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Biels Damien Riat (links) im Spiel gegen den HC Davos.
Biels Damien Riat (links) im Spiel gegen den HC Davos. Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Die Meisterfrage: Wie gut sind Biels «September-Russen» im Frühjahr?

Der EHC Biel hat bisher als einziges Spitzenteam die Erwartungen erfüllt und führt die Tabelle an. Das Spektakel der wahrscheinlich spielstärksten Mannschaft ist bemerkenswert.
25.09.2019, 04:4025.09.2019, 14:46

Am Ende verdankt Biel den Sieg über den HCD (2:1) Torhüter Jonas Hiller (37). Aber eigentlich hätte schon bei «Halbzeit» alles klar sein müssen. Aber das 1:0 fällt erst in der 37. Minute.

Biel wie es stürmt, singt und lacht. Die Bieler haben schon letzte Saison an einem guten Abend das schnellste Spiel der Liga zelebriert. Nun tun sie es wieder. Der sensible Künstler Luca Cunti und der Offensiv-Verteidiger Yannick Rathgeb sind echte «Spielbeschleuniger». Wieder zwei Transfers von Sportchef Martin Steinegger, die funktionieren.

Luca Cunti zaubert mit dem Puck.
Luca Cunti zaubert mit dem Puck.Bild: KEYSTONE

Die Bieler neigen mit schnellen, oft riskanten Kombinationen zur spielerischen Übertreibung – ganz wie einst die Russen, als sie noch Sowjets hiessen und ihr Nationalmannschaft selbst von den Nordamerikanern als «Big Red Machine» («Grosse, rote Maschine») bewundert worden ist.

So wie sie gegen Davos kombinierten, beschleunigten und stürmten sind die Bieler die «Russen des Septembers».

Wenn das Spektakel zügig vors gegnerische Tor verlagert wird, fällt die Defensiv-Arbeit leichter. Biel hat bisher am wenigsten Gegentreffer kassiert – eine erstaunliche Statistik einer Mannschaft, die wagemutig vorwärts spielt und sich eigentlich gemessen am Talent zu viele Scheibenverluste in der Vorwärtsbewegung leistet.

Bei den echten Russen (Sowjets) waren Kombinationsspiel, Schnelligkeit und Präzision das Resultat ewigen Trainings. Ewiger Schleiferei. Aber nie oder höchst selten das Resultat von spontanen spielerischen Kompositionen und Improvisationen. Bourgeoiser Individualismus war damals im Sozialismus auf und neben dem Eis sowieso verpönt.

Die Bieler hingegen improvisieren und komponieren oft spontan. Sie spielen kreativ, nicht systematisch und sind in diesem Sinne die Gegenthese zu «Schablonen-Karis» SC Bern. Das ist gut für die Unterhaltung. Aber das macht ihr zerbrechlicher als jenes des mehrfach meisterlichen Rivalen aus der Bundesstadt.

«Gut spielen ist nur möglich, wenn man sich wohl fühlt.»

Bemerkenswert auch: die Autorität von Trainer Antti Törmänen, die sich bisher in seinen dritten Amtsjahr stets aufgelöst hat wie ein Stück Würfelzucker im Morgenkaffee und ihn in Bern nicht einmal als Titelverteidiger im Amt zu halten vermochte, ist nach wie vor intakt wie am ersten Tag.

Ganz offensichtlich sind die Bieler ein pflegeleichtes Team. Eines, wie geschaffen für den finnischen Nonkonformisten, der ein wenig an Alpo Suhonen mahnt. Das sieht auch Mathieu Tschantré (35) so, seit zwölf Jahren (!) Captain und für die Pflege des Innenlebens dieser Mannschaft zuständig. «Ich denke schon, dass wir leicht zu führen sind. Wir befolgen die Anweisungen des Coaches.»

Spieler blühen in Biel wieder auf, die anderorts als schwierig galten. Damien Brunner hat hier seine Spielfreude wiedergefunden. Luca Cunti ist auf dem Weg dazu. Marc-Antoine Pouliot auch. Yannick Rathgeb kann nach seiner Heimkehr aus Nordamerika in Biel der beste Offensiv-Verteidiger mit Schweizer Pass werden. Er hat schon zwei Tore erzielt.

«Gut spielen ist nur möglich, wenn man sich wohl fühlt» sagt Mathieu Tschantré. «Wir achten darauf, dass sich alle wohl fühlen. Das war bei uns eigentlich schon immer so und gehört zu unserem Klub. Spieler, die neu zu uns kommen, sagen mir immer wieder, dass es in Biel anders ist. Wir haben eine flache Hierarchie und jeder bekommt die Freiräume, um sich zu entfalten.»

Mathieu Tschantré stuft sich und sein Team als pflegeleicht ein.
Mathieu Tschantré stuft sich und sein Team als pflegeleicht ein. Bild: PPR

Die entscheidende Frage im Titelkampf zeichnet sich also bereits ab: wie gut werden Biels «September-Russen» im Frühjahr sein? Das ist die Meisterfrage.

Letzte Saison scheiterten die Bieler ganz, ganz, ganz knapp. Der 6. April 2019 ist für die Bieler Hockeykultur ein Datum mit ähnlicher Dramatik wie der 16. Juli 1950 für Brasiliens Fussball. Die Brasilianer verloren damals im eigenen Land mit einer 1:2-Niederlage gegen Uruguay den sicher geglaubten WM-Titel.

Die Bieler verloren am 6. April 2019 gegen den SC Bern 0:1 (bei 38:19 Torschüssen) und vergaben so den sicher geglaubten Finaleinzug – und mit grösser Wahrscheinlichkeit auch grad den Titel. Mit Zug wären die Bieler fertig geworden.

Die Highlights des Spiels gegen Davos

Dieses 2:1 (0:0. 1:0, 1:1) gegen den HC Davos liess am vergangenen Dienstag die der Bieler Hockeykultur innewohnende Dramatik erahnen. Das Spiel war mitreissend, der Sieg gemessen an den Torchancen verdient, das Resultat also im Rückblick, jetzt, wo wir wissen, wie das Spiel ausgegangen ist, hockeytechnisch logisch.

Aber die Dämonen des 6. April 2019, die Dämonen des dramatischen Scheiterns sind noch immer im Hockey-Tempel. Wenig, sehr wenig hat den Davosern beim verzweifelten Schlussspurt zum Ausgleich gefehlt. Gut für die Bieler, dass Jonas Hiller im Herbst 2019 so gut ist wie nie seit der Rückkehr aus Nordamerika. Irgendwann kommt die Frage, ob er nicht doch vom angekündigten Rücktritt per Saisonende zurücktreten wird. An der fehlenden Effizienz im Abschluss sind manchmal auch die Russen gescheitert, als sie noch Sowjets hiessen.

Der starke Stürmer Damien Brunner ist wegen einer Verletzung spielunfähig.
Der starke Stürmer Damien Brunner ist wegen einer Verletzung spielunfähig.Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Was fehlt diesem Biel, diesen «September-Russen», um im nächsten Frühjahr ein Titelkandidat zu sein? Ein neutraler Beobachter, der dem Spiel gegen Davos beiwohnte, kennt die Antwort: ein Sniper! Am besten einer mit Schweizer Pass. Also ein kaltblütiger, abschlussstarker Schweizer Stürmer.

Ein Blick aufs Matchblatt zeigt: Damien Brunner (32) hat ja gegen den HCD gar nicht gespielt! Erst im November wird er zurückkehren (Handverletzung).

Die Bieler bekommen also ihren Sniper noch. In seiner besten Saison in Zug (2012/13) hat Damien Brunner in 33 Partien 25 Tore erzielt.

Sage mir, wie Damien Brunner im März und April 2020 in Form ist und ich sage Dir, ob die «September-Russen» Meister werden können.

Halt, da ist noch etwas! Auch Peter Schneider (28) gilt ja als kaltblütiger Vollstrecker. Immerhin hat er letzte Saison in 54 Partien 35 Tore zelebriert. Zwar «nur» in der österreichisch-ungarisch-tschechisch-Italienischen «Erste-Bank-Liga». Was, wenn auch noch dieser «Donau-Owetschkin» mit den hölzernen Füssen und den goldenen Händen trifft? Er wartet nach wie vor auf seinen ersten Treffer für Biel.

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Jacques #23
25.09.2019 07:24registriert Oktober 2018
Der Mix ist grossartig, die Schlüsselpositionen ideal besetzt und mit Abschluss Hilli steht die perfekte Story bereit.

Biel macht Spaß, schon lange. Und Biel wird Geheimtipp bleiben, auch wenn sie die Quali gewinnen.

Go on! 🎉
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N. Y. P.
25.09.2019 07:06registriert August 2018
Hui, der Eismeister hat den EHC Biel perfekt auf den Punkt beschrieben.

Der Antti Tormänen ist aber auch der perfekte Trainer für Biel. Er lässt die an anderer Stätte gestrauchelten Spieler hier in Biel wieder aufblühen.

Bin wirklich gespannt, was in dieser Saison möglich ist..

P.S.

Es gibt aber auch noch die Gegenthese zu Biel. Hochtalentierte Spieler werden zu disem Club transferiert und verfallen sogleich in phlegmatisches Mittelmass. Wieso sich anstrengen, wenn alle Gschpänli talentiert sind ;-)

Aber item.
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fools garden
25.09.2019 07:24registriert April 2019
Hockey time... I love it😍
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Hockey-Start: Eine wilde Party mit Nebenwirkungen
In Rapperswil-Jona wird die aufregendste Meisterschaft der Geschichte (seit 1908) mit der Partie gegen die ZSC Lions eröffnet. Alles ist – oder scheint - teurer, besser, spektakulärer. Zirkus Maximus. Über die Nebenwirkungen des Spektakels für unser Hockey machen wir uns für einmal keine Gedanken.

So gut, so teuer, so riskant wie noch nie – na und? Die Geschichte lehrt uns: Nach einer Krise geht es noch wilder zu und her als vor der Krise. All die klugen Reden, nach den schwierigen Zeiten seien alle vernünftiger, sind schneller vergessen, als sich ein Morgennebel aufzulösen vermag. So war es zu allen Zeiten. So ist es in allen gesellschaftlichen Bereichen und so ist es nun eben auch im Eishockey: Die erste Saison ohne Einschränkungen nach der Pandemie wird die teuerste, unvernünftigste, aber mit ziemlicher Sicherheit auch die beste der Geschichte. Mit einer 14er-Liga (erstmals hat unsere höchste Spielklasse so viele Teams), die mit einer maroden Swiss League keine tragfähige Basis mehr hat, mit so vielen und so teuren Ausländern wie noch nie.

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