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Was ich wirklich denke

Ein dunkelhäutiger Schweizer erzählt, weshalb die Schweiz kein Rassismusproblem hat

Bild: AP

watson



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke:» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Die Schweiz hat kein Rassismusproblem. Echt nicht.

Damit sage ich nicht, dass es in der Schweiz keinen Rassismus gibt. Rassismus gibt es überall auf der Welt – im Osten, im Westen, in Afrika. Dass er in der Schweiz aber derart flächendeckend verbreitet wäre, dass man ihn als nationales Problem bezeichnen muss, glaube ich nicht. 

Ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, dass mich eine Person auf der Strasse offen rassistisch beleidigt hätte. Beim besten Willen nicht. Dasselbe gilt für Behörden. Ich erinnere mich an keine einzige Schikane. Ja, auch nicht von der Polizei.

«Zehn kleine Negerlein habe ich selbst mitgesungen.»

Natürlich gibt es immer Menschen, die netter oder weniger nett sind – unter den weniger netten gibt es auch Schwarze oder Asiaten. Herauszufinden, ob die Animositäten das Resultat einer rassistischen Einstellung sind, ist im Einzelfall aber praktisch unmöglich.

Erst ein Muster brächte eine Art Beweis: Wenn ich zum Beispiel in Berghütten immer eine halbe Stunde warten müsste, während um mich herum die Leute bedient werden, dann dürfte man den Schluss ziehen: Der gemeine Älpler ist ein Rassist. Aber das stimmt so einfach nicht. Ich werde in der Berghütte genauso bedient wie meine weissen Kollegen.

Vielleicht in der Schule früher – da kann es sein, dass es manchmal Mohrenkopf oder Negerli hiess. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als Mohrenkopf noch ganz okay und keine Beleidigung war. Zehn kleine Negerlein habe ich selbst mitgesungen. Ich erachtete das damals nicht als Beleidigung.

Heute akzeptiere ich diese Ausdrücke nicht mehr. Die gesellschaftliche Stigmatisierung des Wortes hat sich in den letzten Jahren derart intensiviert, dass sogar ich mich davon beeinflussen lasse. Es ist irr.

Menschen – Kinder im Speziellen – verhalten sich wie Wölfe im Rudel: Sie schnappen sich das schwächste Schäfchen, das hinter der Herde nachhinkt. Die Hautfarbe ist dabei weniger entscheidend als die Körpergrösse, die Statur, die Leistungen in der Schule oder auf dem Sportplatz.

«Ich betrete den Hirschen in Oberkaffhofen mit einem anderen Gefühl als in den urbanen Zentren.»

Ich war immer ein mehr oder weniger guter Schüler und beim Sport gehörte ich zu den Besten. Die, die gehänselt wurden – notabene auch von mir –, waren meist die Unsportlichen. Die, die nicht Fussball spielen konnten, die, die nicht geradeaus rennen konnten. Das war eben bei mir nicht der Fall.

Ich denke, wenn diese Eigenschaften aber auf einen Dunkelhäutigen zutreffen, dann kann die Hautfarbe einen Beschleuniger darstellen. Vielleicht sogar einen Multiplikator. Eine Bekannte, sie war als Kind klein und dick (und dunkelhäutig), würde hier wohl ein ganz anderes Bild zeichnen. Sie hat sicher andere Erfahrungen gemacht.

In meinem gewohnten Umfeld spielt meine Hautfarbe keine Rolle. Wie es auch kein Thema ist, dass der eine einen Kopf kleiner ist als der andere. Es ist halt einfach so. Das ändert sich aber mit dem Territorium.

«Auch ich habe Vorurteile – unter anderem gegenüber Schwarzen.»

Früher hasste ich es zum Beispiel, in Alphütten zu übernachten. Die Leute waren nicht unfreundlich, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich anstarren. Dieses Gefühl erlebe ich auch heute noch, wenn ich aufs Land hinaus fahre.

Ich betrete den Hirschen in Oberkaffhofen mit einem anderen Gefühl als in den urbanen Zentren. In der Stadt bin ich halt einfach ein neuer Gast – und werde deshalb begutachtet. Auf dem Land hingegen stelle ich mir vor, dass sie wegen meiner Hautfarbe glotzen. Ich bin gefangen im gängigen Vorurteil.

Das Lustige aber ist ja, dass meine negativen Vorurteile nie bestätigt wurden. Das Bild des krummenrauchenden SVP-Stammtischlers, der mich wegen meiner Pigmentierung scheisse findet, lässt sich nicht bestätigen.

Das Militär war für mich eine sehr interessante Erfahrung. Ich war bei einer Kampfeinheit und im Vorfeld hatte ich das Landbeiz-Gefühl: Ich erwartete Zweimeterbauern mit der Gehirnleistung eines T-Rex. Was ich aber antraf, war ein bunter Haufen von Menschen unterschiedlichster politischer Couleur und mit unterschiedlichstem Humor.

Natürlich gab es eigenartige Situationen. Zum Beispiel, als ich vor einer Nachtübungen den Befehl erhielt, mich mit Tarnfarbe einzureiben. «Wollt ihr mich eigentlich verarschen?», dachte ich. Daraus entwickelte sich dann aber ein Running-Gag, den ich fast selber auslöste.

«Nur weil ich schwarz bin, muss ich mich nicht mit sämtlichen Schwarzen dieser Welt identifizieren.»

Manchmal glauben die Leute, ich müsse doch rappen können. Oder dunken. Oder ich werde auf Hochdeutsch oder Englisch angesprochen. Dabei bin ich kein wirklich guter Basketballspieler, höre unter anderem klassischen Rock und verstehe und rede wunderbar Mundart. Aber die Kassiererin oder der Herr am SBB-Schalter kann ja nicht wissen, dass ich hier aufgewachsen bin. Man sieht es mir nicht an. Ich schaue doch selbst verdutzt aus der Wäsche, wenn mir eine wildfremde dunkelhäutige Person in perfektem Schweizerdeutsch antwortet – vor allem von meiner Generation.

Und ja, auch ich habe Vorurteile – unter anderem auch gegenüber Schwarzen. Wenn sich einer wie ein Gangster kleidet, dann ist klar, in welche Schublade ich ihn im ersten Augenblick stecke. Solange es sich dabei nur um ein Vorurteil handelt, das man bereit ist, sogleich wieder zu revidieren, sind solche Vorfälle absolut harmlos. 

Weniger harmlos – und wirklich rassistisch – ist aber, wenn man mir vorschreibt, was ich zu denken und mit wem ich mich zu identifizieren habe. Beispiel Amerika: Es ist offensichtlich, dass die schwarze Bevölkerung gegenüber der weissen benachteiligt wird, und ich finde es wichtig, dass Minderheiten Ungerechtigkeiten zum Ausdruck bringen. Das heisst aber nicht, dass ich mich automatisch mit dem Take-a-knee-Protest identifiziere.

Nur weil ich schwarz bin, kann ich mich nicht in das Schicksal sämtlicher Schwarzen dieser Welt einfühlen. Hautfarbe als ausschlaggebender Faktor für Identifikation: Das ist Rassismus!

Meine Situation ist eine andere. Wir haben in der Schweiz ein anderes gesellschaftliches Gefüge, eine andere Chancengleichheit. Selbstverständlich verspüre ich Mitgefühl. Aber Mitgefühl habe ich auch für unfair behandelte Asiaten oder Latinos.

Natürlich kenne ich auch die anderen Geschichten, die racial-profiling-Storys, die in der Schweiz gerade en vogue sind. Es kann ja sein, dass die stimmen. Es kann auch sein, dass dieselbe Geschichte von 20 verschiedenen Personen wiederholt wird – ich möchte niemandem etwas unterstellen. Bestätigen kann ich diese Geschichten zum guten Glück aber auch nicht.

Vielleicht lebe ich in einer Blase und ich bin der einzige Schwarze, der noch nie von einem Polizisten «rausgenommen» wurde. Fakt ist: Mir ist es noch nie passiert– und es ist nicht so, dass ich die berüchtigten Quartiere gemieden hätte. Im Gegenteil.

(Aufgezeichnet von watson)

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