FragFrauFreitag
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Glücklicherweise haben Kinder oft einen Schutzengel an ihrer Seite.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Grüezi Frau Freitag. Ich habe vor ein paar Tagen erfahren, dass ich Gotti werde. Natürlich freue ich mich riesig und kann es kaum erwarten. 



Aber beim letzten Besuch bei den werdenden Eltern haben wir eine Zigi geraucht, und zwar wir alle drei. Als ich meine Feundin darauf ansprach, sagte sie mir, dass sie auf Zigaretten nicht ganz verzichten wird, aber auch nicht auf Alkohol. Ich habe es dann so hingenommen. Jedoch habe ich immer mehr das Gefühl, dass ich was sagen sollte. Ich mische mich nicht gerne ein, aber das Kind wird ja mein Patenkind und ich hab doch auch eine gewisse Verantwortung, oder? Ich kenne zwar ein Kind, dass trotz Nikotin- und Alkoholkonsum gesund auf die Welt kam, aber sollte man das Glück so herausfordern? Kathrin, 27 

Liebe Kathrin 

Eine wirklich sehr, sehr spannende Frage, wirklich. Drum, danke dafür! Ich war vor einigen Jahren in der exakt genau gleichen Situation (na ja, fast...). Meine Freundin hatte mich bei einem Abendessen veräppelt und mir gesagt, sie sei schwanger und danach frisch fröhlich weiter Wein getrunken. Mir hat das damals eine Nacht lang den Schlaf geraubt, weil ich mir all die Fragen gestellt habe, die Sie sich jetzt gerade stellen. 

Ich habe mich damals eingemischt und mit meiner Freundin darüber geredet, dass es mir ein mulmiges Gefühl hinterlassen hat, an diesem Abend. Worauf sie mich natürlich auslachte, weil ja eh alles nur erfunden gewesen sei, das mit dem Baby. Worauf ich all die Schwangerschaftsbücher wieder heim schleppte. Wenn auch nur für kurze Zeit. Sie war nämlich tatsächlich schwanger und hat es zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht gewusst. Ich hatte es geahnt und ihr damit eine Steilvorlage zu dieser Story geboten. Soviel zu meinem 7. Sinn ...

Mich interessiert Ihre Frage aber vor allem auf gesellschaftsrelevanter Ebene. Sich einzumischen ist nämlich aus der Mode gekommen. Das macht heute praktisch niemand mehr. Viel zu heikel, und wer dankt es einem am Schluss? Niemand. Drum lässt man es lieber gleich sein und macht sich nicht die Finger schmutzig.

Und dabei wäre es von ­immenser Wichtigkeit, sich einzumischen, Farbe zu bekennen und Position. Meinetwegen auch mal moralisch zu sein, was soll's? Viele Missstände in unserer Gesellschaft könnten nicht so sehr ins Grüne gedeihen, wenn man sich beherzter einmischen würde. Nachbarn würden nachfragen, wenn das Nachbarskind zum wiederholten Male mit blauen Flecken daherkommt, die Freundin nachhaken, wenn man seit Monaten den Mann heimlich betrügt oder jeden Abend eine Flasche Wein leert, als wäre nichts dabei.

Aber leider ist das Wegschauen tief verankert, auch geschichtlich. Wer sich einredet, wir Schweizer hätten keine Ahnung gehabt, wie es mit den Juden ergehen würde, hätte man sie erst einmal mit einem «J» im Pass gebrandmarkt, stellt sich blind und dumm. Und wenn dieser Vergleich nun auch ein allzu krasser ist, so kann man sich dennoch sagen, dass man damit beginnen könnte, sich im Kleinen einzumischen, um es im Ernstfall auch im Grossen zu können.

Welche Konsequenzen Ihre Intervention haben wird, kann ich Ihnen nicht voraussagen. Die meisten Menschen sind erst einmal überrumpelt, wenn sie konfrontiert werden. Mein engster Freundeskreis war das früher auch, in der Zwischenzeit ist er es aber gewohnt und sieht es als Bestandteil der Freundschaft, dass man sich auch mal äussert. Allerdings müssen Sie wissen, dass es zum Einmischen kein heikleres Thema gibt, als die Kindererziehung. Und die fängt mit der Schwangerschaft an. Das ist die heiligste Kuh, die unsere Gesellschaft zu bieten hat. Es kann darum sehr gut sein, dass sie die Patenschaft schneller los sind, als sie schauen können. Darum würde ich mich an Ihrer Stelle mal fragen, wie Sie künftig in Situationen die Ihr Patenkind betreffen, in denen Sie nicht einverstanden sind, umgehen wollen. (Und davon wird es vermutlich noch so einige geben.)

Ich an Ihrer Stelle würde mich hier einmischen und danach für immer die Klappe halten. Und zwar nicht nur, weil es dem Kind schaden könnte, sondern auch, weil es sich die Mutter unter Umständen schwer verzeihen könnte, wenn sie ihr Kind verlieren würde. Und das ist ja nun mal leider bei einem Drittel der Schwangerschaften der Fall. Und dann möchte ich als werdende Mutter nicht dastehen und das (eventuell vollkommen unberechtigte) Gefühl haben, ich sei auch noch dran schuld.

Aber das ist meine persönliche und höchst moralische Meinung zum Thema. So wie ich auch finde, dass man imstande sein sollte 9 Monate seines Lebens auf Substanzen, welche das Kind schädigen können, zu verzichten. Klar ist es furchtbar öde, als einzige Nüchterne auf einer Party zu stehen. Aber hallo! Hier geht es zur Abwechslung mal um öppis Wichtigeres, als die elenden Egoprojekte, die man sonst die ganze Zeit schiebt. Meine Mutter hat meinetwegen auf keine einzige Zigarette verzichtet. Vermutlich habe ich auch deswegen den ein oder anderen Hau weg. Aber wenigstens habe ich bis heute keine einzige Zigarette geraucht, ja noch nicht mal eine angesteckt. Eigentlich auch nicht so schlecht, oder?

Mit bestem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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