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Ärztinnen und Ärzte bereiten einen Patienten auf die Anästhesie vor.
Ärztinnen und Ärzte bereiten einen Patienten auf die Anästhesie vor. Bild: KEYSTONE

Wie viele Operationen wegen Corona tatsächlich verschoben werden, ist unklar

30'000 Operationen seien bisher während der Pandemie verschoben worden, teilt das BAG mit. Doch dies ist eine Schätzung. Wie viele es tatsächlich sind, weiss niemand.
30.09.2021, 09:3530.09.2021, 10:08

189 Personen liegen derzeit mit Covid-19 infiziert auf den Intensivstationen (IPS). Zusammen mit den Nicht-Covid-Patienten sind die Stationen derzeit zu 77,2 Prozent ausgelastet. Ist die Auslastung auf den IPS hoch, müssen Spitäler planbare Operationen verschieben. Gemäss Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, ist dies der Fall, wenn die Intensivstationen zu mehr als 30 Prozent von Corona-Patienten belegt sind.

Wie viele Operationen aktuell verschoben werden, darüber gibt das BAG keine Auskunft und verweist an die einzelnen Spitäler. Die einzige Zahl, die vom BAG genannt wurde, ist 30’000. So viele Operationen hätten gemäss Mathys im letzten Jahr verschoben werden müssen.

Fragt man beim BAG nach, wie diese Zahl zustande kam, heisst es kryptisch: «Es handelt sich um eine Schätzung der Spitaltage, nicht Spitalfälle, die auf der Grundlage von Daten aus den Vorjahren global berechnet wurde.»

Für genauere Informationen zu den verschobenen Operationen solle man sich an H+, den Dachverband der öffentlichen und privaten Schweizer Spitäler, oder die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin wenden. Doch auch dort fällt die Antwort unbefriedigend aus: Man wisse nicht, wie die Schätzung der 30’000 zustande kam und verweist für konkrete Zahlen an die einzelnen Spitäler.

Unklar, wie viele OPs verschoben werden

Fakt ist: Es werden derzeit Operationen verschoben, auch wenn der Anteil Covid-Patienten auf den IPS aktuell bei 22,1 Prozent liegt. Wie viele Verschiebungen es effektiv sind, lässt sich aber schwer beziffern. «Wir wissen, dass viele Universitätsspitäler wegen der angespannten Situation auf den Intensivstationen erneut begonnen haben, planbare Operationen zu verschieben», so Agnes Nienhaus, Geschäftsführerin von unimedsuisse, dem Verband der Universitätsspitäler. So prekär wie noch vor einem Jahr während der zweiten Welle sei die Situation aber nicht.

Am Unispital Zürich bestätigt man: «Wir mussten in den letzten Wochen beispielsweise Tumor-, Herz- oder Hirnoperationen aufgrund der hohen Auslastung auf den Intensivstationen verschieben.» Genaue Zahlen könne man nicht liefern.

«Wir sind praktisch ununterbrochen voll ausgelastet», heisst es aus der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern, wie die «Luzerner Zeitung» schreibt. Das habe dazu geführt, dass das St. Anna seit Anfang September mehrmals wöchentlich geplante Eingriffe verschieben musste. Dabei handle es sich bislang nur um kürzere temporäre Verzögerungen, nicht um vollständige Absagen, wie es teilweise während des letzten Winters der Fall gewesen sei.

Am Inselspital in Bern werden nicht dringliche Eingriffe wie Leistenbrüche, Krampfadern oder Hüft- und Knie-Prothesen derzeit verschoben.
Am Inselspital in Bern werden nicht dringliche Eingriffe wie Leistenbrüche, Krampfadern oder Hüft- und Knie-Prothesen derzeit verschoben. Bild: KEYSTONE

Anders sieht es am Kantonsspital Zug aus. Dort habe man bislang noch keine Operationen verschieben müssen, heisst es auf Anfrage von watson.

Mehr Personal, das ausfällt

Auch wenn die Anzahl der verschobenen Operationen noch nicht so hoch wie Anfang Jahr sei, beobachte man die momentane Lage mit Sorge, so Nienhaus von unimedsuisse. «Das Personal ist sehr erschöpft und es gibt viele Absenzen. Die personellen Kapazitäten liegen deshalb tiefer als letztes Jahr.»

So klingt es auch aus dem Inselspital in Bern. Auch dort werden aktuell nicht dringliche Operationen verschoben. «Es geht aber nicht in erster Linie darum, Intensivstationen auszubauen, sondern das Personal aus Anästhesie und Operation zu unterstützen und die vermehrten Krankheitsausfälle zu kompensieren», so der Mediensprecher.

Belastend sei für das medizinische Personal auch, wenn es entscheiden muss, wer operiert wird und wer sich noch gedulden muss. Auch planbare Operationen könne man nicht beliebig hinausschieben. «Je weiter man einen Eingriff rauszögert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient als Notfall operiert werden muss, was zusätzliche Risiken für die Betroffenen bedeutet», erklärt Nienhaus.

Neue ethische Richtlinien bei Triage

Einige der Operationen, die verschoben werden, sind standardmässig mit Aufenthalten auf den Intensivstationen verbunden. «Bei manchen Krebs-, oder Herzoperationen müssen die Spitäler etwa die Patientinnen und Patienten einige Tage überwachen, bis sie stabil sind», so Nienhaus. Aktuell sind immer mehr jüngere Patientinnen und Patienten mit Corona auf den Intensivstationen, welche oft mehrere Wochen intensiv betreut werden müssen. Es sei ethisch anspruchsvoll, bei knappen Plätzen auf den Intensivstationen zu entscheiden, ob nun Covid-Betroffene oder andere schwer erkrankte Patientinnen und Patienten Vorrang hätten, führt die Geschäftsführerin von unimedsuisse .

Vergangene Woche hat deshalb auch die Schweizerische Akademie für Wissenschaft (SAMW) ihre Richtlinien zur Triage in der Intensivmedizin aktualisiert. Neu wird explizit erwähnt, dass der Aufwand, der eine intensivmedizinische Behandlung nach sich zieht, in die Entscheidungen mit einfliessen soll. Heisst konkret: Eine Patientin, die dringend am Herzen operiert werden sollte und danach nur drei Tage bis zur Genesung auf der Intensivstation verbringen muss, hat Vorrang vor einem Corona-Patienten, bei dem erst nach langer und intensiver Therapie klar wird, ob er wieder gesund wird.

Verschobene Operationen belasten auch Patientinnen

Doch es ist nicht nur das medizinische Personal, das durch verzögerte Operationen in die Bredouille kommt. Belastend ist es auch für die Patientinnen und Patienten. «Wird eine Operation verschoben, belastet dies die Patientinnen auch psychisch. Beispielsweise dann, wenn auf eine Krebsoperation gewartet werden muss. Diesen Faktor darf man nicht unterschätzen», so Daniel Tapernoux, Leiter Beratung der SPO.

Auf die psychische Verfassung der Patientinnen könne aufgrund der angespannten Situation in den Spitälern verständlicherweise nicht immer Rücksicht genommen werden. «Es zählt dann primär die medizinische Dringlichkeit.» Dieses Dilemma sei nur aufzulösen, «wenn wir als Gesellschaft zusammenarbeiten und der Pandemie Herr werden», schliesst Tapernoux.

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