Nach dem Vox-Debakel

Bund sucht Alternativen zu Claude Longchamp

20.04.14, 04:22 20.04.14, 06:06
Claude Longchamp, Schweizerische Gesellschaft fuer praktische Sozialforschung (gfs.), orientiert an der Medienkonferenz zu 50 Jahre WWF Schweiz in Zuerich am Dienstag, 1. Maerz 2011 ueber seine Untersuchung rund um den WWF Schweiz. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Unter Druck: Politologe Claude Longchamp. Bild: KEYSTONE

Ob vor, während oder nach den Abstimmungen: Wo immer politische Entscheide zu deuten sind, findet Claude Longchamp eine Bühne. Doch der Druck auf den Politologen wächst. Der Bund überprüft derzeit die Zusammenarbeit mit der Vox-Forschungsgemeinschaft, für welche Longchamp die Daten liefert. Der Vertrag läuft Ende Juli aus.

Danach will die Bundeskanzlei die repräsentative Analyse der eidgenössischen Urnengänge erstmals öffentlich ausschreiben, «mit einem detaillierten Pflichtenheft», wie Sprecherin Ursula Eggenberger sagt. Dies berichtet die «NZZ am Sonntag». Offen ist allerdings, ob sich andere Anbieter finden, die den Auftrag übernehmen könnten. 

Gleichzeitig steht die Zusammenarbeit mit der SRG auf dem Prüfstand, für die Longchamp jeweils Umfragen liefert. Mit SVP, FDP, CVP, BDP, Grünen und Grünliberalen setzt sich eine breite Front für mehr Wettbewerb bei der Polit-Analyse ein.

Untersuchung gegen die Vergabepraxis der Bundeskanzlei

Auf eine öffentliche Ausschreibung des Auftrags verzichtete die Bundeskanzlei bisher. Doch gemäss Beschaffungsrecht des Bundes müssen Dienstleistungen ab einem Schwellenwert von 230'000 Franken öffentlich ausgeschrieben werden. Allein letztes Jahr kassierten Longchamp und seine Forschungspartner 411'480 Franken Steuergelder, schreibt die «SonntagsZeitung».

Die Begründung der Bundeskanzlei: Es gebe kein anderer Anbieter, der diese Leistungen erbringen konnte. Dafür erntet sie Kritik. Rudolf Joder, der Präsident der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrats, kündigt gemäss «SonntagsZeitung» eine Untersuchung an. 

Die Bundeskanzlei zahlte der Forschungsgemeinschaft Vox-Analysen, zu der neben Longchamps Firma GFS Bern auch die Universitäten Zürich, Bern und Genf gehören, in den letzten vier Jahren über 1,2  Millionen Franken. Der Bund unterstützt die Vox-Analysen seit 1987 und wurde 2008 zum Hauptfinanzierer. Verträge gelten in der Regel für vier Jahre. (rey)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • corsin.manser 20.04.2014 15:22
    Highlight Gegen eine öffentliche Ausschreibung dieser Aufgabe ist meines Erachtens nichts einzuwenden, doch mit der Kritik an Claude Longchamp und sein Team sollte man vorsichtig sein. Dass bei komplizierten Gewichtungsverfahren für die Stichproben von Meinungsumfragen Ungenauigkeiten vorkommen können, ist kaum vermeidbar. Herr Longchamp als tendenziösen Betrachter hinzustellen, der nach Abstimmungen lediglich seine Meinung kundtut, hat auf jeden Fall weder Hand noch Fuss, ist er doch einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Wahlverhaltensforschung - sicher was die Schweiz betrifft!
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  • Oberon 20.04.2014 14:22
    Highlight Wären die richtigen Leute in den richtigen Positionen hätten wir weniger Probleme.
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  • papparazzi 20.04.2014 12:33
    Highlight Wieso um alles in der Welt, wird ein so wichtiger Posten erst jetzt öffentlich ausgeschrieben? Ich finde das eine Frechheit und einen Affront gegenüber jedem Schweizer Steuerzahler! ut (dp)
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  • Schneider Alex 20.04.2014 10:44
    Highlight Longchamp und seine fehlerhafte Umfragemethode

    Jeder Umfrage-Profi weiss, dass bei emotional aufgeladenen politischen Fragestellungen die Leute bei Befragungen nicht ihre wahren Absichten preisgeben. Dies sollte bei der Darstellung der Ergebnisse über Fehlerspielräume zum Ausdruck kommen. Die Leute sagen nicht immer die Wahrheit, ob sie abstimmen gehen oder nicht und schon gar nicht immer, wie sie abstimmen werden. Sie haben zum Beispiel Angst, als Fremdenfeinde dazustehen.

    Longchamp geht nie auf diesen Effekt ein und behauptet bei seinen Fehlprognosen immer, die Abstimmungskampagne habe die Meinung der Leute in den letzten Abstimmungswochen und -tagen verändert. Das sind Ausreden. Er würde sich besser damit auseinandersetzen, wie er bei den Umfragen zu den wahren Absichten der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger kommt. Vielleicht sollte er einige Tiefeninterviews führen, um den Fehlerspielraum abschätzen zu können.
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  • Lumpirr01 20.04.2014 09:21
    Highlight Endlich, endlich kommt auch hier in diesem Bereich ein bisschen mehr Wettbewerb. Obwohl einige links denkende watson - Mitglieder die Leistungen von Claude Longchamp und seinem Team bei der Einwanderungsinitiative als hervorragend darstellten, sind diese in meinen Augen mehr als zweifelhaft; schliesslich waren die Prognosen bezüglich Endresultat in mehreren Abstimmung schlechthin falsch! Die Umfrageanalysen sollten nicht dem Zwecke dienen, Abstimmungspropoganda mit öffentlichen Geldern zu finanzieren!
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    • Oberon 20.04.2014 14:24
      Highlight Die Frage ist nur, warum das so lange gedauert hat...
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  • ilex minor 20.04.2014 08:24
    Highlight Claude Longchamp`s Nachbetrachtungen zu Abstimmungen und Wahlen sind persönliche Ansichten. Mit Wissenschaft haben sie nicht viel zu tun. Dass er sich das Ganze auch noch vom Steuerzahler finanzieren lässt, ist eine Frechheit.
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