DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Jahr nach Charlottesville – Trump und der Rassismus

09.08.2018, 14:2509.08.2018, 15:01

Ein Jahr sind die tödlichen Proteste von Rechtsextremisten in Charlottesville her, die US-Präsident Donald Trump damals mächtig unter Druck setzten. Zum Jahrestag wollen die Rechten wieder aufmarschieren – diesmal vor dem Weissen Haus in Washington.

Vor einem Jahr war ein Auto in eine Menge von Demonstranten in Charlottesville gefahren.
Vor einem Jahr war ein Auto in eine Menge von Demonstranten in Charlottesville gefahren.Bild: AP/The Daily Progress

Manche Demonstranten trugen Nazi-Flaggen, andere skandierten «Blood and Soil», auf Deutsch lautet der NS-Spruch «Blut und Boden»: Vor einem Jahr marschierten Neonazis und andere Rechtsextremisten in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia auf.

Der gewaltsame Protest wurde tödlich, als ein Rechtsextremist sein Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten steuerte: Die 32-jährige Heather Heyer starb, viele Menschen wurden verletzt. Plötzlich stand die 50'000-Seelen-Stadt Charlottesville stellvertretend für rechte Gewalt in den USA.

Was in Charlottesville geschah:

Umstrittene Aussagen Trumps

Am Jahrestag an diesem Sonntag kommt es nun zur Wiederauflage der Extremisten-Demo – diesmal in Washington. Dann wollen sich mehrere hundert Demonstranten im Lafayette-Park versammeln, gleich vor dem Weissen Haus. Der Hausherr ist nicht da, Präsident Donald Trump weilt ferienhalber in einem seiner Golfresorts.

Ansonsten hätte die Demonstration in Sicht- und Hörweite womöglich unangenehme Erinnerungen bei ihm hervorgerufen: Die Ereignisse von Charlottesville brachten den Präsidenten mächtig unter Druck. Genau genommen brachte sich Trump selber mit Aussagen in die Bredouille. Erst verurteilte er «Hass, Fanatismus und Gewalt auf vielen Seiten» – Distanzierung von Neonazi-Gewalt sieht anders aus.

Mehr Bilder von vor einem Jahr:

1 / 19
Rassisten-Aufmarsch in US-Unistadt
quelle: ap/ap / steve helber
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Als die Empörung über Tage nicht abebbte, legte Trump noch einmal nach. «Ich denke, dass die Schuld auf beiden Seiten liegt», sagte Trump in einem erhitzten Schlagabtausch mit Reportern in New York. «Sie hatten eine Gruppe auf einer Seite, die schlecht war, und sie hatten eine Gruppe auf der anderen Seite, die auch sehr gewalttätig war.» Es habe auf beiden Seiten auch «sehr gute Menschen» gegeben.

Rechtsextreme, die sich schon mit Trumps Wahlsieg 2016 im Aufwind sahen, fühlten sich von seinen Aussagen zu den Zusammenstössen in Charlottesville ermutigt. «Danke, Präsident Trump, für Ihre Ehrlichkeit und Ihren Mut, die Wahrheit über Charlottesville zu sagen und die linken Terroristen (...) zu verurteilen», schrieb etwa David Duke auf Twitter. Duke war einst führendes Mitglied des rassistischen Ku Klux Klan und ist weiter aktiv in der rechtsextremen Szene.

Neonazis randalieren während der Demonstration vor einem Jahr.
Neonazis randalieren während der Demonstration vor einem Jahr.Bild: AP/AP

US-Präsident als Inspiration

Duke soll bei der Demonstration an diesem Sonntag auf der Rednerliste stehen, ebenso wie der bekannte Neonazi Patrick Little. Nazi-Fahnen soll es diesmal nicht geben, die Organisatoren haben dazu aufgerufen, nur Flaggen der USA und der Südstaaten mitzubringen. Besucher sollen zudem «Pfefferspray, Knüppel, Messer oder andere Waffen» zu Hause lassen. Gegendemonstranten rufen zur «Massenmobilisierung» auf.

Der Journalist A.C. Thompson hat für eine Dokumentation des TV-Senders PBS über die Ereignisse auch mit Rechtsextremisten gesprochen. Dem Radiosender NPR sagte er, er habe den Eindruck gewonnen, dass seine Gesprächspartner «von den Kommentaren des Präsidenten inspiriert waren, dass sie das Gefühl hatten, als habe er ihnen zugenickt, ihnen auf den Rücken geklopft».

Eine 32-jährige Frau kam ums Leben.
Eine 32-jährige Frau kam ums Leben.Bild: EPA/EPA

Die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center kritisierte zum Jahrestag der Gewalt von Charlottesville: «Das ist Donald Trumps Amerika. Das sind die Kräfte, die er entfesselt hat». Kritiker sahen sich spätestens mit Trumps verharmlosenden Aussagen in ihrem Verdacht bestätigt, dass er heimlich mit dem ganz rechten Spektrum sympathisiert.

«Shithole Countries»

So schürt Trump etwa eine Kampagne gegen Footballstars, die beim Abspielen der Hymne knien, um gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Der Oppositionsabgeordneten Maxine Waters attestierte er einen «niedrigen IQ», die Intelligenz des Basketballstars LeBron James stellte er in Frage, den CNN-Moderator Don Lemon nannte er «den dümmsten Mann im Fernsehen» – alle drei sind Afroamerikaner.

Für internationale Empörung sorgten im Januar angebliche Äusserungen Trumps, der bei einem Treffen mit Senatoren gefragt haben soll, warum die USA so viele Menschen aus «Drecksloch-Staaten» aufnehmen müssten. Trump selber dementierte, dass er von «Shithole Countries» gesprochen habe. Er sah sich dennoch ein weiteres Mal genötigt, den Vorwurf des Rassismus zurückzuweisen. (sda/dpa)

Stadtverwaltung von Charlottesville ruft für Jahrestag Notstand aus
Kurz vor dem Jahrestag der tödlichen Proteste im US-amerikanischen Charlottesville hat die Stadtverwaltung den Notstand ausgerufen. Er gelte ab diesem Freitag um 18 Uhr (Ortszeit) bis zum Montagmorgen, wie die Stadtverwaltung am Mittwoch nach einem Bericht von NBCNews mitteilte. Auch der Bundesstaat Virginia hatte zuvor den Notstand ausgerufen, wie es hiess. Nach der Entscheidung der Stadtverwaltung sind in einem eigens in der Innenstadt eingerichteten Bereich für Demonstranten scharfe Gegenstände, Schlagstöcke, Keulen, Feuerwerk, Rundhölzer, Schusswaffen, Luftgewehre und weitere Waffen verboten. Auch Gesichtsmasken seien nicht erlaubt. (sda/dpa)

Charlottesville: Aufmarsch rassistischer Gruppen eskaliert

Video: srf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Gewalt und «abscheuliche Angriffe»: US-Regierung besorgt über Situation in Myanmar

Die US-Regierung ist beunruhigt über die Lage in Myanmar. Die Vereinigten Staaten seien «sehr besorgt» angesichts von Berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen im Chin-Staat, teilte das US-Aussenministerium am Sonntag in Washington mit.

Man verurteile die «abscheulichen Angriffe» und derart «brutales Vorgehen» durch das Regime in Myanmar. Insgesamt sei die Intensivierung von Militäreinsätzen in verschiedenen Teilen des Landes beunruhigend. Die US-Regierung rief die Militärführung …

Artikel lesen
Link zum Artikel