Schule - Bildung
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Terror-Kontrolle an Schulen? «Wir sind keine Mitarbeiter des Geheimdienstes»

Laut Bundesrat nehmen Schulen eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen ein. Wirklich involviert sind Lehrer und Universitäten aber nicht. Lehrerpräsident Beat Zemp will nicht, dass Lehrkräfte ihre Schüler überwachen.

Yannick Nock / Schweiz am Wochenende



beat zemp

Beat Zemp will keine Terror-Kontrollen an Schulen Bild: zvg

Eine Frage beschäftigt Karsten Jung noch immer: «Hätte ich es verhindern können?» Vor vier Jahren unterrichtete der Religionspädagoge an einem beruflichen Gymnasium in Süddeutschland einen jungen Mann namens Nadim. Ein gläubiger Muslim aus akademischem Elternhaus mit guten Noten. «Nadim war freundlich, interessiert und fragte oft nach», sagt Jung. Doch eines Tages war er plötzlich weg. Was erst ein Verdacht war, erhärtete sich kurz danach: Nadim, noch nicht volljährig, zog nach Syrien in den Dschihad.

Für den Deutschen Karsten Jung war das ein Schockerlebnis. «Es gab Hinweise, doch ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.» Er suchte nach Büchern und Ratgebern, wollte erfahren, was er hätte anders machen können. Gefunden hat er – nichts. Also schrieb er selber ein Buch, das anderen Lehrern helfen soll. «Schüler Radikalisieren sich nicht von heute auf morgen», sagt er. Das sei ein langwieriger Prozess, der bis zu 18 Monate dauern könne. Eindeutig sind die Anzeichen selten. Viele Kleinigkeiten könnten sich aber zu einem klaren Bild zusammenfügen. Haben die Jugendlichen ein striktes Verbotsdenken, wenn es um ihren Glauben geht? Verhält sich der Jugendliche gegenüber dem anderen Geschlecht anders? Bricht der Kontakt zu Freunden ab? Wenn ein Lehrer diese Indizien frühzeitig erkennt, könne er gegen die Radikalisierung ankämpfen, sagt Jung.

In Deutschland haben sich in den letzten Jahren über 900 Personen nach Syrien oder in den Irak aufgemacht. Darunter viele Jugendliche, Männer wie Frauen. Das Phänomen ist nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in der Schweiz können sich Schüler radikalisieren. Jung geht davon aus, dass mindestens ein Kind pro Kanton gefährdet ist. In den Städten stärker als auf dem Land.

Offizielle Zahlen gibt es nicht. Für den Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet ist dennoch klar: «Die Gefahr ist real.» Genf stand zuletzt wiederholt im Zentrum von Terrordrohungen. Im Dezember 2015 herrschte mehrere Wochen erhöhte Alarmbereitschaft, weil sich vier Terrorverdächtige auf der Flucht befanden. Ausserdem führte der Kanton 2016 eine Dschihad-Hotline für besorgte Angehörige ein. «Wir haben 70 Hinweise erhalten», sagt Maudet. Unbegründete Anrufe habe es kaum gegeben.

Pierre Maudet, conseiller d'Etat charge du departement de la securite et de lÕeconomie, s'exprime lors dÕune conference de presse pour presenter son partenariat de production dÕenergie solaire entre Geneve Aeroport et les Services industriels de Geneve (SIG), ce jeudi 12 octobre 2017 a l'Aeroport International de Geneve (AIG). (KEYSTONE/Martial Trezzini)

Der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet. Bild: KEYSTONE

Schulen haben am längsten Zugang

Islamisten wüssten mittlerweile, dass sie in Moscheen überwacht würden. Deshalb hätten sie die Rekrutierung auf Schulen und Sportvereine verlagert, sagt Maudet. «Schulen nehmen eine Schlüsselrolle im Kampf gegen Radikalisierung ein.» Sie hätten oft am längsten Zugang zu den Jugendlichen. Deshalb spricht sich der Sicherheitsdirektor auch für höhere Mittel aus. Die Schweiz sei weniger gefährdet als Frankreich oder Deutschland, deswegen dürfe man sich aber nicht in Sicherheit wiegen, sagt Maudet.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Bundesrat zu Wochenbeginn einen nationalen Aktionsplan gegen Radikalisierung vorstellte. Justizministerin Simonetta Sommaruga sagte vor versammelter Presse: «Wir wollen eingreifen, bevor es zu spät ist.» Kinder, die Ausgrenzung erleben, seien später stärker gefährdet. 44 Seiten umfasst der Aktionsplan. Darin nehmen Universitäten, Schulen und Lehrer eine wichtige Rolle ein. Das Problem ist nur: Wirklich involviert sind sie nicht.

Lehrer sind keine Spione

Lehrerpräsident Beat Zemp will nicht, dass Lehrkräfte ihren Schülern nachspionieren: «Wir sind keine Mitarbeiter des Geheimdienstes», sagt er. Zwar würden sie auffälliges Verhalten den Fachstellen für Gewaltprävention melden, es könne aber nicht sein, dass Lehrer ganze Klassen systematisch überwachen oder Facebook-Seiten der Kinder durchforsten sollen. Das Vertrauensverhältnis zu den Schülern und Eltern dürfe nicht zerstört werden. Worauf die Lehrer aber seit längerem ein Augenmerk legen, ist Mobbing: «Wir achten sehr darauf, dass keine Schüler ausgegrenzt werden.» Das sei die beste Prävention gegen Radikalisierung.

Neben den Lehrern nimmt der Bundesrat auch die Universitäten in der Pflicht. So heisst es im Aktionsplan, die «politische Verantwortlichkeit» für die Weiterbildung der Lehrer und für neue Studien zu Extremismus liege bei den Hochschulen. Doch auch sie sind noch nicht so weit. Gespräche wurden bisher keine geführt, die Rektoren nicht kontaktiert. Das überrascht bei der deutlichen Nennung im Aktionsplan. Die Gespräche sollen nun aber nachgeholt werden. «Wir werden in den kommenden Monaten gemeinsam mit Bund und Kantonen diskutieren, wie wir bei der Prävention helfen können», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und Präsident des Dachverbandes der Hochschulen. «Wir sind bereit, einen Beitrag zu leisten.» (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Thinktank 09.12.2017 16:20
    Highlight Highlight Der Staat verliert die Kontrolle und installiert ein System wie in der DDR. Die Polizei, die nur noch zum Schadensrapport auftaucht, fordert die Nachbarn auf, die Siedlungen zu überwachen. Wenn jemand verprügelt wird, ist man gesetzlich gezwungen Hilfe zu leisten, sonst wird man bestraft.
    Die staatliche Überwachungsaufgabe wird von speziellen Stellen auf den ganzen Staat und die Bürger ausgebreitet. Aktuell gehts um den IS, gestern um Kindeswohl, morgen ums sexuelle Belästigung und übermorgen um Meinungen, die dem Bundesrat nicht gefallen.
  • oXiVanisher 09.12.2017 12:27
    Highlight Highlight 1984 lässt freundlich grüssen. Der Big Brother ist stolz auf euch!

    Ich muss mal wieder Equilibrium schauen. ;)
    • Alpöhy 09.12.2017 22:17
      Highlight Highlight Zieh dir mal Brasil von Terry Gilliams rein, das ist real stuff: Monthy Pythons meets 1984
  • Staatsgebeutelter 09.12.2017 12:08
    Highlight Highlight Terroristen entstehen sicher nicht an Schulen, der Staat will hier von sich ablenken
  • Töfflifahrer 09.12.2017 12:03
    Highlight Highlight Wie war das nochmals als alle, vor allem aber Politiker, riefen, wir lassen es nicht zu dass unsere Freiheiten durch Terroristen eingeschränkt wird.
    Was für Lippenbekenntnisse! Georg Orwell würde sich die Augen reiben ab der Überwachung die wir mittlerweile haben.
    Dazu vielleicht noch soviel, würden wir nicht nur noch für uns leben und uns um Verwandte, Bekannte und Nachbarn wirklich kümmern oder Lehrer sich um Schüler kümmern, könnten wir frühzeitig automatisch erkennen wenn etwas nicht mehr stimmt.
    Denn die allumfassende Überwachung kann Hass und Verblendung nicht verhindern.
  • Rumbel the Sumbel 09.12.2017 11:06
    Highlight Highlight Einfach wäre es sicher nicht, wer sich gleich radikalisiert. Blöd sind die sogenannten Radikalen in der Zwischzeit ja auch nicht. Sie werden sich nicht mehr so einfach zu erkennen geben. Ausnahme vielleicht dort, wo es bereits radikale von Islamismus geprägten Quartiere, Bezirke hat (Berlin, Hamburg, Mannheim, Molenbeek, Paris, Biel usw.). Leider schon zuviele, weil die Politik geschlafen hat. Warum? Fehlende Konsequenz, nicht fehlende Gesetze. Bekannte Gefährder Ausschaffen. Ob sie nun selbst in ihrem Land gefährdet sind, darf keine Rolle spielen. Soll man in der EU/CH gefährdeter bleiben?
  • Herbert Anneler 09.12.2017 11:01
    Highlight Highlight Mir macht diese Terror-Kontrolle extrem zu schaffen: Wenn es um islamistische oder RAF-ähnliche Terroristen geht: ok. Aber was, wenn diejenigen ans Ruder kommen, welche DemokratInnen als Terroristen behandeln, denken wir an Erdi, denken wir an Putin - und an diejenigen in der Schweiz, die Putin ins beste Sünneli zu rücken versuchen? Denken wir an jene, die im Generalstreik 1918 die Armee gegen die eigenen Arbeiter mobilisierten, und an den Überwachungsstaat in der DDR! Da wird etwas eingeführt, ohne dass wie uns der Tragweite bewusst sind! Frage: Wo bleibt die demokratische Kontrolle???
    • Töfflifahrer 09.12.2017 12:11
      Highlight Highlight Genau, alle Gesetze und Vorschriften die etwas einschränken um "uns zu schützen", können ebensogut mal gegen "uns" eingesetzt werden.
      Es ist auch immer Sache der Sichtweise was ein Terrorist ist. Auch die Schweiz zur Zeit der Ur-Gründung war nichts weiter als Terroristisches Gebiet aus der Sichtweise der damals Herrschenden.
  • pamayer 09.12.2017 10:59
    Highlight Highlight Einen Job mehr für Lehrpersonen zu ihrem hoffnungslos überfrachteten Pflichtenheft. Als Abgeltung eingefrorene oder gesenktem Löhne verbunden mit noch mehr Eltern, die wegen einer halben Note mit dem Anwalt antraben.


    *** Suche das Problem? Es hat keines. Einfach effizienter arbeiten. ***
  • Hugo Wottaupott 09.12.2017 10:50
    Highlight Highlight Wird Ali einmal kriminell - ist der Lehrer schuld und das generell!
  • Peter Müller (2) 09.12.2017 10:42
    Highlight Highlight Lehrer sind eben professionelle Spitzel. Das war bei uns schon so, dass es sofort an Rektor, Eltern, Polizei gemeldet wurde. Damals war man sofort RAF Mitglied wenn man linke Ideen hatte. Jetzt ist man sofort beim Jihad, sobald man etwas positives über den Islam sagt.
  • Telomerase 09.12.2017 10:04
    Highlight Highlight Der Bund vernachlässigt seine Pflichten bezüglich effektiven Grenzkontrollen (offene Grenzen, Schengen, Asylrecht) und die Kantone sollen das nun ausbaden?

    Würden vielleicht die Niederlassungsbewilligungen und Asylanträge etwas strenger gehandhabt werden, müsste jetzt nicht alle Einwohner (ob Einheimische oder Ausländer) unter Generalverdacht gestellt werden.
    • Mrlukluk 09.12.2017 10:58
      Highlight Highlight Es geht ja nicht um eine totale Kontrolle, viel eher darum, dass Lehrer die Möglichkeiten haben, radikalisierte Kinder und Jugendliche zu erkennen und diese Radikalisierung im vorher auch verhindern können. Ich denke, das schliesst auch Amokläufe oder sonstige Probleme der Schüler mit ein, das diese Gefahren erkennt und möglichst verhindert werden können.
    • Charlie Brown 09.12.2017 13:26
      Highlight Highlight @Telomerase:

      „[...]Nadim. Ein gläubiger Muslim aus akademischem Elternhaus mit guten Noten.“

      Erzähl mal ein wenig; wie hätten da strenger gehandhabte Asylanträge oder Niederlassungsbewilligungen etwas geholfen? Klar, nach NS-Manier hätte es geklappt. Keiner mehr rein und alle ausschaffen. Dann wäre auch Nadim nicht mehr dort gewesen...

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