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Die Freude ist den Spielern von Gottéron anzusehen.
Die Freude ist den Spielern von Gottéron anzusehen.Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Gottéron oder die Suche nach Pinocchio an einem Sonntag der falschen Propheten

Julien Sprunger trifft wieder, Gottéron ist auferstanden und besiegt die SCL Tigers in der Verlängerung 5:4. Aber eigentlich hätte ja alles ganz anders kommen sollen. Eigentlich kommen müssen. Ab sofort macht es keinen Sinn mehr, seriös zu sein und sich auf Fakten, Zahlen und Statistiken zu verlassen.
06.01.2020, 03:5406.01.2020, 08:41

Wer seriös ist, orientiert sich an Fakten, Zahlen und Statistiken. Meidet die Polemik, scheut Spekulationen und stellt nicht irgendwelche Behauptungen auf. Jawoll! Aber was sagen schon Fakten, Zahlen und Statistiken in Traumfabriken wie Gottéron und Langnau im Tal der zornigen Winde?

Die Episode ist verbürgt. Zwei ältere, profunde Kenner verfolgen am Sonntagnachmittag auf der Medientribüne aufmerksam die Partie Gottéron gegen die SCL Tigers. Ein wenig wie die Herren Statler und Waldorf in der Muppet-Show. Ihre Unterhaltung ist in der hinteren Sitzreihe gut zu hören.

Die SCL Tigers mussten sich geschlagen geben.
Die SCL Tigers mussten sich geschlagen geben.Bild: KEYSTONE

Sie sind sich einig: Gottéron muss gewinnen, um die Playoff-Chancen zu wahren. Unbedingt. Siegen die SCL Tigers, stehen sie schon fast mit einem Bein in den Playoffs. Gewinnt auch Bern gegen Lugano – was ja wahrlich und wahrhaftig zu erwarten ist – dann gibt es schon so etwas wie eine «Vorentscheidung» im Strichkampf.

Und schon passiert das erste Unglück. In der neutralen Zone kommt es zu einem fürchterlichen Zusammenstoss zwischen Gottérons Powerstürmer Victor Stalberg (190 cm/95 kg) und Langnaus «Spargelverteidiger» Anthony Huguenin (180 cm/72 kg). Der Langnauer bleibt liegen, muss vom Eis geführt und zur Kontrolle ins Spital in Fribourg gebracht werden. Von dort ins Spital nach Langnau zur weiteren Abklärung.

Die Regeln sind klar: Anthony Huguenin war schon lange nicht mehr im Besitze der Scheibe und musste nicht mehr mit einem Check rechnen. Also gibt es für die sehr guten Schiedsrichter keine andere Möglichkeit als Victor Stalberg in der 12. Minute unter die Dusche zu schicken. Die beiden älteren Herren sind sich einig: während des Fünfminuten-Ausschlusses wird gar nichts passieren. Schliesslich hat Langnau das schwächste Powerplay der Liga. Das haben die beiden beim Kramen in den Statistiken herausgefunden.

Chris DiDomenico (Mitte) trug viel zum erfolgreichen Powerplay der Langnauer bei.
Chris DiDomenico (Mitte) trug viel zum erfolgreichen Powerplay der Langnauer bei.Bild: KEYSTONE

Aber oha lätz! Dank zwei Traumpässen von Chris DiDomenico nützen die Langnauer diese fünf Minuten zu zwei Toren und hat nur noch das zweitschwächste Powerplay der Liga. Damit ist alles klar. Denn die beiden Herren wissen aus den Statistiken: Gottéron hat in dieser Saison erst einmal eine Partie nach einem 0:1-Rückstand noch gedreht. Und jetzt steht es gar 0:2!. Einen Zwei-Tore-Vorsprung wird Langnau nicht mehr aus der Hand geben. Zumal Ivars Punnenovs bestechend sicher abwehrt.

Die Anschlusstreffer zum 1:2 und 2:3 beantwortet Langnau mit dem 1:3 und 2:4. Spätestens nach dem 2:4 gleich zu eginn des Schlussdrittels – ein haltbarer Treffer – ist für die beiden Herren klar: Langnau wird gewinnen. Wie soll denn Gottéron noch drei Treffer erzielen? Leitwolf Julien Sprunger trifft ja nicht mehr. Er hat diese Saison bis zu diesem Spiel erst zwei Tore erzielt. Das steht auch in den Statistiken. Und Victor Stalberg, der zweitbeste Torschütze des Teams, ist ja bereits in die Kabine geschickt worden.

Es ist der Sonntag der falschen Propheten. Julien Sprunger trifft zweimal (also so oft wie zuvor während der ganzen Saison), der zweite Treffer bringt in der Verlängerung den Sieg. Ivars Punnenovs Fangquote sinkt auf 87,50 Prozent. Alle auf Zahlen, Fakten und Statistiken fussenden Prognosen sind ad absurdum geführt. Gottéron ist auferstanden. Logisch ist nur der Sieg in der Verlängerung. Gottéron musste gegen Langnau zum 6. Mal in dieser Saison in eine Verlängerung – und hat nun alle sechs gewonnen. Wenigstens auf diese Statistik ist Verlass.

Wie ist das alles möglich? Julien Sprunger sagt, er habe eine schwierige Zeit hinter sich. Erst eine weitere Verletzungspause, dann 13 Spiele hintereinander ohne Treffer.

«Früher war es oft so, dass ich meine Mitspieler aufgemuntert habe. Jetzt ist es so, dass mir gerade auch die jüngeren Spieler immer wieder Mut gemacht haben. Hier ein aufmunterndes Wort, dort eine Geste. Das hat den Druck etwas von mir weggenommen und mir sehr geholfen.»
Julien Sprunger

Es hat schon seinen Grund, warum Gottérons Leitwolf in der Kabine der Pelz ein bisschen gestreichelt und ihm hinter dem Ohr gekrault worden ist. Er ist ja kein «fauler Hund», dem man Beine machen muss. Sondern ein sensibler, leidenschaftlicher Vorkämpfer mit Kultstatus. Ein Musterprofi. Gesegnet mit der raren Kunst des Toremachens. Also sind laute Worte tabu und jeder versucht etwas zu seinem Wohlbefinden beizutragen. Sage mir, ob Julien Sprunger trifft, und ich sage dir, wie es um Gottéron steht. Jetzt trifft er wieder, Gott sei Dank.

Julien Sprunger traf gleich zwei Mal – endlich gelingt es ihm wieder.
Julien Sprunger traf gleich zwei Mal – endlich gelingt es ihm wieder.Bild: KEYSTONE

Und was haben Bandengeneral Christian Dubé und sein Stabschef Sean Simpson zur «Auferstehung» von Julien Sprunger und zur Wende im letzten Drittel beigetragen? Christian Dubé erzählt: «Ich habe Julien hypnotisiert. Nein, Spass beiseite. Ich sagte in der zweiten Pause, dass wir nun zwei Möglichkeiten haben: entweder wir geben auf und gehen gleich nach Hause oder wir besinnen uns auf das, was wir können. Wir lagen ja nur 2:3 zurück. Wir sind nicht nach Hause gegangen…»

Gottéron ist auferstanden. Bern hat in drei Tagen gegen die Lakers und gegen Lugano verloren. Nichts mehr läuft so, wie es nach Zahlen, Fakten und Statistiken laufen müsste. Vergessen wir also diese seriösen Grundlagen des Geschäftes und wenden wir uns für den Rest der Saison wieder dem Polemisieren, Spekulieren und Behaupten zu.

Chris DiDomenico wird bekanntlich per Saisonende die SCL Tigers verlassen. Das ist amtlich und offiziell vom Klub bestätigt. Sein neuer Arbeitgeber sei Gottéron. Das ist weder amtlich noch offiziell vom Klub noch sonst einer Hockey-Amtsperson bestätigt. Christian Dubé ist nach dem Sieg gut gelaunt und bekräftigt noch einmal ausdrücklich, dass Chris Didomenico nicht bei Gottéron unterschrieben habe. Ja, er schiebt sogar nach: «Das ist unmöglich, absolut unmöglich».

Er erinnert ein wenig an George Bush. «Read my lips: no new taxes» («Lest es von meinen Lippen ab: keine neuen Steuern») war am 18. August 1988 seine wichtige Aussage im Wahlkampf. Sie gilt als wichtigster Grund warum George Bush und nicht Bob Dole zum Präsidenten gewählt worden ist. Schon 1990 erhöhte Georg Bush verschiedene Steuern. Was George Bush recht, soll Christian Dubé billig sein. Gottérons Sportchef und Temporärtrainer wäre ja auch ein formidabler Politiker.

Uns treibt also die Frage um: Wer ist Pinocchio in diesem höchst amüsanten Spiel? Die Frage geht an Derek McCann, Chris DiDomenicos Agent. Er lebt in der Nähe von Montréal. Am späten Sonntagabend habe ich ihn endlich am Telefon. Folgendes Zwiegespräch ergibt sich (leicht gekürzt):

Hi Derek, hier Klaus.
Oh, hallo Klaus.

Derek, ich suche Pinocchio.
Was? Wen? Pinocchio?

Ja. Einer ist hier bei uns Pinocchio. Entweder Chris DiDomenico oder Christian Dubé. Du kannst mir helfen, den Pinocchio zu finden. Hat nun Chris bei Fribourg unterschrieben oder hat er nicht?
Ah, jetzt verstehe ich. Ja, er verlässt Langnau. Also ist es mein Job, für ihn eine neue Herausforderung zu finden. Aber ich bin da grad mit meinen Kindern beschäftigt und kann dich am Telefon nicht so gut verstehen. Ich fliege am Dienstag in die Schweiz und dann können wir uns in aller Ruhe unterhalten.

Okay, das machen wir so. Dann bis bald.

Was wissen wir nun nach diesem Sonntag der falschen Propheten? Dass ein kluger Spieleragent auch ein Diplomat sein muss. Dass Gottéron auferstanden ist und dass Chris DiDomenico nach wie vor mit glühender Leidenschaft und bis zur letzten Minute seines Arbeitsverhältnisses für die Langnauer rocken wird. Er hat in dieser Partie von allen Langnauern mit Abstand am meisten Eiszeit geschultert (24:53 Minuten!) und die zwei Powerplaytore mit der Gnade seines Genies erst möglich gemacht. Das soll doch noch einmal erwähnt werden.

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