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Biels Damien Riat, links, gegen Davos' Lukas Stoop, rechts, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem HC Davos am Dienstag, 24. September 2019, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Thomas Hodel)

Biels Damien Riat (links) im Spiel gegen den HC Davos. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Die Meisterfrage: Wie gut sind Biels «September-Russen» im Frühjahr?

Der EHC Biel hat bisher als einziges Spitzenteam die Erwartungen erfüllt und führt die Tabelle an. Das Spektakel der wahrscheinlich spielstärksten Mannschaft ist bemerkenswert.



Am Ende verdankt Biel den Sieg über den HCD (2:1) Torhüter Jonas Hiller (37). Aber eigentlich hätte schon bei «Halbzeit» alles klar sein müssen. Aber das 1:0 fällt erst in der 37. Minute.

Biel wie es stürmt, singt und lacht. Die Bieler haben schon letzte Saison an einem guten Abend das schnellste Spiel der Liga zelebriert. Nun tun sie es wieder. Der sensible Künstler Luca Cunti und der Offensiv-Verteidiger Yannick Rathgeb sind echte «Spielbeschleuniger». Wieder zwei Transfers von Sportchef Martin Steinegger, die funktionieren.

Biels Luca Cunti, links, und Fribourgs Killian Mottet, rechts, kaempfen um den Puck, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den HC Fribourg Gotteron, am Freitag, 13. September 2019, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Luca Cunti zaubert mit dem Puck. Bild: KEYSTONE

Die Bieler neigen mit schnellen, oft riskanten Kombinationen zur spielerischen Übertreibung – ganz wie einst die Russen, als sie noch Sowjets hiessen und ihr Nationalmannschaft selbst von den Nordamerikanern als «Big Red Machine» («Grosse, rote Maschine») bewundert worden ist.

So wie sie gegen Davos kombinierten, beschleunigten und stürmten sind die Bieler die «Russen des Septembers».

Wenn das Spektakel zügig vors gegnerische Tor verlagert wird, fällt die Defensiv-Arbeit leichter. Biel hat bisher am wenigsten Gegentreffer kassiert – eine erstaunliche Statistik einer Mannschaft, die wagemutig vorwärts spielt und sich eigentlich gemessen am Talent zu viele Scheibenverluste in der Vorwärtsbewegung leistet.

Bei den echten Russen (Sowjets) waren Kombinationsspiel, Schnelligkeit und Präzision das Resultat ewigen Trainings. Ewiger Schleiferei. Aber nie oder höchst selten das Resultat von spontanen spielerischen Kompositionen und Improvisationen. Bourgeoiser Individualismus war damals im Sozialismus auf und neben dem Eis sowieso verpönt.

Die Bieler hingegen improvisieren und komponieren oft spontan. Sie spielen kreativ, nicht systematisch und sind in diesem Sinne die Gegenthese zu «Schablonen-Karis» SC Bern. Das ist gut für die Unterhaltung. Aber das macht ihr zerbrechlicher als jenes des mehrfach meisterlichen Rivalen aus der Bundesstadt.

«Gut spielen ist nur möglich, wenn man sich wohl fühlt.»

Bemerkenswert auch: die Autorität von Trainer Antti Törmänen, die sich bisher in seinen dritten Amtsjahr stets aufgelöst hat wie ein Stück Würfelzucker im Morgenkaffee und ihn in Bern nicht einmal als Titelverteidiger im Amt zu halten vermochte, ist nach wie vor intakt wie am ersten Tag.

Ganz offensichtlich sind die Bieler ein pflegeleichtes Team. Eines, wie geschaffen für den finnischen Nonkonformisten, der ein wenig an Alpo Suhonen mahnt. Das sieht auch Mathieu Tschantré (35) so, seit zwölf Jahren (!) Captain und für die Pflege des Innenlebens dieser Mannschaft zuständig. «Ich denke schon, dass wir leicht zu führen sind. Wir befolgen die Anweisungen des Coaches.»

Spieler blühen in Biel wieder auf, die anderorts als schwierig galten. Damien Brunner hat hier seine Spielfreude wiedergefunden. Luca Cunti ist auf dem Weg dazu. Marc-Antoine Pouliot auch. Yannick Rathgeb kann nach seiner Heimkehr aus Nordamerika in Biel der beste Offensiv-Verteidiger mit Schweizer Pass werden. Er hat schon zwei Tore erzielt.

«Gut spielen ist nur möglich, wenn man sich wohl fühlt» sagt Mathieu Tschantré. «Wir achten darauf, dass sich alle wohl fühlen. Das war bei uns eigentlich schon immer so und gehört zu unserem Klub. Spieler, die neu zu uns kommen, sagen mir immer wieder, dass es in Biel anders ist. Wir haben eine flache Hierarchie und jeder bekommt die Freiräume, um sich zu entfalten.»

Biels Mathieu Tschantre im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem Geneve Servette HC, am Freitag, 21. September 2018, in der Tissot Arena in Biel. (PPR/Peter Schneider)

Mathieu Tschantré stuft sich und sein Team als pflegeleicht ein. Bild: PPR

Die entscheidende Frage im Titelkampf zeichnet sich also bereits ab: wie gut werden Biels «September-Russen» im Frühjahr sein? Das ist die Meisterfrage.

Letzte Saison scheiterten die Bieler ganz, ganz, ganz knapp. Der 6. April 2019 ist für die Bieler Hockeykultur ein Datum mit ähnlicher Dramatik wie der 16. Juli 1950 für Brasiliens Fussball. Die Brasilianer verloren damals im eigenen Land mit einer 1:2-Niederlage gegen Uruguay den sicher geglaubten WM-Titel.

Die Bieler verloren am 6. April 2019 gegen den SC Bern 0:1 (bei 38:19 Torschüssen) und vergaben so den sicher geglaubten Finaleinzug – und mit grösser Wahrscheinlichkeit auch grad den Titel. Mit Zug wären die Bieler fertig geworden.

Die Highlights des Spiels gegen Davos

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Video: YouTube/MySports

Dieses 2:1 (0:0. 1:0, 1:1) gegen den HC Davos liess am vergangenen Dienstag die der Bieler Hockeykultur innewohnende Dramatik erahnen. Das Spiel war mitreissend, der Sieg gemessen an den Torchancen verdient, das Resultat also im Rückblick, jetzt, wo wir wissen, wie das Spiel ausgegangen ist, hockeytechnisch logisch.

Aber die Dämonen des 6. April 2019, die Dämonen des dramatischen Scheiterns sind noch immer im Hockey-Tempel. Wenig, sehr wenig hat den Davosern beim verzweifelten Schlussspurt zum Ausgleich gefehlt. Gut für die Bieler, dass Jonas Hiller im Herbst 2019 so gut ist wie nie seit der Rückkehr aus Nordamerika. Irgendwann kommt die Frage, ob er nicht doch vom angekündigten Rücktritt per Saisonende zurücktreten wird. An der fehlenden Effizienz im Abschluss sind manchmal auch die Russen gescheitert, als sie noch Sowjets hiessen.

ARCHIVBILD ZUM WECHSEL VON DAMIEN BRUNNER VON LUGANO ZU BIEL --- Lugano’s player Damien Brunner in action during the preliminary round game of National League Swiss Championship between HC Lugano and HC Fribourg-Gotteron, at the ice stadium Resega in Lugano, Switzerland, on Saturday, December 16, 2017. (KEYSTONE/Ti-Press/Davide Agosta)

Der starke Stürmer Damien Brunner ist wegen einer Verletzung spielunfähig. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Was fehlt diesem Biel, diesen «September-Russen», um im nächsten Frühjahr ein Titelkandidat zu sein? Ein neutraler Beobachter, der dem Spiel gegen Davos beiwohnte, kennt die Antwort: ein Sniper! Am besten einer mit Schweizer Pass. Also ein kaltblütiger, abschlussstarker Schweizer Stürmer.

Ein Blick aufs Matchblatt zeigt: Damien Brunner (32) hat ja gegen den HCD gar nicht gespielt! Erst im November wird er zurückkehren (Handverletzung).

Die Bieler bekommen also ihren Sniper noch. In seiner besten Saison in Zug (2012/13) hat Damien Brunner in 33 Partien 25 Tore erzielt.

Sage mir, wie Damien Brunner im März und April 2020 in Form ist und ich sage Dir, ob die «September-Russen» Meister werden können.

Halt, da ist noch etwas! Auch Peter Schneider (28) gilt ja als kaltblütiger Vollstrecker. Immerhin hat er letzte Saison in 54 Partien 35 Tore zelebriert. Zwar «nur» in der österreichisch-ungarisch-tschechisch-Italienischen «Erste-Bank-Liga». Was, wenn auch noch dieser «Donau-Owetschkin» mit den hölzernen Füssen und den goldenen Händen trifft? Er wartet nach wie vor auf seinen ersten Treffer für Biel.

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