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Die Slums rund um Johannesburg, Südafrika, sind besonders von der neuen Omikron-Variante betroffen.
Die Slums rund um Johannesburg, Südafrika, sind besonders von der neuen Omikron-Variante betroffen.Bild: keystone
Analyse

Omikron wird bald alles dominieren – zum dümmsten Zeitpunkt

Zahlen aus Dänemark und Südafrika zeigen, dass Omikron mit grosser Wahrscheinlichkeit diese Woche dominant wird in der Schweiz. Das könnte ein Ende der Pandemie bedeuten – für das ein sehr hoher Preis bezahlt werden müsste.
14.12.2021, 06:0215.12.2021, 11:44
Reto Fehr
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Die Meldungen rund um die neue Omikron-Variante überschlagen sich in den letzten Tagen. Die neue Variante scheint um einiges ansteckender zu sein als Delta, gleichzeitig aber auch harmloser. Genauere Betrachtungen der Daten lassen jedoch Zweifel an diesen Hypothesen aufkommen. Momentan ist schlichtweg nicht klar, was Omikron bringen wird.

Klar ist lediglich: Wir steuern blindlings in einen Sturm, der nicht aufzuhalten ist. Wir wissen das dank Ländern wie Dänemark oder Südafrika, die in der Lage sind, Virussequenzierungen fast in Echtzeit vorzunehmen.

Omikron, oder: Die Lucky-Luke-Variante

Die Daten aus Dänemark und Südafrika zeichnen ein prekäres Bild: Ähnlich wie Lucky Luke, der schneller als sein Schatten schiesst, verbreitet sich Omikron momentan schneller, als die Wissenschaft Schlüsse daraus ziehen kann.

In Südafrika hat es die Variante innerhalb weniger Wochen geschafft, die Delta-Variante komplett zu verdrängen. Auch in Europa werden in wenigen Wochen fast alle Fälle der Omikron-Variante zugeschrieben werden.

Das zeigen Daten aus Dänemark: Die Anzahl Omikron-Fälle verdoppelt sich momentan alle zwei Tage. Am 9. Dezember lag der Anteil bei rund 15 Prozent. Es wird erwartet, dass die 50-Prozent-Marke diesen Dienstag überschritten wird. Gleiches wird in Grossbritannien erwartet.

In der Schweiz dürfte es nicht anders sein, allerdings fehlen hier die Daten. Die letzte Erhebung ist für den 3. Dezember, damals soll Omikron 2,7 Prozent der Fälle ausgemacht haben. Das BAG gibt jedoch zu bedenken, dass die Daten der verschiedenen Virusvarianten momentan nicht repräsentativ seien.

Eine Quote von zwei bis drei Prozent Anfang Dezember würde sich jedoch mit der Entwicklung in Dänemark decken. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass Omikron in diesen Tagen auch in der Schweiz dominant wird. Selbst wenn man mit einer Verdopplungszeit von drei, anstatt zwei Tagen rechnet.

Ist Omikron wirklich milder?

Was heisst das für die nächsten Monate? Letzte Woche machten Berichte die Runde, wonach Omikron weniger schwere Verläufe verursache. So sagte die Ungarin Katalin Karikó, Miterfinderin des mRNA-Impfstoffes und Vizepräsidentin von Biontech: «Wenn es wirklich der Fall ist, dass Omikron die Delta-Variante verdrängt, weil es ansteckender ist, jedoch keine schwere Krankheit verursacht, dann brauchen wir uns keine Sorgen machen, ich bin sehr optimistisch.»

Verschiedene Forscherinnen und Forscher aus aller Welt machten ähnliche Aussagen. Grund für diese Vermutung sind erste Berichte aus Südafrika, wonach es nur wenige Patienten mit schweren Verläufen in den Spitälern gebe. Das Problem hierbei: Omikron steht im Verdacht, den Antikörpern von Geimpften und Genesenen besser zu entkommen. Ergo können sich Ungeimpfte, Genesene und Geimpfte wieder im gleichen Umfang anstecken.

In Südafrika ist die Durchseuchungsrate sehr hoch. Ein Grossteil der Bevölkerung hatte bereits Kontakt mit dem Virus oder ist geimpft. Das legt den Schluss nahe, dass sich bis anhin vor allem Menschen mit Antikörpern angesteckt haben. Dementsprechend sagen die milden Verläufe nur bedingt etwas über Omikron selbst aus, sondern eher, dass die Impfung nach wie vor schwere Verläufe verhindert.

Konsequenterweise hiesse das jedoch auch, dass die Übertragungsrate nur deswegen dreimal so hoch ist wie bei Delta, weil Omikron eben wieder alle ansteckt. «Mit Delta stecken sich weniger Menschen an, weil geimpfte Personen davor nach wie vor recht gut geschützt sind», sagt auch der Schweizer Infektiologe Richard Neher.

Wie schlimm wird es?

Dieser Infektionsschutz liesse sich theoretisch wiederherstellen. Eine erste Studie der Universität Innsbruck zeigt, dass der Booster den Infektionsschutz von nahezu null wieder auf gut 50 Prozent anhebt. Das Problem hierbei: Omikron ist uns um Längen voraus. Die Schweiz ist Schlusslicht bei den Booster-Impfungen in Westeuropa. In den wenigen Wochen, die uns bis zur totalen Übernahme von Omikron bleiben, wird sich die Booster-Quote nicht substanziell verändern.

Das heisst: Die Schweiz – aber auch viele andere Länder in Europa – steuert in eine potenziell riesige Welle mit ungeahnten Folgen.

Die einzige Frage, die sich deswegen momentan wirklich stellt, ist: Wie schlimm wird es?

Die Genfer Virologin Isabella Eckerle spielte auf Twitter mit dem Gedanken, dass in den nächsten Monaten fast alle, ob geimpft oder ungeimpft, mit Omikron in Kontakt kommen könnten.

Das würde zu Infektionszahlen führen, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellen. Geht man zudem noch davon aus, dass die milden Verläufe bis jetzt vor allem den Infektionen von Menschen mit Antikörpern geschuldet sind, wäre das ein potenziell katastrophaler Cocktail. Dieses Szenario würde allerdings auch bedeuten, dass im Anschluss fast die ganze Bevölkerung Antikörper besitzt – das Virus würde endemisch, sofern nicht wieder eine neue Variante auftaucht.

Gegen diese Theorie sprechen Beobachtungen von Pieter Streicher, einem Covid-Analysten der Universität Johannesburg. Laut seinen Berechnungen müsste die Omikron-Welle in Südafrika in den nächsten Tagen ihren Peak erreichen und somit maximal ein Viertel der Bevölkerung betroffen haben. Das decke sich mit Beobachtungen aus früheren Wellen, mit anderen Varianten. Nie sei es in einem Land zu mehr als 30 Prozent Infizierten gekommen, selbst wenn nur milde Massnahmen herrschten.

So oder so: Die Omikron-Variante trifft die Schweiz im schlimmstmöglichen Zeitpunkt. Die aktuelle Welle befindet sich gerade auf ihrem Höhepunkt, das Gesundheitssystem ist am Anschlag, die Booster-Impfung kommt zu spät.

Selbst wenn die Omikron-Variante für mildere Verläufe sorgt, so würde die schiere Masse an zusätzlichen Neuinfektionen das Gesundheitssystem weiter an den Rand des Kollapses bringen.

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223 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Il piccone
14.12.2021 07:08registriert August 2021
Das reichste Land der Welt, mit der grössten Dichte an führenden Pharmafirmen und wir schaffen es nicht auch nur annähernd so gut zu sequenzieren wie Südafrika? Alle zwei wochen ein update?
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snowflake_
14.12.2021 06:42registriert September 2019
Mit dem letzten Satz bin ich nicht einverstanden. Das Gesundheitssystem ist bereits am Rand des Kollapses, wenn zig Operationen verschoben werden müssen, stille Triage stattfindet und IPS-Pflegekräfte auch an ihren „freien“ Tagen 12h-Schichten schultern müssen.
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Fairness
14.12.2021 06:27registriert Dezember 2018
Dass Impfzentren vermutlich im Herbst wegen der sechs Mal ansteckenderen Delta-Variante nochmals gebraucht werden, war absolut voraussehbar. Andere Länder boostern seit dem Sommer und zeigen sogar vor wie es geht. Aber die Schweiz meint mal wieder, sie sei ein Sonderfall und Delta ziehe links und rechts an uns vorbei oder was? Gerade lernfähig scheinen weder die Bundesregierung noch die Kantonsregierungen oder das BAG zu sein. Exponentiell ist für viele Verantwortliche immer noch nur ein Fremdwort. Und nun Omikron obendrauf. Wie blöd muss man sein? Das wird der Wirtschaft auch nicht nützen.
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