Grossbritannien
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Hunderttausende Briten demonstrieren für zweites Brexit-Referendum

Es war einer der grössten Protestzüge in London seit vielen Jahren.



Mehr als eine halbe Million Menschen haben am Samstag in der britischen Hauptstadt gegen den Brexit demonstriert. Sie forderten eine zweite Abstimmung zum EU-Austritt.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan, ein Labour-Politiker, sprach von einem «historischen Moment» der Demokratie. Aufgerufen zu dem Marsch hatte die Kampagne «People's Vote», die ein zweites Referendum zum EU-Austritt durchsetzen will. Nach ihrem Willen sollen die Briten das Recht bekommen, über ein finales Abkommen abzustimmen.

Der Protestzug führte durch das Zentrum Londons bis zum Parlament. Die Veranstalter hatten rund 100'000 Teilnehmer erwartet, die Zahl wurde aber weit übertroffen. Offizielle Behördenzahlen gab es zunächst nicht. Es könnte sich Medienberichten zufolge um die grösste Demonstration seit 15 Jahren in der Hauptstadt handeln.

epa07106831 Demonstrators with banners during the People's Vote March for the Future in London, Britain, 20 October 2018. Reports state that the 'March for the Future' is to be led by a column of young people and call for a People’s Vote on the Brexit deal. After marching through central London, there will be a rally on stage in Parliament Square, including speeches from Mayor of London Sadiq Khan.  EPA/VICKIE FLORES

Bild: EPA/EPA

Aus Wales, Südengland und selbst von den über 1000 Kilometer entfernten Orkney-Inseln vor der Nordküste Schottlands kamen Menschen nach London, um ihren Ärger Luft zu machen. Familien mit Kindern beteiligten sich ebenso wie EU-freundliche Abgeordnete der regierenden Konservativen.

Die politisch angeschlagene Premierministerin Theresa May hatte allerdings schon zuvor klar gemacht: Ein zweites Referendum soll es nach ihrem Willen nicht geben.

«Alles Banane! Total verrückt!»

«Das ist doch alles Banane! Total verrückt!», schimpfte Jacki Hughes aus Lancaster im Nordwesten Englands über den geplanten Brexit im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Und ihr Freund Anthony Brown ergänzte: «Wir wollen in der EU bleiben. Ich möchte kein Visum beantragen müssen, wenn ich zum Beispiel Deutschland besuche.»

Ein anderer Brite hielt ein Schild in die Luft mit der Aufschrift: «Papa war hier». Warum? «Ich kämpfe hier auch für mein Kind und meine Frau, die Italienerin ist.» Der Brexit sei ausserdem wirtschaftlicher Unsinn, sagte er.

Beim Referendum 2016 sei der EU-Austritt als «einfachster Deal in der Geschichte» verkauft worden, so «People's Vote», ein Zusammenschluss mehrerer Gruppierungen. Inzwischen wisse man aber, welche Kosten der Brexit verursache und welchen Schaden er den Arbeitnehmerrechten zufüge. Kritik wurde auch an der Abwanderung von ausländischen Ärzten und Pflegepersonal sowie am schwächelnden Pfund geübt.

Ein 69-jähriger Demonstrant aus dem Südwesten sagte: «Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich politisch engagiere.» Auch Prominente aus dem Kulturbereich wie Schauspieler Andy Serkis («Der Herr der Ringe») tauchten in der Menge auf.

epa07107213 Tens of thousands of demonstrators gather in Parliament Square during the People's Vote March for the Future in London, Britain, 20 October 2018. Reports state that the 'March for the Future' is to be led by a column of young people and call for a People’s Vote on the Brexit deal. After marching through central London, there will be a rally on stage in Parliament Square, including speeches from Mayor of London Sadiq Khan.  EPA/VICKIE FLORES

Bild: EPA/EPA

An dem Protestzug bei schönstem Wetter nahmen auch zahlreiche Studenten teil, von denen sich viele wegen ihres Alters noch nicht an dem Brexit-Referendum 2016 beteiligen durften. Damals hatte eine knappe Mehrheit (52 Prozent) der Briten für den Austritt gestimmt. Grossbritannien will Ende März 2019 die EU verlassen.

Verhandlungen in der Sackgasse

Die Verhandlungen mit Brüssel stecken in einer Sackgasse. May steht deshalb unter einem enormen Druck, auch in ihrer eigenen Partei weht ihr ein scharfer Wind entgegen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich London ohne Abkommen von der EU trennt. Dies würde Folgen für alle Lebensbereiche haben und voraussichtlich zu wirtschaftlichen Einbussen führen. Viele Unternehmen treffen bereits Vorkehrungen.

Die Brexit-Verhandlungen stocken vor allem wegen der Irland-Frage. London und Brüssel wollen zwar Kontrollen und Schlagbäume an der derzeit nahezu unsichtbaren Grenze zwischen dem EU-Staat Irland und dem britischen Nordirland vermeiden, damit in der fragilen Ex-Bürgerkriegsregion nicht wieder Unruhen aufflammen. Sie konnten sich aber bislang nicht auf eine praktikable Lösung einigen.

Um Zeit für eine dauerhafte Regelung zu gewinnen, brachte die EU nun die Verlängerung der geplanten Übergangsphase nach dem EU-Austritt ins Gespräch. Statt bis Ende 2020 könnte sie ein Jahr länger dauern.

Umfrage

Braucht es eine zweite Brexit-Abstimmung?

788

  • Ja82%
  • Nein11%
  • Weiss nicht6%

(dsc/sda/dpa)

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Unicron 21.10.2018 22:59
    Highlight Highlight Solch wichtige Dinge sollten nicht mit einfacher Mehrheit entschieden werden können. Dafür sollte es die absolute Mehrheit von zwei dritteln brauchen.

    Das selbe damals bei der MEI, man kann nicht vom "Volkswillen" sprechen wenn man ein paar wenige Stimmen mehr hat, das ist ein Zufallsresultat.
  • Hecate 21.10.2018 14:43
    Highlight Highlight Aber nicht doch!!! Eine halbe Million?! Wieso und wozu?! Ich meine, hat es der nächste PM - König Britanniens, Boris der Weise, nicht ganz klar erklärt: Lässt mich Teresa stürzen und wählt mich als euren neuen Kapitän, und das ruhmreiche Schiff Britannia werde ich in die glorreiche Zukunft ohne EU steueren! Dort wo Milch und Honig fliessen, und wo ich die NHS (und alles andere) komplett zerstören werde, denn unter meiner Führung wird es keine Krankheiten in Britannien mehr geben! Mir nach, Briten, den meine Lügen sind noch süsser als die von Nigel... Make Brexit Glaubwürdig Again!
  • salamandre 21.10.2018 09:52
    Highlight Highlight wenn Europa noch einmal 70 Jahre frieden will und Wirtschaftlich einigermaßen weiter, wird es gut daran tun das gemeinsam zu machen. Italien oder Ungarn dürfen mich gerne mit ihrem geplanten Egotrips vom Gegenteil überzeugen
    • Kubod 21.10.2018 16:57
      Highlight Highlight Es wird immer wieder fälschlicherweise behauptet, die EU habe den Frieden der letzten 70 Jahre geschaffen.
      Blödsinn.
      Die europäischen Völker hatten nach zwei grausamen Fleischwolfweltkriegen die Schnauze eh voll davon.
      Was an Aggression noch vorhanden war, wurde durch den Kalten Krieg kanalisiert.
      Das Gleichgewicht des Schreckens zwischen USA/NATO und Russland/Warschauer Pakt hat den Frieden erhalten. Man wusste, der nächste Weltkrieg wird atomar und verheerend. Die EU Politiker sonnen sich gerne unter diesem Licht.
  • Rim 21.10.2018 09:50
    Highlight Highlight Bin gespannt, ob in GB funktioniert, was man in der Schweiz so gerne als Demokratie verkauft: Unter Vorspiegelung falscher Versprechungen (Lügen= Rattenfängerei) geht das Volk an die Urne. Nach den Verhandlungen (konkrete Ergebnisse/Konsequenzen) darf sich das Volk nicht mehr äussern. Der Moor hat seine Pflicht getan (den Lügen geglaubt) der Moor soll schweigen. Das ist nicht Demokratie. Das ist die Perversion der Demokratie.
  • Juliet Bravo 21.10.2018 01:33
    Highlight Highlight Es gibt auch 5 (!) Monate vor dem Brexit immer noch keine Einigung. Rein gar nichts konkretes.
    Die Katze im Sack würde auch das Schweizer Stimmvolk nie und nimmer einfach so hinnehmen. Inakzeptabel in einem Land, wo wir mehrmals jährlich über ganz exakt ausformulierte Gesetzestexte abstimmen. Oder?
    • Mietzekatze 21.10.2018 10:04
      Highlight Highlight Exakt ausformuliert?!?😂😂 klar... ich sage nur MEI, DSI...
    • Juliet Bravo 21.10.2018 19:03
      Highlight Highlight Ups in dem Fall hast du natürlich Recht!😅
      Hier wäre es aber ein Referendum zu einem konkreten Brexit.
  • Crecas 21.10.2018 00:24
    Highlight Highlight Das Problem ist, dass die Brexit Befürworter damals mit falschen Versprechungen gelockt haben (man denke nur schon an Farage‘s NHS Versprechung) und mittlerweile offensichtlich ist, dass diese alle nicht erfüllt werden. Das Volk wurde also getäuscht. Mittlerweile würde die Realität aber eine viel bessere Entscheidungsgrundlage bieten und eine fairere Abstimmung wäre möglich. Wie sie ausgehen würde, ist nicht klar (ich wette aber auf eine Umkehrung des Entscheids).
  • Kubod 20.10.2018 21:53
    Highlight Highlight 500'000 demonstrieren pro EU und 17,4 Millionen pro Brexit bleiben ruhig zuhause.
    • Juliet Bravo 21.10.2018 01:26
      Highlight Highlight Aktuelle Zahlen des Eurobarometers in GB zeigen gerade noch 35% pro Brexit. Dann sollen die halt auch mal auf die Strasse demonstrieren!
    • Juliet Bravo 21.10.2018 02:09
      Highlight Highlight Ich meine nur: gerade wir(!) hier in der Schweiz sollten doch verstehen, dass man nicht die Katze in Sack kauft. Und dass viele verunsichert sind. Was denn nun - ein weicher Brexit (Chequers Plan von Mays wankender derzeitigen Regierung) oder ein harter Brexit, womöglich ohne Abkommen?

      Es geht um etwas wichtiges in GB. Auch weil zB Schottland oder Nordirland gegen den Brexit gestimmt haben.

      Da über den Gesetzestext (wie wir es machen) abstimmen zu wollen, ist doch nicht unbegründet, oder?
    • Hecate 21.10.2018 14:53
      Highlight Highlight Wahrscheinlich weil nach 2 Jahren Tories im Parliament niemand mehr Geld für Transportmittel-billete haben... (Es wurde für Fuchsjagd-Austattung für die Lords ausgegeben) Und auch kaum Hoffnung. Die meiste potentielle Demonstranten warten aber schon seit Wochen darauf, dass ein Pfleger endlich auftaucht und sie von Spitalboden in die Emergency trägt. Keine Zeit für Demos, man muss eben Prioritäten setzen. Aber der rechte Traum von Brexit-liebenden, von Glück berauschten Millionen von Briten darf man selbstverständlich weiterträumen, warum auch nicht?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hänsel die Gretel 20.10.2018 17:45
    Highlight Highlight Sorry aber der Zug ist abgefahren. Der Brexit ist und bleibt besiegelt und das ist auch gut so.
    • Amboss 21.10.2018 10:17
      Highlight Highlight Der Brexit wird nicht kommen. GB wird auch in fünf Jahren noch Vollmitglied der EU sein.

      Je näher man an die Deadline kommt, desto mehr wird allen bewusst, was für falsches Zeugs die Brexit-Befürworter damals erzählt haben und was für konkrete Folgen ein Brexit hat. Der Brexit wird schlicht und einfach nicht stattfinden.
  • Sanchez 20.10.2018 17:42
    Highlight Highlight Ein historischer Moment der Demokratie also? Das meint also Herr Sadik Khan.
    Ein Volk stimmt ab. Es wurde gewählt.
    Nun soll also so oft abgestimmt werden, bis es dem Herrn genehm ist?
    Das hat mit Demokratie dann aber wenig zu tun..
    • Oh Dae-su 20.10.2018 22:31
      Highlight Highlight Das hat eigentlich sogar ziemlich viel mit einer Demokratie zu tun. Wenn ein Volksentscheid von der Bevölkerung wirklich getragen wird, dann übersteht er auch mehrere Abstimmungen problemlos. War es aber eher ein "Zufallsergebis" oder ein Entscheid gestützt auf falschen oder ungenügenden Informationen, dann sollte der auch in einer zweiten Abstimmung rückgängig gemacht werden können.
    • Majoras Maske 20.10.2018 23:53
      Highlight Highlight Und wenn Irren menschlich ist, dann kann sich auch mal ein Volk irren.
    • Pafeld 21.10.2018 00:57
      Highlight Highlight Der Brexit, wie er 2016 versprochen wurde, ist bereits gescheitert. Von da her ist eine zweite Abstimmung mehr als nur angebracht. Denn über das, was noch umgesetzt werden kann, wurde so nie abgestimmt.
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