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Review

Dieser Film führte fast zum Krach mit meinem Liebesleben (es hat recht)

1864, Virginia, die Frisur hält. Nicole Kidman hebt sich wohltuend vom düsteren Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs ab.
Bild: AP/Focus Features
«The Beguiled» von Sofia Coppola über häuslichen Horror im amerikanischen Civil War ist berückend schön. Und ein bisschen problematisch.
27.06.2017, 13:4525.07.2017, 12:47

Ich ging ins Kino, sah einen schönen Film, kam nach Hause, und mein Liebesleben fragte: «Und?» Ich spürte in diesem «Und?» die ganze Skepsis gegenüber allem, was ich im Kino liebe. Also schöne Frauen, schöne Kleider, schöne Häuser, Dekadenz, gruselige Atmosphäre, Blut.

«Toll», sagte ich trotzdem tapfer, «ganz toll! Nicole Kidman ist fantastisch, die Regie unglaublich feinnervig, wenn es um Genderfragen geht ...» «Glaub ich», sagt mein Liebesleben, «die Kidman ist eine Göttin und Sofia Coppola kann Gender. Aber die kann doch nicht einen Film über den amerikanischen Civil War drehen, den CIVIL WAR, und keine Schwarzen zeigen und überhaupt die ganze Sklaverei weglassen!»

Trailer zu «The Beguiled»

«Aber darum geht's doch nicht!», versuchte ich. «Worum geht's im Civil War?», beharrte mein Liebesleben. «Um die Abschaffung der Sklaverei», gab ich zu, «aber darum geht's nicht! Es geht doch um diese paar Frauen, die zum Ende des Kriegs in einer Villa in Virginia vor sich hindämmern, die sind ja mehr Gespenster als irgendwas anderes, die sind doch Gespenster einer zu Ende gegangenen Epoche ...»

«Bullshit», sagte mein Liebesleben, «die Coppola, die schon mit dem goldenen Regielöffel im Mund zur Welt gekommen ist, interessiert sich einfach nur für Weisse und am liebsten reiche Weisse.»  

Rasiert und repariert ist aus dem zerrupften Feldhasen John McBurney (Colin Farrell) ein ansehnliches Flirtobjekt geworden.
Bild: AP/Focus Features

Das einzige Problem, das ich mit meinem Liebesleben habe: Es hat so gut wie immer recht. Weshalb ich mich schnell durch das Oeuvre der Sofia Coppola blätterte und zu folgender, frustrierender Übersicht kam:

  • «The Virgin Suicides»: Fünf rätselhafte, bleiche Schwestern wissen nicht, was sie mit dem Leben anfangen sollen und bringen sich um.
  • «Lost in Translation»: Weisser Filmstar begegnet in schönem Hotel in Tokio weisser Fotografengattin, sie haben viel Zeit und machen rätselhaftes Zeugs, Japaner spielen höchstens als Clowns eine Rolle.
  • «Marie Antoinette»: Eine Königin leidet unter der Last des Reichtums und der französischen Revolution. Die Arme!
  • «Somewhere»: Ein Schauspieler und seine bleiche Tochter wissen nicht, was sie im Hotel Chateau Marmont in L.A. mit sich und all der Zeit anfangen sollen.
  • «The Bling Ring»: Weisse Teenies haben zu viel Zeit und beklauen weisse Celebrities. Nach einer wahren Geschichte. In der es auch noch eine Latina gab. Die hat Sofia Coppola aber gestrichen.
Beten gegen die Begierde.
Bild: AP/Focus Features

Und jetzt also «The Beguiled»: Nicole Kidman spielt Miss Martha, eine ehemals irrsinnig reiche Südstaatenschönheit, die aus der verlassenen Villa ihrer Familie ein Mädcheninternat gemacht hat. «The slaves left», ist ihr einziger Kommentar zur Rassenfrage, damit hat sich diese erledigt. Sie und die ebenfalls enorm durchsichtige Miss Edwina (Kirsten Dunst) unterrichten in weissen Kleidern fünf höhere Töchter – in weissen Kleidern, versteht sich.

Oft blicken sie durch delikate Spitzenvorhänge, Fernrohre oder in einen Spiegel, oft lösen sie sich fast auf in einem nur knapp von ein paar Kerzen aufgehellten Nebel. Sie selbst sind alle nicht ganz real, ihr Blick auf die Welt nicht realistisch. Gespenster eben. Zäh und untot.

Miss Edwina (Kirsten Dunst) bringt die zarten Vorhänge in dieser Szene besonders schön zur Geltung.
Bild: universal pictures

Eine der Schülerinnen findet beim malerischen Pilzesammeln den verwundeten Yankee John McBurney (Colin Farrell). Die Frauen können sich nicht recht entscheiden: Sollen sie ihn gesundpflegen oder ausliefern? Sie entscheiden sich für die Pflege, schliesslich haben sie nicht umsonst jahrelang vor sich hin genäht und gestickt, da wäre es doch schade, das Bein des Soldaten nicht schnell zusammen zu flicken.

Der Mann hat erst seinen Spass. Er ist rhetorisch geschickt und erotisch manipulativ, er verspricht der einen, mit ihr wegzulaufen, und der andern, mit ihr im Haus zu bleiben, und mit einer dritten will er einfach nur ganz gewöhnlichen Sex. Logisch führt das zu riesigen Unruhen in den diversen Korsetts. Logisch entschliessen sich die Frauen, ihre Krankenpflege in eine Krankmachpflege umzudefinieren. Sie stellen der weiten Welt des Kriegs, dessen Sound wie ein nimmermüder Bass zu hören ist, ein häusliches Schlachtfeld von der Grösse eines Esstischs gegenüber.

Elle Fanning lockt mit Locken und anderen Tricks. 
Bild: AP/Focus Features

Der Horror in der herrschaftlichen Hütte nimmt seinen Lauf. Es ist, als würde Kathy Bates aus «Misery» in der Villa aus «Gone with the Wind» einquartiert und dazu gibt man noch Nicole Kidmans «The Others». Es ist sehr grossartig. Überdies sind die Dialoge ziemlich lustig. Vor allem Kidman als hochgeschlossene, aber scharfzüngige Schnepfe ist zum Niederknien.

Wo also ist das Problem? Wenn Sofia Coppola sich ihre Filmwelt doch genau so zurecht erfinden will? Obwohl sie die Ex-Freundin von Quentin Tarantino ist, der ja nichts Anderes ist als DER Hollywood-Anwalt afroamerikanischer Geschichte («Django Unchained», «Jackie Brown» und dem Civil-War-Epos «The Hateful Eight»)? Reicht es da nicht, dass die Villa, in der «The Beguiled» gedreht wurde, die gleiche Villa ist, in der Beyoncé ihre «Lemonade»-Videos drehte? Muss denn immer alles politisch korrekt sein. Ist «sehr schön» denn nicht genug?

Elle Fanning und Kirsten Dunst stellen in der Filmvilla Beyoncé nach

Das Problem liegt im Ursprung von «The Beguiled». Im gleichnamigen Roman von Thomas Cullinan aus dem Jahr 1966 und in der Verfilmung mit Clint Eastwood als McBurney von 1971 durch Don Siegel. Wie bei Siegel sehr schön zu sehen ist, gibt es darin eine schwarze Sklavin im Dienst von Miss Martha, die erstens sehr stark und zweitens sehr zentral ist. McBurney versucht, sich erst mit ihr zu verbünden – schliesslich stehen sie im Krieg auf der gleichen Seite –, dann will er sie vergewaltigen. 

Trailer zu «The Beguiled» 1971

Überhaupt werden die Dinge 1971 recht drastisch und allzu ausführlich beim Namen genannt und gezeigt. Das Ganze ist ein recht schludrig gemachter Männerfantasien-Trash mit einem grässlich geföhnten Clint Eastwood, die Villa ein Selbstbedienungsladen voller neurotisch kreischender Nymphomaninnen.

Sofia Coppola macht das besser: Kein Wort ist zuviel, kein Motiv geht ins Leere, das Spinnennetz aus unterdrücktem Begehren, entfesselter Projektion und innerer wie äusserer Gefährdung ist enorm dicht, konsequent und spannend. 

Aber sie ist so, die Kronprinzessin aus einem der grössten Fürstenhäuser Hollywoods, ihre hoch ästhetischen Hipster-Visionen sind perfekt in sich geschlossene Welten. Dafür opfert sie dann schon mal ganz unzimperlich einen literarischen wie historischen Kern einer Geschichte. Und ich sage meinem Liebesleben mal wieder jenen einen Satz, den es am liebsten hört: «Du hast recht.»

«The Beguiled» läuft ab 29. Juni im Kino.

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