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watson-Reporterin Rafaela Roth verhüllt sich für einen Niqab-Selbstversuch in Lugano.
watson-Reporterin Rafaela Roth verhüllt sich für einen Niqab-Selbstversuch in Lugano.
bild: watson
Kommentar

Burkaverbot: «Wir sehen nicht den Menschen, sondern nur noch das Kleid»

Wie kann es sein, dass wir uns vor Tüchern fürchten? 
05.07.2016, 10:3005.07.2016, 19:46

Vor 142 Jahren schrieb der Schweizer Dichter Gottfried Keller eine Novelle, die Schüler an unseren Schulen bis heute für die Abschlussprüfung büffeln müssen: «Kleider machen Leute» aus der Sammlung «Die Leute von Seldwyla».

Darin kommt das arme Schneiderlein Wenzel Strapinski in eine fremde Stadt namens Goldach und wird aufgrund seiner schönen Kleidung für einen polnischen Grafen gehalten. Wenzel spielt mit und obwohl der Schneidergeselle später als Hochstapler entlarvt wird, bekennt sich die Tochter des angesehenen Bürgermeisters doch zu ihrer gemeinsamen Liebe. 

Mit der Novelle zeigt Keller auf, wie einfach wir Menschen uns von Äusserlichkeiten blenden lassen. Das Burka-Experiment von watson zeigt vor allem eines: Wir sind immer noch die Leute von Seldwyla. 

Die Passanten im Tessin reagierten auf mich als Niqab-Trägerin mit bösen, verachtenden und angstvollen Blicken, aber auch mit Zischen und Beleidigungen. Diese galten dem Kleid, nicht der Frau, die darin steckte, denn diesen Menschen kannte ja niemand. Es war der Niqab, um den die Menschen einen weiten Bogen machten und vor dem sie ihre Handtaschen versteckten. Er wurde als Bedrohung wahrgenommen, als wäre er selbst ein Sprengstoffgürtel. 

Wir sehen nicht den Menschen, sondern nur noch das Kleid. Die traditionellen arabischen Kleidungsstücke wurden dermassen politisch missbraucht, feministisch instrumentalisiert und medial aufgeladen, dass wir uns heute davor fürchten. Denn Burkas und Niqabs kommen in unseren Breitengraden kaum vor, trotzdem füllen diese Kleidungsstücke unsere Zeitungen und im Tessin jetzt auch das Gesetz und die To-do-Liste der Kantonspolizisten. 

Alice Schwarzer sieht im Niqab die unterdrückte Frau, die SVP sieht in ihm die textilgewordene Bedrohung des Abendlandes und die Medien springen auf in Debatten, die sich dann «Kopftuch-», «Edelweiss-», oder «Handschlag»-Debatten nennen.

Am wenigsten helfen diese Diskussionen und Verbote den Frauen selber, die, aus welchen religiösen, persönlichen oder familiären Gründen auch immer, eine Burka oder einen Niqab tragen wollen. Sollen sie lieber zu Hause bleiben, als sich in ihrem Gewand zu zeigen? 

Müssten sie nicht selber entscheiden dürfen, was sie anziehen wollen? Ist Kleidung nicht eine höchst private Angelegenheit, die eigentlich niemanden was angeht? Schon gar nicht den Staat? 

Der deutsche Schriftsteller Othmar Cappelmann hat den durch Keller berühmt gewordenen Spruch Jahrzehnte später um einen Zusatz ergänzt: «Kleider machen Leute – aber sie machen nicht den Menschen.»

Das sollten wir bei aller Sorge nicht vergessen. 

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