Review
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Police dig in the back garden of a house at Melrose Avenue, Willesden, north London.   (Photo by PA Images via Getty Images)

Ermittlungsarbeiten im Garten eines Hauses an der Londoner Melrose Avenue, wo Nilsen am 30. Dezember 1978 sein erstes Opfer, den 14-jährigen Stephen Holmes, ermordet hatte. Bild: PA Images

Review

Der Mann, der Menschenköpfe kochte: «Des» ist die wahre Geschichte eines Serienmörders

SPOILER ALERT! Die aufregendste Miniserie heisst aktuell «Des», kommt von ITV und wird am Zurich Film Festival gezeigt. Mit David Tennant in der Rolle eines historischen Killers.



Sie waren zwischen 14 und 23 Jahren alt. Sie waren weiss und schmal und er fand sie wunderschön. Und im Tod noch schöner als im Leben. Denn waren sie erst einmal tot, so konnte er sie ausziehen, waschen, sie nackt in einen Stuhl setzen oder neben sich ins Bett legen oder mit ihnen Sex haben. Die meisten seiner Opfer strangulierte Dennis Nilsen bis zur Bewusstlosigkeit, dann ertränkte er sie.

Wenn er sich mit ihnen verlustiert hatte, versteckte er sie unter Dielenbrettern. Und holte sie bei Bedarf wieder hervor. Tage-, wochen-, ja gar monatelang. Bis der Verwesungsprozess zu weit fortgeschritten war. Bis Maden die schönen Körper übernommen hatten. Dann zertrennte er die Leichen, packte sie noch für eine Weile in Plastiksäcke, bevor er sie schliesslich zusammen mit ein paar Autoreifen im Hinterhof verbrannte.

Trailer zu «Des»

abspielen

Video: YouTube/RandomClips

15 junge Männer soll der ehemalige Polizist und spätere Job-Center-Angestellte so zwischen 1978 und 1983 in London geschlachtet haben, die Überreste von 12 wurden gefunden, 6 wurden identifiziert. Weil Dennis Nilsen selbst dafür sorgte, dass die Polizei auf seine Morde aufmerksam wurde.

Ein Nachbar meldete dem Hausverwalter, dass die Rohre verstopft seien. Man fand Menschenfleisch und Menschenknochen.

Als die Polizei realisierte, dass es sich um menschliche Überreste handelte, und dass auf dem Herd von Dennis Nilsen ein Topf stand, in dem ein Männerkopf ausgekocht wurde, da hätte sie keinen kooperativeren Täter finden können: Denn der 37-Jährige, der als Kind versucht hatte, seine Geschwister zu missbrauchen, und der seit seiner Pubertät sexuelle Unterwerfungs- und Tötungsfantasien hegte, fand eine neue, womöglich noch grössere Lust darin, über seine Morde zu reden. Sie als Narrativ erneut zu serialisieren. Man kennt dieses Motiv. Sehr schön auch zu sehen in der fabelhaften, von wahren Ereignissen inspirierten Thriller-Serie «Mindhunter».

Dennis Nilsen's flat 23, Cranley Gardens, Muswell Hill, north London.   (Photo by PA Images via Getty Images)

Dieses Haus in Cranley Gardens war Nilsens zweites Mordhaus. Hier flog er schliesslich auf. Bild: PA Images

Und an dieser Stelle setzt nun der sensationelle britische TV-Dreiteiler «Des» (Regie: Lewis Arnold) ein, der vor wenigen Tagen auf ITV gezeigt wurde und der am Zurich Film Festival im Kino als Dreistünder gezeigt werden wird. «Des» mit David Tennant («Broadchurch», «Doctor Who») in der Hauptrolle erhielt nach seiner Ausstrahlung etliche Beschwerden von Zuschauern wegen allzu expliziter Gewalt.

Selbst die «Bild»-Zeitung schrieb darüber – und bewies, dass sie keine Minute von «DES» gesehen hatte: «Auch die Bilder von verfaulenden Körpern, die Nilsen in Schränken und unter Dielen versteckte, dürften sich den Zuschauern eingebrannt haben.»

Nichts könnte falscher sein. Denn nichts wird gezeigt. Rein gar nichts. Weniger Gewalt war nie zu sehen. Und gleichzeitig war sie selten präsenter. Weil sie einzig in unseren Köpfen stattfindet.

Wir sind das gebannte Publikum, dem Nilsen mit buchhalterischer Sachlichkeit, vollkommen reuelos und mit Freude an verwirrenden Umwegen seine Geschichten erzählt. Wie er die jungen Männer in seine Wohnung lockte, indem er ihnen Essen, Sex oder ein Dach über dem Kopf versprach. Die meisten von ihnen waren Junkies oder obdachlos.

British serial killer Dennis Nilsen (1945 - 2018) escorted in a police van, UK, 5th November 1983. (Photo by Harry Dempster/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images)

Dennis Nilsen (1945–2018) am 5. November Bild: Hulton Archive

Der Schotte David Tennant schlüpft in die Figur des Schotten Dennis Nilsen. Äusserlich lassen sich die beiden nicht unterscheiden. Innerlich sei es auch schwer gewesen, sagte Tennant in einem Interview, oft sei er schreiend aus Träumen erwacht, in denen er sich mit Nilsen im gleichen Raum befunden habe. Quasi kurz vor der Einverleibung durch den andern.

«Des» und Olivia Colman am ZFF

Vom 24. September bis zum 4. Oktober findet in Zürich bereits zum 16. Mal das Zurich Film Festival (ZFF) statt. Heuer coronabedingt mit nur wenigen bekannten Stars (genauer mit Juliette Binoche, Til Schweiger und Johnny Depp), einer streng begrenzten Anzahl Fans (50) am Grünen Teppich, und ohne Apéros und Partys. Dafür mit einem grossen Programm, zu dem neben den Wettbewerben, dem Länderschwerpunkt «Frankreich» oder der Reihe #GetUpStandUp auch eine Serienauswahl zählt. Gezeigt werden da neben «Des» u.a. die beiden ersten Folgen der opulenten Schweizer Nachkriegsserie «Frieden».

Wer angesichts von David Tennant Sehnsucht hat nach dem Ermittlerduo aus «Broadchurch»: Tennants damalige Partnerin und Oscar-Preisträgerin Olivia Colman erhält – in Abwesenheit – einen Golden Eye Award. Anlässlich ihres Films «The Father» (mit Anthony Hopkins) wird es am 26. September eine Live-Schaltung mit ihr ins Corso 1 geben.

AUTUMN DRAMAS ON ITV

DES,THE SINGAPORE GRIP, HONOUR AND THE SISTER.


DES:
Pictured: DAVID TENNANT as Des.

David Tennant als Dennis Nilsen in «Des». Bild: ITV

Tennant liefert als Nilsen die eine von drei Perspektiven auf den Fall, die minutiöse, hoch suggestive Innensicht, die beim Zuhören ein monströses Kino im Kopf entfesselt. So oft kann man gar nicht «What?!?!» sagen, wie man es angesichts seiner Rapporte denkt. Die andern beiden Perspektiven – und damit auch unsere – kommen von Chef-Ermittler Peter Jay (Daniel Mays), einem Mann, der im Lauf des Falls regelrecht vom Glauben an den Menschen abfällt, und vom Schriftsteller Brian Masters (Jason Watkins), der von Nilsen als Biograph angestellt wird. Die beiden nehmen stellvertretend für uns immer neue Monstrositäten entgegen.

Die eigentlichen Verbrechen oder irgendwelche Leichenteile gibt es dabei – abgesehen von ein paar abstrakten Funden aus dem Wasserrohr zu Beginn – nicht zu sehen. Kein Sarg, kein Müllsack oder Zelt, gibt sein schauriges Geheimnis preis. Man sieht, wie Peter Jay den Deckel des ominösen Kochtopfs hebt, hebt, mehr nicht. Es reicht.

«Des» serviert mit vollendetem Understatement einen Overkill der Grausamkeiten. Und David Tennant wird für seine Alptraumrolle sehr, sehr viele Preise einsacken.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Emmys 2020 - die Sofaparade

Vom Crush zum Crash - Hugh Grant am Zürich Film Festival

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

25 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
ulmo
22.09.2020 10:50registriert March 2016
Wieso muss schon wieder einem Serienmörder ein filmisches Monument errichtet werden.
Was ist so toll an diesen, das wir alle ihre Namen und Geschichten kennen müssen.
Dank des Artikels weiss ich nun auch wer er war. Die Opfer kenn ich nicht. Über sie weiss ich nur, das sie "weiss", "schmal" und "schön" waren, und was er ihnen angetan hat. Aber sie waren ja auch nur Opfer und darum sekundär, reine Statisten in der Geschichte die zählt: diejenige des Täters.
Wieso können wir die Mörder nicht einfach vergessen statt sie filmisch zu feiern, oder Filme über ihre Opfer zu machen
37188
Melden
Zum Kommentar
Einstürzende_Altbauten *
22.09.2020 09:48registriert December 2014
David Tennant ist einer meiner Lieblingsschauspieler, das kann nur gut werden.
Danke für den Tip Frau Meier 🖖🏼👍🏼
15614
Melden
Zum Kommentar
nadasagenwirjetzteinfachmal
22.09.2020 12:07registriert March 2020
Er 'verlustierte'sich, echt jetzt Frau Meier? Der Typ hat die jungen Männer lebendig und tot vergewaltigt und geschändet....und Frau Meier findet, er habe sich 'verlustiert', da kommt mir das grosse Kotzen.
12234
Melden
Zum Kommentar
25

Fallzahlen wieder so hoch wie im Frühling – warum Panik aber fehl am Platz ist

Über 1000 Neuinfektionen hat das Bundesamt für Gesundheit heute gemeldet. Damit nähern sie sich den Rekordzahlen vom März. Doch schaut man alle Indikatoren an, präsentiert sich die aktuelle Situation ganz anders.

1464 Personen wurden am 23. März 2020 positiv auf Sars-CoV-2 getestet – nie wurden in der Schweiz an einem Tag mehr Menschen als neu infiziert gemeldet wie damals. Die Rekordzahl könnte aber schon bald fallen. Denn die Corona-Fallzahlen steigen seit Tagen steil an.

In den letzten 24 Stunden sind 1077 Neuinfektionen gemeldet worden. Für den vergangenen Montag, 5. Oktober 2020 registrierte das BAG bereits 990 positiv Getestete – in den kommenden Tagen könnten sogar noch einige dazu kommen. …

Artikel lesen
Link zum Artikel