DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
André Breitenreiter als als Coach des FC Zürich bisher viel zu jubeln.
André Breitenreiter als als Coach des FC Zürich bisher viel zu jubeln.Bild: keystone
Interview

Breitenreiter erklärt seinen Erfolgsweg beim FC Zürich: «Ich spiele niemals eine Rolle»

Trainer André Breitenreiter, 48, hat den FC Zürich innert Kürze zum Meisterkandidaten geformt – wie hat er das geschafft? Ein Gespräch über gute Teamführung, Zusammenhalt in der Garderobe und Meisterambitionen.
18.12.2021, 10:32
Etienne Wuillemin und François Schmid-Bechtel / ch media

André Breitenreiter, kann der FCZ Meister werden?
André Breitenreiter:
Ich kann versichern: Diese Frage spielt in unseren Köpfen überhaupt keine Rolle. Natürlich schauen wir auf die Tabelle und freuen uns über die Platzierung und die Art, wie wir Fussball spielen. Attraktiv, offensiv – viele versprechen es, wir setzen es um. Es geht auch nicht darum, Euphorie zu bremsen. Die lasse ich gerne zu.

Aber?
Es ist noch nicht mal die Hälfte gespielt. Wir konzentrieren uns auf die Arbeit und darauf, weiter besser zu werden. Die interessante Frage ist doch: Werden die vielen Siege für uns plötzlich selbstverständlich? Oder können wir mit den Schwankungen, die kommen werden, umgehen?

Der gute Teamspirit ist eines der Erfolgsgeheimnisse des FC Zürich.
Der gute Teamspirit ist eines der Erfolgsgeheimnisse des FC Zürich.Bild: keystone

Sie betonen immer wieder die Freude bei der Arbeit mit dem FCZ. Können Sie etwas herausheben?
Auf jeden Fall: den Teamspirit. Ich kann ein wenig aus der Vergangenheit sprechen, ich stieg zweimal in die Bundesliga auf mit Paderborn und Hannover, zog einmal mit Schalke in die Europa League ein. Darum weiss ich, was die Basis für Erfolg ist: Jedes dieser Teams hatte eine aussergewöhnlich gut funktionierende Kabine. Das erlebe ich nun beim FCZ genauso.

«Ich spiele niemals eine Rolle.»

Woran merken Sie das?
Man benötigt Führungsspieler. Das haben wir mit unseren drei Captains (Brecher, Dzemaili und Marchesano, d.Red.). Sie kontrollieren die Kabine, falls es mal Missstimmung gibt. Und sie leben diesen Teamspirit vor. Dazu sehe ich als Trainer, ob jeder Spieler in jedem einzelnen Training immer 100 Prozent gibt. Und stets sofort bereit ist, auf den Platz zu kommen. Es gab und gibt ja immer mal wieder Spieler, die nicht unbedingt reinwollen, die vielleicht Druck verspüren. Bei uns – wenn ich wie früher in der Schule in die Runde fragen würde – da gehen alle Hände hoch. Weil auch jeder um seine Aufgabe weiss, Sicherheit verspürt und Spass hat.

Wie hoch ist Ihr Anteil?
Das müssen Sie die Spieler fragen. Ich habe von Beginn an meine Idee vom Fussball vermittelt. Ich spiele niemals eine Rolle. Und ich bin authentisch. Aber es sind die Spieler, die das alles umsetzen müssen, die wissbegierig und lernwillig sind.

Aber wie kriegen Sie es hin, dass die Kabine funktioniert? Beim FCZ war das früher oft nicht der Fall.
Ich möchte eigentlich wenig über mich sprechen, weil ich glaube, dass das völlig fehl am Platz ist. Es ist klar, dass wir im Trainerstaff, der Sportdirektor oder auch der Präsident gewisse Dinge vorgeben, auch die Begeisterung transportieren… (überlegt) Die Kommunikation ist schon ein wichtiger Punkt. Ich versuche jedem Spieler die Wichtigkeit zu geben, dass er seinen Anteil am Gesamterfolg beitragen kann und wird, wenn er stets alles gibt. Ich kann halt nur elf Akteure aufstellen. Aber trotzdem sollte jeder immer bereit sein einzuspringen, wenn er gebraucht wird. Und bei uns sieht man tatsächlich: Wenn wir innerhalb des Spiels oder davor Spieler austauschen, funktioniert das in der Regel sofort.

FCZ-Torhüter Yanick Brecher ist einer von drei Captains.
FCZ-Torhüter Yanick Brecher ist einer von drei Captains.Bild: keystone

Nun ist es einfach, einem Yanick Brecher als Torhüter und Captain eine gewisse Wertigkeit zu vermitteln. Im Gegensatz zur Nummer 22, die nur ganz wenig spielt. Wie machen Sie das?
Ich spreche eher mit den Spielern, die gerade aktuell nicht unter den ersten elf sind. Um ihnen Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, was sie verbessern können, um im Ranking aufzusteigen. Aber ich beanspruche natürlich nicht für mich, es immer allen recht machen zu können. Jeder geht anders mit Enttäuschungen um. Und diese Enttäuschungen gibt es auch bei uns. Da muss man sich nichts vormachen. Weil in der Regel Spieler alle auch Ich-AG’s sind. Trotzdem ist es hier gefühlt etwas anders. Vielleicht, weil auch jeder weiss, dass wir ihn nicht links liegen lassen. Wir behandeln die Nummer 22 genauso wie die Nummer 1, alles andere wäre für mich menschlich nicht nachvollziehbar. Und: Ist das Team erfolgreich, profitieren langfristig alle davon. Egal, wie häufig sie spielen.

«Wenn ich einen Assan Ceesay sehe, der 5 Spiele nicht mehr getroffen hat, aber sich über jedes Tor freut, als hätte er es selbst geschossen, dann ist das wunderbar!»

Ist es für einen Spieler, der nicht zum Zug kommt, einfacher, seine Rolle zu akzeptieren, wenn die Mannschaft stets gewinnt?
Ich finde, es ist eher schwieriger, damit umzugehen, weil jeder möchte ja spielen. Aber da hätten wir schon einen Fehler in der Denkweise. Wenn es Spieler gibt, die so denken, dann wären sie nicht die richtigen für die Mannschaft, weil das bedeuten würde, sie hoffen, dass wir verlieren, um dann selbst spielen zu können. Aber da können Sie sicher sein: Das merke ich – und dann spielt der Betreffende trotzdem nicht. Ein ­Beispiel…

… gerne!
Kürzlich im Spiel gegen Luzern hatte ich aufgrund des Resultats die Gelegenheit, einigen Spielern einen Einsatz zu gewähren, die bis anhin noch nicht so zum Zug gekommen sind. Ich habe das mit anderen Ersatzspielern besprochen und ihnen meine Überlegungen erklärt. Auch sie hätten sicher gerne gespielt. Aber wissen Sie, was passiert ist? Sie sagten mir: «Ja, klar Trainer, auf jeden Fall, mach das so!» Auch wenn ich einen Assan Ceesay sehe, der fünf Spiele nicht mehr getroffen hat, aber sich über jedes Tor freut, als hätte er es selbst geschossen, dann ist das wunderbar! Und genauso, wenn ich sehe, wie unsere Physiotherapeuten mit grösster Selbstverständlichkeit Sonderschichten einlegen, wenn die Belastung gerade gross ist.

Das alles hat sehr viel mit der Person des Trainers zu tun, der weit oben in der Pyramide steht und diesen Spass vermittelt oder eben nicht.
Kann man so sehen. Der Fisch stinkt auch vom Kopf her. Aber dann kann man auch Heliane und Ancillo Canepa mit dazunehmen. Beide waren vom ersten Tag an ganz eng dabei bei uns. Das kannten sie vielleicht so auch nicht von früher. Wir haben sie rangeholt, auch im Trainingslager. Mir war das wichtig.

«Häufig schaue ich mir ein Gesicht an und kann nachvollziehen, was der Spieler gerade denkt oder wie er sich fühlt.»

Weshalb?
Ich wollte, dass sie mit uns am Tisch sitzen. Und die Hunde können im Training auch auf dem Platz rumlaufen. Das entscheidet nicht, ob wir gewinnen oder verlieren. Aber es ist entscheidend, dass jeder Einzelne sieht: Hey, die sind auch dabei und die kommen zum Training, die freuen sich. Und das find ich gut, weil nur so baut man ein Team auf, das funktioniert, das eng beisammen ist, und das dann hoffentlich in diesen schwierigen Phasen, die auch mal kommen werden, trotzdem zusammenhält. Weil in Wirklichkeit zeigt es sich dann ja natürlich erst, wenn man ein paar Mal verlieren sollte, wie wir funktionieren.

Heliane und Ancillo Canepa sind auch bei schlechtem Wetter nah beim Team.
Heliane und Ancillo Canepa sind auch bei schlechtem Wetter nah beim Team.Bild: keystone

Sie haben früher einmal gesagt: «Wir machen nichts anderes als die anderen – wir haben einfach Spieler, die gut zuhören und an das glauben, was wir tun.» Ist das Ohr das wichtigste Körperteil eines Fussballers?
Am Ende reicht Zuhören nicht aus. Es geht um ein Puzzle aus vielen Teilen. Wichtig ist die Frage: Wie vermittle ich die ­Inhalte, dass sie bereit sind, diese anzunehmen? Ich war lange genug Profi. Ich weiss, wie man als Spieler funktioniert. Häufig schaue ich mir ein Gesicht an und kann nachvollziehen, was der Spieler gerade denkt oder wie er sich fühlt.

Gab es einen Schlüssel­moment in dieser Saison?
Den hatten wir tatsächlich – zwei sogar. In Deutschland läuft gerade eine Diskussion: Wie viel Zeit braucht man tatsächlich, um eine neue Philosophie auf eine Mannschaft zu übertragen? Ich habe die totale Überzeugung, dass ich als Trainer in der Lage sein muss, mein Team rasch so auftreten lassen zu können, wie ich es mir vorstelle – unabhängig von den Ergebnissen...

... das Erweckungs­erlebnis?
Das erste war das letzte Testspiel vor Saisonstart gegen den SC Kriens. Wir gewannen 6:1 und haben nahezu alles das umgesetzt, was wir spielen wollten. Und das sehr überzeugend. Das haben wir den Jungs während und nach dem Spiel im Video deutlich aufgezeigt. Das führte dazu, dass vor dem ersten Spiel in Lugano tatsächlich alle die Überzeugung hatten: Ja, unser Weg führt zum Erfolg. Für mich war das der Schlüssel, warum wir so gut gestartet sind.

Und der zweite entscheidende Moment?
Das war nach dem Out im Cup. In Yverdon haben wir verloren, weil wir nicht die Bereitschaft hatten, an die Leistungsgrenze zu gehen. Also wussten wir: Wenn wir unser Bestes geben und uns an den Plan halten, sind wir sehr schwer zu schlagen. Aber wenn wir es nicht machen, dann können wir auch gegen jeden Challenge-League-Gegner verlieren. Dann ist die Frage: Wie gehst du mit so einer Niederlage um? Seitdem weisen wir fünf Siege und ein Unentschieden auf. Wir haben den richtigen Hebel gefunden. Gingen in jedem Spiel an die Grenze. Auch nach dem Sieg gegen YB ereilte und kein Rückschlag. Wir sind voller Freude, YB seit 2014 endlich wieder mal in der Meisterschaft besiegt zu haben – die menschliche Reaktion wäre, das nächste Spiel gegen den Tabellenletzten Luzern zu verlieren.

Weil man im Unterbewusstsein nachlässt.
Genau. Weil man denkt: Genau das ist uns aber nicht passiert. Und die Frage ist jetzt weiter: Beginnen wir irgendwann, den Erfolg als selbstverständlich anzusehen? Da versuche ich natürlich gegenzusteuern.

Noch ein Zitat: Peter Stöger, damals beim FC Köln, sagte über ihr Team von Paderborn: «Jeder weiss, wie die spielen. Aber keiner weiss, was man dagegen tun kann.»
Wir stiegen in jener Saison gemeinsam auf. Die Frage an ihn war, wen er als beste Mannschaft betrachtet. Die Aussage war auf unsere Variabilität bezogen. Viererkette, Dreierkette, zwei Spitzen, drei Spitzen. Diese Variabilität haben wir beim FCZ noch nicht. Deswegen sage ich immer wieder, dass wir mit unserer Entwicklung noch lange nicht am Ende sind.

Der FCZ spielt immer dasselbe System, ein 3-5-2.
Genau, ich habe mich dafür entschieden, weil es am besten zu unseren Spielern passt. Es ist meines Erachtens das optimale System für die Mannschaft, um Spiele zu gewinnen. Und das ist das Einzige, was zählt. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die teuersten Zu- und Abgänge der Schweizer Top-Klubs

1 / 26
Die teuersten Zu- und Abgänge der Schweizer Top-Klubs
quelle: keystone / patrick b. kraemer
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

YB schlägt ManUnited – und die Kommentatoren drehen völlig durch

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

2 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
DEALPTRAUM
18.12.2021 14:49registriert Mai 2021
Spitzenreiter! Bester trainer nach lucien.. unglaublich wie viel spass unser fcz macht im jubiläumsjahr🥰 wiiter ränne wiiter kämpfe!!!
271
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pümpernüssler
18.12.2021 13:22registriert Juli 2018
Danke André 🥳 endlich wieder Spektakel im Letzi
261
Melden
Zum Kommentar
2
Warum die Operation Libero das Frontex-Ja nicht feiert
Mit der Ja-Parole zum Frontex-Referendum verärgerte die Operation Libero die Linke. Doch nur so könne man eine Reform von Frontex vorantreiben, sagt deren Co-Präsidentin Sanija Ameti.

Die Schweiz sagt deutlich Ja zu mehr Geld für die Grenzschutzagentur Frontex. Ist der heutige Tag für Sie ein freudiger?
Sanija Ameti:
Nein, überhaupt nicht. Wir machen hier darum auch kein Fest, sondern stellen eine Installation aus, die auf Menschenrechtsverletzungen an den EU-Aussengrenzen aufmerksam macht. Und an die vielen Flüchtenden, die dort sterben. Feiern werden wir erst, wenn es legale Fluchtwege gibt und das Botschaftsasyl wieder eingeführt wird. Der SP-Ständerat Daniel Jositsch hat dazu eine Volksinitiative angekündigt, die wir unterstützen wollen.

Zur Story