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«It's a man's world»: Katharina Serafimova an einer Veranstaltung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.
«It's a man's world»: Katharina Serafimova an einer Veranstaltung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.bild: zvg

Ist Vollgeld gut für die Natur? Diese Frau ist davon überzeugt

Als Naturwissenschaftlerin hat Katharina Serafimova erkannt, wie wenig nachhaltig das heutige Geldsystem ist. Sie setzt sich für die Vollgeld-Initiative ein, denn sie stelle die entscheidende Frage: Wer trägt die Verantwortung?
14.05.2018, 10:5028.05.2020, 13:20

Die Welt des Geldes ist männlich dominiert. Das betrifft nicht nur das Bankenwesen, sondern auch seine Kritiker. Als die Vollgeld-Initianten im März vor die Medien traten, sass nur eine Frau auf dem Podium: Katharina Serafimova, Sozialunternehmerin aus Zürich. Sie war nicht nur wegen ihres Geschlechts eine auffällige Erscheinung, sondern auch durch ihren Zugang.

Als Umweltwissenschaftlerin beschränkt sie sich nicht auf die Geldherstellung und Kreditvergabe. Ihr «Kerngeschäft» ist das weite Feld, das man pauschal als Nachhaltigkeit bezeichnen kann. «Ich habe mich mein ganzes Leben mit unserem Verständnis von und unserer Beziehung zur Natur beschäftigt», erklärt Serafimova beim Treffen in einem Café im Zürcher Seefeld-Quartier.

Es war folgerichtig, dass die in Portugal aufgewachsene Katharina Serafimova («ich hatte eine schöne Kindheit») 1997 in die Schweiz kam, um an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften zu studieren. Nach einer «tollen Studienzeit» startete sie frohen Mutes in die Arbeitswelt. In einer Unternehmensberatung entwickelte sie Projekte im Bereich der Ressourcennutzung.

«Im heutigen System gibt es zu viele Anreize für Aktivitäten, die sehr stark umweltzerstörend sind.»
Katharina Serafimova

Diese wurden immer grösser und erfolgreicher. «Mit der Zeit aber bemerkte ich, dass etwas nicht stimmt. Man produziert für den Markt und gerät in Nutzungskonflikte.» Mit anderen Worten: Die Nachhaltigkeit kam gegenüber der Rendite zu kurz. Katharina Serafimova musste erkennen, dass es einen Aspekt gab, über den sie an der ETH nichts gelernt hatte: das Geld.

Sie ging zu einer Bank und beschäftigte sich mit nachhaltigen Anlagen. Diese machten aber nur einen Bruchteil der Geldströme aus. Serafimova zog weiter und baute beim WWF Schweiz den Bereich Natur und Finanzwirtschaft auf. Das Grundproblem aber blieb ungelöst: Wie kann man die geldgetriebene Welt mit Langfristigkeit und Ressourcenschonung in Einklang bringen?

Nun ist es nicht so, dass niemand sich mit dieser Frage beschäftigen würde. «Beim Bau einer Brücke zwischen diesen Welten hat sich etwas getan», anerkennt die Mutter von zwei Kindern. Heute sprechen sogar die Finanzminister im Rahmen der G20 über Umweltfragen. Auch in der Bankenwelt sei die Erkenntnis angekommen, dass das System nachhaltiger werden müsse.

Katharina Serafimova an der Medienkonferenz des Vollgeld-Komitees.
Katharina Serafimova an der Medienkonferenz des Vollgeld-Komitees.Bild: KEYSTONE

Mit dem Bau einer solchen Brücke sei es aber nicht getan, betont Serafimova: «Wir können uns noch so anstrengen, wenn das Fundament nicht vorhanden oder wackelig ist, wird es nicht funktionieren.» Gemeint ist das Geld: «Im heutigen System gibt es zu viele Anreize für Aktivitäten, die sehr stark umweltzerstörend sind.» Ein Beispiel sei die exzessive Bautätigkeit.

«Wollen wir, dass diese Verantwortung bei den privaten Banken bleibt? Oder wollen wir, dass sie bei einer Institution wie der Nationalbank liegt, die gemäss der Verfassung dem Gemeinwohl verpflichtet ist?»
Katharina Serafimova

«Renommierte Experten sind sich einig, dass das heutige Geldsystem nicht mehr lange funktioniert», sagt Serafimova. Die Vollgeld-Initiative ermögliche es, diese Exzesse abzumildern. «Sie stellt die entscheidende Frage: Wer trägt die Verantwortung für die Spielregeln? Wenn wir das klären, können wir uns überlegen, wie das Geldsystem künftig funktionieren soll.»

Ein Allheilmittel ist die Initiative nicht, das anerkennt auch Serafimova. Sie sei ein erster Schritt zu einem stabileren und nachhaltigeren System. «Es ist sehr schön, dass allen Schweizerinnen und Schweizern eine machbare Frage gestellt wird: Wollen wir, dass diese Verantwortung bei den privaten Banken bleibt? Oder wollen wir, dass sie bei einer Institution wie der Nationalbank liegt, die gemäss der Verfassung dem Gemeinwohl verpflichtet ist?»

Die weiteren Fragen würden sich daraus ergeben, sagt die Naturwissenschaftlerin und kontert damit die Kritik, dass sich die Initiative auf die «Geldherstellung» fokussiere und nicht an den Strukturen des Bankensystems rüttle. Oder auf den Einwand von Bankenkritiker «Jason McMillan» im watson-Interview, dass die Vollgeld-Initiative nicht mehr ins digitale Zeitalter passe.

«Ich teile die Analyse weitgehend, ziehe aber andere Schlüsse daraus», erwidert Serafimova. Die Exzesse im Geldsystem seien gerade durch den technologischen Fortschritt entstanden. Deshalb sei es wichtig, diese Frage jetzt auf Verfassungsebene zu stellen. «Wenn wir diese Diskussion nicht führen und nicht darüber abstimmen, geht es einfach so weiter.» Bei einer Annahme der Initiative könne man weitere Themen angehen, etwa den Umgang mit Kryptowährungen.

Geld und Weiblichkeit

Bei ihrer Arbeit und durch unzählige Gespräche hat die Sozialunternehmerin festgestellt, dass in der Bevölkerung ein grosses Unbehagen über das heutige Geldwesen vorhanden ist, bis hin zu Topmanagern. Gleichzeitig schreckt die Komplexität des Themas viele ab, vor allem Frauen: «Ich kann mich darüber aufregen, oder ich engagiere mich, als Bürgerin und ohne Mandat.»

Vor wenigen Tagen hat Katharina Serafimova das Dokumentarfilmprojekt «Die weibliche Seite des Geldes» online geschaltet, in dem Frauen ihre Befindlichkeit zum Thema ausdrücken. Zu ihrem Engagement gehört auch eine Veranstaltungsreihe mit dem durchaus provozierend gemeinten Titel «Geld und Weiblichkeit».

Projekte in der Landwirtschaft

Ausserdem hat Katharina Serafimova einen Lehrauftrag am Institute für Banking und Finance an der Universität Zürich. Zur Hauptsache aber beschäftigt sie sich heute mit Projekten im Bereich der aufbauenden Landwirtschaft jenseits der Monokultur. In ihrer früheren Heimat Portugal läuft ein Projekt, um die weitere Ausbreitung der Wüste zu verhindern und die Landflucht zu bremsen.

Ausschnitt aus dem Dokfilm «Die weibliche Seite des Geldes».Video: YouTube/Geldwandel 2018

Die ETH-Absolventin ist damit im wahrsten Sinn an der Wurzel des Wirtschaftssystems angelangt. Serafimova aber ist überzeugt, dass es damit nicht getan und ein Diskurs über die Frage notwendig ist, wie wir das Geld organisieren. «Es ist das Verdienst der Vollgeld-Initiative, dass sie diese Diskussion ausgelöst hat. Sie wird weitergehen, unabhängig vom Abstimmungsergebnis.»

Katharina Serafimova, die dem Initiativkomitee nicht angehört, wird sich bis zur Abstimmung am 10. Juni weiter daran beteiligen, zum Beispiel diese Woche an einem Podium im Theater Basel.

Die Schweiz hat den dritthöchsten Anteil an Millionären

Video: srf
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38 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ohniznachtisbett
14.05.2018 11:15registriert August 2016
Dieses Vollgeld scheint mir eine Eierlegendewollmilchsau zu sein. Kein Finanzrisiko mehr für Sparer, ein krisenresistentes Bankensystem, umweltschonend... Warte nur noch bis noch ein Arzt daher kommt und der Initiative krebsheilende Wirkung andichtet.
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raues Endoplasmatisches Retikulum
14.05.2018 11:05registriert Juli 2017
«Renommierte Experten sind sich einig, dass das heutige Geldsystem nicht mehr lange funktioniert»
Gibts dafür auch noch eine Begründung oder ist das einfach so?
Die Aussagen Serafimovas stehen in meinen Augen konträr zu denen der Befürworter. Diese sagt, die SNB bestimme nur die Geldmenge, und verteile diese an die Banken, den Staat oder direkt an die Bürger, diese können damit machen was sie wollen. Sprich, ich kann damit immernoch in Kohleminen oder die Waffenindustrie investieren. Nun soll die Initiative plötzlich gut für den Umweltschutz sein?
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neoliberaler Raubtierkapitalist
14.05.2018 11:27registriert Februar 2018
Warum sollte das Vollgeldsystem ökologischer sein? Ich sehe da keinen Zusammenhang.
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Erste Umfrage zeigt: Das Geldspielgesetz wird es schwer haben (und das Vollgeld auch)
Sowohl das neue Geldspielgesetz als auch die Vollgeldinitiative würden derzeit von einer Mehrheit des Volks abgelehnt. Das zeigt die erste Tamedia-Umfrage zu den eidgenössischen Abstimmungen vom 10. Juni. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.

Wäre Ende April entschieden worden, hätten 53 Prozent der Befragten «eher Nein» oder «Nein» gestimmt zum Geldspielgesetz. Dieses sieht vor, dass Schweizer Casinos künftig Geldspiele im Internet anbieten dürfen, ausländische Online-Casinos aber gesperrt werden. Weil dafür Netzsperren nötig wären, ergriffen Jungparteien das Referendum.

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