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Strahlt nicht unbedingt die Idylle aus, die es in sich trägt: das Alterszentrum Dorflinde in Zürich Oerlikon. bild: watson

Ein Alterszentrum zeigt, wie man es auch hätte machen können

Alterszentren und Pflegeheime wurden in der Pandemie zum Coronahotspot. Bewohnerinnen und Pfleger litten. Doch es gäbe auch Wege für die Beteiligten, die Krise würdig zu überstehen. Das zeigt ein Zürcher Alterszentrum.



Um diese Geschichte erzählen zu können, muss ich etwas ausholen. Im September starb meine Grossmutter. Nicht an Corona, aber an den Corona-Massnahmen, wie mir damals schien. Versteht mich nicht falsch: Ich war unglaublich froh, dass meine Grossmutter im Altersheim vor dem Virus geschützt wurde. Eine Ansteckung hätte ich weder ihr noch einer anderen Bewohnerin gewünscht. Darum befürwortete ich die getroffenen Massnahmen zum Schutz der gefährdeten Personen stets.

Aber als ich meine Grossmutter im Sommer nach dem ersten Lockdown wieder besuchen konnte, mit Maske, Abstand und Plexiglasscheibe, erschrak ich. Innert weniger Monate hatte sie ihren Lebensmut komplett verloren. Sie war sichtlich gealtert, kognitiv unfit und verwirrt. Was sie gebraucht hätte, wäre Kontakt zu ihrer Familie, ein Aktivierungsprogramm, das sie aus dem Bett holt, Gedächtnistraining, Spaziergänge im Garten – Dinge, welche die zeitlichen Ressourcen und finanziellen Mittel von Personal und Heim gesprengt hätten.

Wenige Wochen nach meinem Besuch im Altersheim verstarb meine Grossmutter. Sie wollte sich einfach nicht mehr am Leben erfreuen. Das Pflegepersonal kümmerte sich bis zum Schluss liebevoll und so gut es konnte um sie. Dafür bin ich dankbar. Gleichzeitig liess mich seither der Gedanke nicht mehr los, dass es – trotz allem – nicht genug war.

Im Kopf blieb mir auch, was mir der Soziologe Kurt Seifert bei einem Gespräch über ein würdiges Leben im Alter sagte: Die Pandemie mache deutlich, dass der Personalmangel in Alterseinrichtungen ein Problem sei. Der menschliche Kontakt in den Institutionen sei stark auf das angestellte Personal reduziert. «Auch wenn sich dieses sehr bemüht, kann es seine Arbeit nicht so bewältigen, wie es für die Bewohnerinnen und Bewohner am besten wäre.»

Im Herbst und Winter las ich dann von Altersheimen im Tessin, wo das Coronavirus die Bewohnerzahl um einen Drittel dezimierte, von Pflegeheimen in Zürich, wo das überarbeitete Personal Beatmungsgeräte zwischen ihren Bewohnern hin- und herschieben musste. Ich las von alten Ehepaaren, die sich seit Monaten nur über den Balkon zuwinken durften, von Familien, die sich von einem sterbenden Verwandten nicht verabschieden konnten.

Ich fragte mich: Was ist da los in den Alters- und Pflegeheimen? Weiss man eigentlich, was da genau abgeht? Weil der Zutritt aufgrund der Massnahmen streng beschränkt war, kamen mir diese Zentren vor wie eine Blackbox. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich wollte wissen: Wie geht es den alten und vulnerablen Menschen in den Altersheimen? Wie geht es dem Personal?

«Da kamen mir grad die Tränen vor Rührung.»

Adelheid Martin

Ich musste mich gedulden, bis meine Anfrage bewilligt und mir der Zugang zu einem Heim gewährt wurde. Anfang April fuhr ich nach Oerlikon und besuchte das Alterszentrum Dorflinde. Ich machte mich auf bedrückende Gespräche mit Bewohnerinnen gefasst. Mit Pflegefachmännern, die von Arbeitstagen erzählen, wo sie weder zum Trinken, Essen oder Pinkeln kamen. Doch ich wurde überrascht.

Kaum öffnete mir Adelheid Martin die Türe, begann sie schon zu schwärmen: «Ich wohne also wirklich sehr gerne hier. Schauen Sie mal diese Aussicht!» Von ihrer Einpersonen-Wohnung im fünften Stock aus überblickte man das ganze Quartier. Bei Sonnenschein sehe sie sogar den schneebedeckten Gipfel vom Säntis. Die 89-Jährige wohnt seit fünf Jahren in der Dorflinde. Früher habe sie mit ihrem Mann in einer untergeschossigen Wohnung gelebt. Dort sei es schon etwas dunkler gewesen als hier. Nach dem Tod ihres Mannes sei sie hierhin umgezogen.

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Adelheid Martin erhält von ihrem Sohn und den Enkelkinder viele Nachrichten und Fotos zugeschickt. bild: watson

In Oerlikon, da fühle sie sich wohl. Sie gehe gerne in den Coop einkaufen, jasse mit Kollegen. Alle vierzehn Tage gebe es einen Spieleabend. Jetzt während Corona sei natürlich alles etwas komplizierter. «Aber ich ertrage es.» Als sie nicht mehr raus durfte, sei es schon schlimm gewesen. «Obwohl, so schlimm auch wieder nicht. Wir haben Essen ins Zimmer geliefert bekommen, das war schön.» Schön sei auch gewesen, als ein Pfleger veranlasst habe, dass sie ein Fitness-Velo in die Wohnung gestellt bekam. «Da kamen mir grad die Tränen vor Rührung.» Ich fragte mich: Ist Frau Martin einfach ausgesprochen genügsam? Oder steckt da mehr dahinter?

Später führte mich Urs Wernli durch die verschlungenen Gänge des Alterszentrums. Er leitet die Dorflinde seit fast zehn Jahren. «Grüezi Frau Glättli, Grüezi Herr Rossi.» Eine Bewohnerin zog schnell die Maske über die Nase, als Wernli an ihr vorbei schritt. Wir warteten einige Sekunden auf den Lift, der Zentrumsleiter entschuldigte sich, dass es so lange dauerte. Als sich die Türen öffneten, sahen wir den Grund für die Verzögerung: Vier gebückte Bewohnerinnen hatten sich mitsamt ihren Geh-Hilfen in den Lift gequetscht. Wernli tadelte: «Ui, das sind viel zu viele Leute für einen Lift. Das sollten Sie doch eigentlich wissen.» Die vier Querulantinnen zogen wie Schülerinnen, die man beim Spicken erwischt hat, von dannen.

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Zentrumsleiter Urs Wernli: «Ein offenes Haus zu haben, fehlt mir sehr.»

Das Schwierigste in dieser Zeit sei, autoritär zu sein, ohne die Leute zu verärgern, sagte Wernli. Bei 120 Bewohnerinnen und Bewohnern sei es natürlich schwierig sicherzustellen, dass die Massnahmen ständig eingehalten würden. Noch mehr bei Personen, die mit einer beginnenden Vergesslichkeit zu kämpfen hätten. Und doch schaffe man es in der Dorflinde, ein konsequentes aber freundliches Regime zu fahren, so Wernli. Offenbar mit Erfolg. Insgesamt hätten sich im vergangenen Jahr 39 Personen mit dem Coronavirus angesteckt. 8 Menschen seien daran verstorben. Weniger als in vielen anderen Alters- und Pflegezentren.

«Eigentlich sehe ich mich als Gastgeber.»

Urs Wernli

Ich bewunderte den schönen Garten, die Terrasse, das Aktivierungszimmer, wo Therapeuten Gedächtnistrainings durchführen. Den Fitnessraum, wo sich Bewohner mit einem Armband einloggen können und ihr persönliches Programm absolvieren können. Inklusive Bildschirm, der sie beim Velofahren auf eine Tour durch eine Schweizer Stadt mitnimmt. Begeistert war ich vom Wellnessbereich mit Dampfbad, Sauna, Sprudelbad, Fussbecken, Ruheraum mit Aussicht. Ich dachte: Hier ist es ja wie im Hotel.

Im Speisesaal sass die erste Schicht beim Mittagessen. Immer zwei Bewohner an einem Tisch, in der Mitte ein Strauss frischer Tulpen. Einige Bewohnerinnen plauderten entspannt, andere räumten bereits den Teller ab, um der zweiten Runde eine Stunde später Platz zu machen. «Eigentlich sehe ich mich als Gastgeber», sagte Wernli. Er möge es, Gäste im Haus zu haben, sie im Restaurant zu bewirtschaften. Dieses sei leider seit Beginn der Pandemie geschlossen. «Wenn nicht gerade Corona ist, gibt es bei uns regelmässig Feste und Veranstaltungen, die auch für die Öffentlichkeit zugänglich sind.» Ein offenes Haus zu haben, das fehle ihm sehr.

Einfach seien die vergangenen Monate nicht gewesen, sagte Marianne Malapati. Sie ist Pflegefachfrau und arbeitet seit sechs Jahren in der Dorflinde. «Es war stressiger. Vor allem wenn einzelne Personen aufgrund Krankheit oder Quarantäne ausgefallen sind.» Über ein Pikettdienst, der alle Alterszentren der Stadt Zürich umfasst, habe man Lücken zu schliessen versucht, so gut es geht. Manchmal habe das zu Stimmungsschwankungen im Team geführt. Und doch sei ihr Job derselbe geblieben, den sie auch nach wie vor gerne ausübe. Erleichtert sei sie, dass nun die meisten Bewohner geimpft wurden. «Sobald alle die zweite Dosis erhalten haben, werden weitere Lockerungen möglich sein. Das entlastet auch uns», sagte Malapati.

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Plfegefachfrau Marianne Malapati. bild: watson

Nach meinem Besuch im Alterszentrum Dorflinde bin ich einerseits gerührt ab der spürbar liebevollen Pflege und Betreuung der Bewohnerinnen, aber auch bedrückt. Weil ich mir wünschte, meine Grossmutter wäre in ihren letzten Lebensjahren ebenfalls so umsorgt worden. Was machte das Alterszentrum Dorflinde anders?

Ihnen ist es offenbar gelungen, mit den von der Stadt Zürich zur Verfügung gestellten Mitteln und einer guten Organisation neue und ungewöhnliche Wege zu finden – zum Wohl der Bewohner. Mit Konzerten im Innenhof, freiwilligen Studentinnen, die für Gespräche, Spaziergänge oder Einkäufe vorbeikamen. Mit Pflegern, die aufmerksam auf Bedürfnisse der Bewohnerinnen reagiert haben. Mit ehrenvollen, coronakonformen Abschieden bei einem Todesfall. Mit gut koordinierten Absprachen im Team, mit gemeinsamem Brainstorming, wie man den fehlenden Besuch der Verwandtschaft organisieren könnte.

Es ist kaum ein Zufall, dass die Stadt das Alterszentrum Dorflinde für meine Spurensuche ausgewählt hat. Es ist anzunehmen, dieses gilt als präsentables Vorzeigeobjekt. Und doch war mein Besuch für mich sehr aufschlussreich. Er zeigte mir: So hätte man es auch machen können.

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten
quelle: keystone / peter klaunzer
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