um eine solche handelt. Wenn sich nun aber in manchen Fällen Zellen, die unerwünschte Antikörper machen, im Knochenmark eingenistet hätten, hätten wir ein Problem. Diese Zellen sind resistent gegen viele Therapien. Das ist ein Grund, warum viele Autoimmunerkrankungen noch nicht heilbar sind. Ich hoffe, wir lernen schnell mehr über Long-Covid. (bzbasel.ch)

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