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Die Spitäler in New York sind am Limit.
Die Spitäler in New York sind am Limit.
Bild: EPA

Bericht von New Yorker Arzt: «Würden sie uns immer noch Helden nennen?»

New York steht still. Die Strassen sind menschenleer, die Intensivstationen überfüllt, das Personal überfordert. Die Stadt ist das Epizentrum des Coronavirus in den Vereinigten Staaten. Ein Tweet eines Doktors auf der Intensivstation eines New Yorker Spitals beschreibt, wie das Leben auf einer COVID-19-Intensivstation aussieht.
15.04.2020, 12:0916.04.2020, 06:32

Craig Spencer ist Direktor für globale Gesundheit in der Notfallmedizin am New Yorker «Presbyterian / Columbia University Medical Center». Als Arzt war er bereits in Westafrika im Kampf gegen Ebola aktiv und hat sich dann selbst mit dem Virus infiziert. Er war der erste bestätige Fall von Ebola in New York. Heute hilft er auf der Intensivstation im Kampf gegen den neuen Gegner: das Coronavirus.

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In einem viel beachteten Twitter-Thread beschreibt er, wie die Situation auf der Intensivstation aussieht. Nachfolgend findest du die Übersetzung.

Wenn du aufstehst, wunderst du dich:
Würden sie uns immer noch Helden nennen?
Wenn sie wüssten, wie hilflos wir uns fühlen?
Wir dachten, wir könnten uns daran gewöhnen.
Es dauert nun ein Monat, aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.
Zurück zur Intensivstation. Du springst auf eine leere U-Bahn um 7:30 Uhr morgens. Die Strassen sind ruhig.
Du betrittst das Spital.

Die düstere Symphonie der Monitore ist der einzige Ton, den du hörst.
Ihre Frequenz ist perfekt und vorhersehbar.
Beep.
Beep.
Beep.
Einer wirkt beruhigend.
Aber jetzt sind es Duzende. Jedes im eigenen Rhythmus.
Ein See voller monotonen Lauten.

Es trifft dich beim Eintreten. Seit deiner letzten Schicht hat sich der ganze Ort verändert.
Das Königreich des Hustens wurde gestürzt.
Weil sie nicht husten können, wenn sie intubiert sind.
Jetzt stehen zwei Betten mit zwei Patienten in Räumen, welche nur für einen bestimmt wären.

Du prüfst jeden Patient, jedes Bett. Viele an Infusionen angeschlossen - Sedierung, Kochsalzlösung, Blutdruckunterstützung.

1a: 72 Jahre, weiblich. Intubiert.
1b: 84 Jahre, weiblich. Intubiert.

2a: 64 Jahre, männlich. Sauerstoffmaske. Atmet schnell.
2b: 67 Jahre, männlich. Sauerstoffmaske. Besser als sein Nachbar.

3a: 54 Jahre, männlich. Intubiert.
3b: 48 Jahre, männlich. Intubiert.

4a: 42 Jahre, männlich. Schnelle Herzfrequenz. Niedriger Blutdruck.
4b: 57 Jahre, männlich. Intubiert.

5a: Du kennst sie gut. Sie war schon oft hier. Jetzt ist sie intubiert.
5b: 63 Jahre, weiblich. Sauerstoffmaske. Am Smartphone. Schwer atmend.

Du bist noch nicht mal in der Hälfte. Alle COVID.
Beim Herumlaufen trifft dich ein Flashback.
Seit der Behandlung von Ebola in Westafrika hast du nicht mehr so viele kranke Menschen gesehen.
So viele, die sterben werden, egal, was du für sie tust.

Du hast dich damals gefragt. Du fragst dich jetzt:
Tun wir das Richtige?
Haben wir einen Einfluss?

«Drehen wir sie um. Vielleicht hilft das?»
«Drehe den Sauerstoff auf. Vielleicht hilft das?»
«Drehe die Tropfen runter. Vielleicht hilft das?»
«Versuchen wir diese neuen Medikamente. Vielleicht hilft das?»
«Versuchen wir die alten Medikamente. Vielleicht hilft das?»
Wir zögern. Weil wir nicht wissen, was hilft.

Letzte Woche kümmerte sich ein Kollege um eine Frau mit Herzstillstand infolge COVID. Und um ihre Tochter. Gleichzeitig.
Heute hat einer von deinen Patientinnen Schwierigkeiten, zu atmen.
Du versuchst, mit ihr zu sprechen.
Aber sie beobachtet ihre intubierte Mutter an einem Beatmungsgerät in einem Bett auf der anderen Seite der Notaufnahme.

Die Chef-Krankenschwester kommt zu dir. Ein neuer Patient. Schwer krank.
Er ist in Bett 9. Gleiche Sache. Wenig Sauerstoff.
Du versuchst dich zu konzentrieren, aber deine Gedanken werden von den Durchsagen unterbrochen:
BEATMUNG ZUR NOTAUFNAHME.
NARKOSE ZUR NOTAUFNAHME.
Auf Wiederholung. Wie ein Alarm. Jeden Tag.

Du untersuchst den neuen Patienten. Es ist sofort klar, wie schlimm es ist.
Er atmet 40 Mal pro Minute. Kann kaum sprechen.
Sein Sauerstoff sinkt. Schliess ihn an eine Sauerstoffmaske an. Es steigt langsam wieder.
Du legst deine Hände auf ihn. Aber die Handschuhe fühlen sich so kalt an, so fern. Besser also nicht?

Du willst, dass er sich wieder besser fühlt. Aber das wird er wahrscheinlich nicht.
Du willst ihm sagen, dass du ihm helfen wirst. Aber er kann dich nicht hören. Die Maske dämpft deine Stimme.
Das Zischen von Sauerstoff, das aus den Masken strömt, übertönt deine Worte.
Du versuchst, ihm in die Augen zu schauen, aber deine Brille beschlägt sich.

«Hey, gibt es da jemanden, den ich für Sie anrufen kann?»
Du rufst seine Frau per FaceTime an.
Sie sieht Ihren Mann, der seit 47 Jahren an ihrer Seite ist. Schnell atmend. Kämpfend. Alleine.
Sie hört die Alarme der anderen Patienten an lebenserhaltenden Maschinen im Hintergrund, kämpfend, um am Leben zu bleiben.
Sie sieht dich mit Maske, Schutzanzug und Handschuhen.

Flashback.
Du erinnerst dich.
19 Tage in Isolation, als du mit Ebola infiziert warst.
19 Tage, und alles, was du gesehen hast, waren Masken. Alles, was du gefühlt hast, waren Handschuhe.
Du hast dich giftig gefühlt.
Unabhängig davon, was sie sagten. Unabhängig davon, was sie taten.
Du hast dich giftig gefühlt.
Das ist das, was sie sehen. Das ist das, was sie fühlen.

Also versuchst du, eine Beziehung herzustellen. Du willst sie beruhigen.
Aber wie willst du eine Beziehung herstellen, wenn du sie nicht berühren kannst?
Wie kannst du sie beruhigen, wenn sie dich durch deine angelaufene Schutzbrille kaum sehen können?
Oder wenn die Maske jedes deiner Worte dämpft?
Du wunderst dich:
Tun wir das Richtige?
Haben wir einen Einfluss?

Du beendest deine Schicht.
Du läufst im Notfall umher.
So viele haben immer noch Mühe, zu atmen.
So viele sind immer noch an lebenserhaltenden Maschinen angeschlossen.
Du kannst nicht anders, du wunderst dich:
Würden sie uns immer noch Helden nennen?
Wenn sie wüssten, wie hilflos wir uns fühlen? (cki)

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