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100 Jahre SUVA – Jesses Gott. Aber so trocken ist die Sache nicht ...



Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt feiert ihr 100-jähriges Bestehen. «Unfallversicherungsanstalt» – nicht gerade das griffigste Reizwort, um 14-Jährige von ihren Game-Controllern wegzulocken.

Doch die Affiche täuscht. Die SUVA hat in 100 Jahren nicht nur klobige Schuhe unters Arbeitervolk gebracht, sondern viel zum Wohlergehen hierzulande beigetragen – und auch spannende Geschichten geschrieben.  

1912 & 1918: Gründung und Inbetriebnahme

Um die Jahrhundertwende zog sich ein Graben der Armut durch die Schweiz. Ein Grund dafür waren die nicht geschützten Arbeiter: Ein Knochenbruch, eine Lungenentzündung – und die Einnahmen blieben aus. 1918 war noch fast jeder Dritte Arbeitnehmer von einem Unfall betroffen.

Die Armut war in einigen Gebieten der Schweiz so gross, dass im Bündnerland Familien ihre Sprösslinge auf sogenannten «Kindermärkten» als Saisonarbeiter an Bauern vermittelten. Die zuvor eingeführte Haftpflicht sorgte für mehr Streit als Entlastung – ein neues System musste her: die Unfallversicherung. Ludwig Forrer, FDP-Nationalrat aus Winterthur, schrieb dazu 1896 einen ersten Gesetzesentwurf.

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Arbeiterfamilie der Sulzer-Giesserei. bild: suva

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Fremdenfeindliche Abstimmungs-Propaganda zur Krankenversicherung. Schweizer Bauern fühlten sich gegenüber italienischen Arbeitern benachteiligt. bild: suva

Eine erste Version mit obligatorischer Krankenversicherung wurde 1900 vom Volk deutlich abgelehnt, die abgespeckte Version von 1912 wurde angenommen, obwohl die Bauern und das Kleingewerbe von der Neuerung nicht profitierten und Bundesrat Robert Comptesse den Eisenbahnern und Postbeamten mit seiner «Promesse Comtesse» eine Sonderstellung garantierte. 

Der Prunkbau von Luzern

Um den Stellenwert der neuen Institution, vor allem aber um den eidgenössischen Gemeinschaftssinn zu demonstrieren, bedurfte es eines repräsentativen Sitzes. Als Standort wurde Luzern auserwählt. Die Zentralschweizer Stadt war bei der Vergabe der ETH und des Landesmuseums nicht berücksichtigt worden. Jetzt versuchte man sich als Versicherungshauptstadt zu installieren.

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Ein nicht berücksichtigter Eingang beim Projektwettbewerb mit gewissen Ähnlichkeiten zum heutigen Präsidentschaftspalast der Türkei. bild: suva

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Auch dieser Eingang war chancenlos. bild: suva

Über 30 Architekten nahmen am Projektwettbewerb teil – am Ende machten die Gebrüder Otto und Werner Pfister aus Zürich das Rennen. Der riesige Kuppelbau erinnert wohl nicht nur zufällig ans Bundeshaus und die ETH. Das SUVA-Gebäude sollte in einer Linie mit diesen ikonischen Gebäuden stehen. 

Und so entstand in nur 18 Monaten zwischen 1914 und 1915, mitten während des Ersten Weltkriegs, der SUVA-Hauptsitz. Bis zu seiner Einweihung sollte aber noch etwas Zeit verstreichen, denn die riesigen Gewölbe wurden vorerst als Lazarett für ausländische Kriegsverwundete eingesetzt.

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Ein Blick ins französische Lager im designierten SUVA-Hauptgebäude ... bild: suva

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... und ins deutsche. bild: suva

Schliesslich wurde das SUVA-Gebäude ohne pompöse Feier am 1. April 1918, an einem Ostermontag, eingeweiht und die rund 200 Angestellten nahmen offiziell ihre Arbeit für die Unfallversicherungsanstalt auf.  

Präventionskampagnen – erfolgreich aber nicht immer mit der feinen Klinge

Bild: KEYSTONE

1918 war noch beinahe jeder dritte Arbeitnehmer von einem Arbeitsunfall betroffen, 1985 war es jeder neunte, 2015 nur noch jeder sechzehnte. Die Unfallprävention der SUVA ist eine Erfolgsgeschichte.

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Kreissäge mit neuer automatischer Schutzabdeckung aus dem Jahre 1937: Damals lag der Fokus der Unfallprävention auf der Technik.  bild:suva

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Der klassische SUVA-Schuh, so wie ihn noch Grossvater trug. Mit Stahlkappe und «gutem Profil». bild: suva

Zu Beginn setzte die SUVA bei ihren Kampagnen auf abschreckende Bilder und Drohungen. Zuwiderhandlung führe zu Abzug bei den Versicherungsleistungen, hiess es. Begleitet wurde die Warnung mit Schockbildern von Arbeitsunfällen (Anklicken auf eigene Gefahr. Es ist nicht schön)

Später – inspiriert von Trends aus den USA – wurden die Kampagnen subtiler. Der neue Ansatz lautete «Wir dürfen nicht Unfälle zeigen, wenn wir keine Unfälle wollen.»

Noch etwas kecker war 1988 der Versuch, als Botschafterinnen der Sicherheit salopp bekleidete Damen zu verwenden, die im «Kalender für Baubaracken» vorräkelten, wie man als Arbeiter sicher eine Leiter hochzugehen habe. 

Die Kritik blieb nicht aus – sogar der Bundesrat äusserte sich. Verschwurbelter hätte es aber auch Jürgen Habermas nicht sagen können: 

«Bei den gewählten Darstellungen kann in guten Treuen daran gezweifelt werden, ob diese ein adäquates Mittel für den beabsichtigten Zweck darstellen oder ob sie nicht vielmehr beim Zielpublikum sachfremde Assoziationen hervorrufen, die in keinem Zusammenhang mit dem ‹Sicherheitsprogramm Leitern› stehen.»

Stellungnahme des Bundesrates zum Leiter-Gate

Das «Sicherheitsprogramm Leiter» schaffte es auch ins «Schweiz Aktuell» – dort drehte man den Spiess um und produzierte einen Kalender für «all die Hausfrauen, Putzfrauen und Bäuerinnen, die für den Frühlingsputz aufs Schemeli steigen müssen.» Das sah dann so aus:

Wie «Schweiz Aktuell» auf den SUVA-Kalender reagierte:

Video: srf

Paradigmenwechsel

Bild: KEYSTONE

1984 war das Jahr der Wende. Zum ersten Mal überflügelten die Freizeitunfälle die Arbeitsunfälle. Das änderte sich bis heute nicht mehr.

Für die SUVA bedeutete das, dass auch die Kampagnen immer mehr auf den Freizeitbereich ausgeweitet wurden. Der breitflächige Einsatz von Velo- und Skihelmen ist nicht zuletzt der SUVA zu verdanken.

Die wohl bekannteste aller Kampagnen war der Warm-Up-Reggae. Wer in den 90ern nur schon in die Nähe der Alpen kam, wurde unweigerlich damit konfrontiert.

(tog mit Materialien der SUVA)

«Werdet wach! Zwiebeln sind das Schlimmste, das es gibt!»

Video: watson/Daniel Huber, Emily Engkent

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