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epa09264772 Annalena Baerbock, co-head of the German Greens Party, speaks at the Greens Party virtual federal party congress shortly after delegates confirmed Baerbock as the party's candidate for chancellor, in Berlin, Germany, 12 June 2021. The Greens, who were in first place in polls only weeks ago, have seen their poll ratings dip, in part due to fumbles of their own doing. Germany is to hold federal elections in September 2021.  EPA/SEAN GALLUP / POOL

Annalena Baerbock am Parteitag der Grünen. Bild: keystone

Analyse

Grüne Kanzlerkandidatin Baerbock: Sie will kämpfen

Annalena Baerbock ist in den vergangenen Wochen in die Defensive geraten. Auf dem Parteitag hält sie eine Rede, die ahnen lässt: Aufgegeben hat sie längst nicht.

Katharina Schuler / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Der digitale Parteitag der Grünen verläuft fast zu perfekt, um wahr zu sein. Hatten sich die ersten derartigen Parteitage wegen zahlreicher Technikprobleme immer länger hingezogen als erwartet, geht diesmal alles ein bisschen schneller. Doch ausgerechnet in dem Moment, der doch der Höhepunkt der dreitägigen Veranstaltung sein soll, läuft dann doch nicht alles ganz rund.

Die beiden grünen Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck stehen auf der runden Bühne in einem ehemaligen Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg. Gerade haben die digital zugeschalteten Delegierten sie mit 98.5 Prozent zum Spitzenduo für diese Bundestagswahl gewählt – mit Baerbock als Kanzlerkandidatin. Wählen konnte man nur beide gemeinsam.

Ob das nun «dem sehr, sehr modernen Führungsstil» geschuldet war, den Bundesgeschäftsführer Michael Kellner für dieses Verfahren als Grund nannte, oder doch eher der Tatsache, dass man verhindern wollte, dass Baerbock möglicherweise schlechter abschneiden könne als ihr Co-Vorsitzender: Gemeinsam toppen sie damit jedenfalls sogar die 97.1 Prozent, die Baerbock vor zwei Jahren als Parteivorsitzende bekommen hatte.

Doch nun ist das Mikrofon nicht an, gegen die laute Musik in der Halle haben die beiden keine Chance. Mehrmals setzt Baerbock an, Habeck gibt verzweifelte Winkzeichen in Richtung Parteitagsregie. Dann haben sie endlich Ton und können den Dank für ihre Wahl loswerden.

Zurück auf Platz zwei und drei

Es ist die Art von Panne, mit der die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin gut leben können. Für die Fehler und Probleme, mit denen sie sich in den vergangenen Wochen auseinandersetzen mussten, gilt das eher nicht. An die perfekt inszenierte Nominierung von Baerbock im April hatte sich eine nicht abreissen wollende Serie von kleineren und grösseren Patzern angeschlossen. Da waren Baerbocks zu spät gemeldete Nebeneinkünfte, da waren die mittlerweile zahlreichen Korrekturen an ihrem Lebenslauf. Jeder einzelne Fehler wog nicht besonders schwer und doch haben sie dazu geführt, dass Baerbock, die mit so viel Schwung in ihre Kandidatur gestartet war, zuletzt in die Defensive geraten war.

In den Umfragen fielen die Grünen nach einem kurzen Höhenflug wieder auf den zweiten Platz zurück, und auch Baerbock selbst liegt im Vergleich zu ihren Konkurrenten um die Kanzlerkandidatur, Olaf Scholz und Robert Habeck, nur noch an der dritten Stelle.

Der Parteitag, auf dem die Grünen an diesem Wochenende ihr Wahlprogramm beschliessen, soll der Kampagne nun neuen Schwung geben. Aufgebaut hat die Parteitagsregie dafür eine Wohlfühlatmosphäre. In einer Moderationsecke sitzen die Vorsitzenden, während sie auf ihr Ergebnis warten, zwischen echten Blumen auf hellen Holzbänken. Sommer, Sonne, gute Laune – das ist das Feeling, das hier vermittelt werden soll. Und um die Krönungsmesse nicht allzu blutleer werden zu lassen, hat man auch 100 Neumitglieder eingeladen, die unter strengen Corona-Auflagen leibhaftig in der Halle sitzen dürfen und für ein bisschen echten Jubel auf dieser digitalen Veranstaltung sorgen sollen.

Kein Blatt zwischen den Vorsitzenden

Entscheidender als die schönen Bilder sind aber natürlich die Reden, die hier gehalten werden. Und das gilt vor allem für die von Baerbock. Kann sie es trotz ihres angeschlagenen Zustands schaffen, der Partei neue Siegesgewissheit zu vermitteln? Glaubhaft zu machen, dass der Kampf um das Kanzleramt, den die Grünen in diesem Wahlkampf erstmals in ihrer Geschichte aufnehmen, noch nicht verloren ist?

Germany's Green Party co-chairwoman Annalena Baerbock, right, smiles after beeing nominated as the party's chancellor candidate during a party convention of the Green Party in Berlin, Germany, Saturday, June 12, 2021. At left is Robert Habeck, co-chairman of the German Green Party. (AP Photo/Michael Sohn, pool)

Habeck und Baerbock am Grünen-Parteitag. Bild: keystone

Als Baerbock nach der Wahl auf die Bühne tritt, spricht sie die missliche Situation, in der sie sich befindet, direkt an. «Vielen Dank für den Rückenwind nach dem Gegenwind der vergangenen Wochen, in denen vor allem ich Fehler gemacht habe», sagt sie. Und wendet sich dann – mit leicht brüchiger Stimme – ihrem Co-Vorsitzenden zu. «Robert, dich an meiner Seite zu wissen, das hat Kraft gegeben und volle Power.»

In den vergangenen Tagen hatte Baerbock sich von Journalisten fragen lassen müssen, ob es angesichts ihrer Patzer nicht besser sei, die Kanzlerkandidatur doch noch an Robert Habeck abzugeben. Auf diesem Parteitag versuchen dagegen beide klarzumachen: Zwischen sie passt kein Blatt. «Kameradschaft und Solidarität» bewiesen sich nicht dann, wenn die Sonne scheine, sondern «wenn der Wind von hinten kommt und jemand im Regen steht», hatte Habeck seinerseits bereits am Vortag versichert. «Mit Gelassenheit und Stärke durch dick und dünn» – das werde auch künftig das gemeinsame Motto sein.

Gleichwohl hatte es Habeck seiner Co-Vorsitzenden mit seiner Rede nicht unbedingt einfach gemacht. Eine halbe Stunde lang sprach er komplett frei und dennoch sehr konzentriert. Er verteidigte die Grünen gegen das Etikett der Verbotspartei. Beim Klimaschutz gehe es nicht um eine Politik der Gängelung, sondern darum, Freiheit überhaupt erst zu ermöglichen. Es war eine intellektuelle Rede, mit der er die Latte für seine Co-Vorsitzende hoch gelegt hatte.

Doch Baerbock zeigt, dass sie den Vergleich mit Habeck nicht scheuen muss. Ja, dass es vielleicht sogar wirklich Gründe gibt, warum Baerbock die bessere Kanzlerkandidatin ist. Denn wenn Habeck eine Rede für den Kopf gehalten hat, dann trifft Baerbock eben auch das Herz. Sie hebt weniger ab als er, baut dafür aber viele konkrete Alltagsbeispiele ein und ist zudem auch noch ziemlich bissig.

Anfangs wirkt sie noch etwas verunsichert und floskelt viel herum. Vom neuen Aufbruch ist da die Rede, vom neuen Halt und von der Zuversicht des Handelns. Doch mit der Zeit fängt sie sich und wirkt nun angriffslustiger: «Wir wollen die Politik beenden, die ganz allgemein auf Veränderung setzt, aber im Konkreten dann immer wieder dagegen ist», sagt sie. Die Union wird sich angesprochen fühlen dürfen. Ganz nebenbei teilt sie auch gegen die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft aus, die in diesen Tagen Anzeigen schaltet, auf denen Baerbock als eine Art Moses mit steinernen Tafeln zu sehen ist, auf denen die angeblichen zehn Verbote der Grünen zu lesen sind. «Eine neue soziale Marktwirtschaft ist eine sozial-ökologische Marktwirtschaft», sagt sie und bekommt dafür viel Beifall.

Auch gegen den Vorwurf, grüne Politik sei sozial ungerecht, setzt sie sich mit einem konkreten Beispiel zur Wehr: Ein Spitzenmanager, beklagt sie, bekomme für seinen teuren und umweltfeindlichen Dienstwagen über die Steuer eine viel höhere Fördersumme als etwa eine Hebamme mit einem kleinen Auto, das sie dienstlich nutzt. Das sei nicht nur unökologisch, sondern sozial ungerecht, aber bisher politisch so gewollt. «Und genau das will ich ändern», sagt Baerbock unter lautem Beifall.

Vermisst jemand FCKW?

Und sie setzt noch einen drauf: Dass ausgerechnet die Parteien, die «beim Wort 'Verbot' hysterisch» würden, kein Problem hätten, die Windenergie auszubremsen, zeige doch, dass es in Wahrheit nicht um den freien Markt gehe, sondern um die Interessen aus der fossilen Welt. Und was Verbote angeht: Vermisst heute jemand das FCKW in seinem Kühlschrank? Wohl kaum. Ähnlich werde es auch mit Ölheizungen und Autos mit Verbrennermotoren sein, prophezeit Baerbock.

Sehr persönlich wird sie, als sie von ihrer Mutter erzählt. Diese habe als Kind ihre Schwester bei einem Verkehrsunfall verloren. Als sie danach in der Schule keine guten Leistungen zeigte, wurde sie von der Lehrerin als «lernschwach» abgestempelt. Nur weil viele Menschen sie ermutigt hätten, habe sie später dennoch ein Studium geschafft. Für Baerbock ist es ein Beispiel dafür, dass jedes Kind eine Chance verdient hat.

Je länger man ihr zuhört, desto mehr entsteht der Eindruck: Wenn Baerbock im Wahlkampf öfter so auftritt – emotional, kämpferisch und gleichzeitig praxisnah – müssen die Grünen ihre Ambitionen auf das Kanzleramt vielleicht noch nicht ganz verloren geben.

Ganz ohne Pannen geht es nicht

Die Partei ihrerseits zeigt sich auf diesem Parteitag weniger von ihrer aufmüpfigen als von ihrer disziplinierten Seite. Zwar gibt es jede Menge Anträge, die das Parteiprogramm gern in die eine oder die andere Richtung verschärfen wollen. Die einen wollen vor allem härtere Klimaschutzregeln, die anderen eine umfassendere Sozialpolitik. Doch bis zum Samstagnachmittag jedenfalls scheitern Forderungen nach einem höheren CO2-Preis oder einem schärferen Tempolimit genau wie die nach einer sofortigen Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um 200 Euro oder einem Mindestlohn von 13 Euro (statt der 12, die der Bundesvorstand in seinem Antrag fordert). Die Mehrheit der Delegierten scheint bemüht, dem politischen Gegner nicht unnötig weitere Angriffsfläche zu bieten. Geschlossenheit ist das Gebot der Stunde.

Baerbock ihrerseits hat schon vor dem Parteitag versprochen, dass es zumindest bezüglich ihres Lebenslaufs keine weiteren Korrekturen mehr geben werde. Habeck hat es in seiner Parteitagsrede allgemeiner formuliert: «Wir werden die Fehler abstellen.»

Dass die beiden Grünenvorsitzenden es allerdings auch künftig nicht in der Hand haben werden, welche Diskussionen den Wahlkampf bestimmen, zeigt sich auf dem Parteitag ebenfalls.

Am Vortag hatte die Publizistin Carolin Emcke auf dem Grünenparteitag eine Gastrede gehalten. Emcke hatte dort über die demokratiegefährdende Wirkung von Hass und Hetze gesprochen. So wie bisher «die Juden und Kosmopoliten» sowie «die Feministinnen oder die Virologen» zur Angriffsfläche von Verschwörungstheoretikern geworden seien, könnten es künftig Klimaforscher sein, sagte sie dort sinngemäss. Die Zeitungen Welt und Bild machten daraus umgehend den Vorwurf, Emcke setze das Leid von verfolgten und ermordeten Juden mit Angriffen auf Klimaforscher gleich.

Eine völlig überzogene und abwegige Interpretation, die jedoch umgehend zu einem Shitstorm auf Twitter führte, auf dem auch die Grünen als einladende Partei massiv angegriffen wurden. Auf ihrem Parteitag dürfe man das Leid von Juden verharmlosen, lautete die Kritik. Politiker der Union wie Bundesagrarministerin Julia Klöckner und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak stiegen umgehend darauf ein und forderten von den Grünen eine Erklärung. Dass dieser Wahlkampf künftig in rationaleren Bahnen verlaufen könnte, damit scheint kaum zu rechnen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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