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Gerangel um die Armeeapotheke: In der Krise ignorierten die Generäle ihre eigenen Experten

Mitten in der Corona-Krise unterstellte die Spitze des Militärs die Armeeapotheke plötzlich der Logistikbasis statt der Sanität – ohne ihre hochkarätig besetzte Medizinerkommission zu konsultieren, wie Recherchen zeigen.

Henry Habegger / ch media



The guard of honour of the Swiss Army stands ready for the arrival of Austrian Chancellor Sebastian Kurz at the Lohn residence of the Swiss government in Kehrsatz near Bern, Switzerland, Friday, Sept. 18, 2020. (Alessandro della Valle/Keystone via AP)

Heftig umstritten: Mitten in der Corona-Krise verschob die Armee ihre Apotheke in die Logistikabteilung – weg von den Fachleuten der Sanitätsabteilung. Bild: keystone

Sie ist eine hochkarätige ausserparlamentarische Kommission, deren derzeit zwölf Mitglieder vom Bundesrat eingesetzt wurden: Die Eidgenössische Kommission für Militär- und Katastrophenmedizin, kurz EKMK. Sie steht zur Verfügung von Oberfeldarzt Andreas Stettbacher.

Präsident der EKMK ist Jörg Leuppi, Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik am Kantonsspital Baselland und klinischer Professor für Innere Medizin an der Universität Basel. Leuppi ist unter anderem auch Präsident der Lungenliga beider Basel und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Internistischen Chef- und Kaderärzte.

Die eigenen Experten übergangen

In der EKMK wirken zehn weitere führende Ärzte und Professoren aus den verschiedensten Fachrichtungen mit sowie ein leitender klinischer Pflegefachmann und Notfallpsychologe. Fachleute aus der ganzen Schweiz, die in ihrem Beruf Tag für Tag gegen das Virus kämpfen. Die EKMK ist eine Gruppe herausragender Experten, die gerade in der Corona-Krise Bund und Armee wertvolle Unterstützung bieten könnte.

Sollte man meinen. Denn nun zeigen Recherchen, dass die Armee das Urteil ihrer eigenen Experten überging: Als das VBS im Mai 2020 entschied, die Armeeapotheke von der Sanität zu trennen und stattdessen der Logistikbasis der Armee (LBA) zu unterstellen. Die Apotheke wechselte vom Einflussbereich von Oberfeldarzt Divisionär Andreas Stettbacher in die LBA von Divisionär Thomas Kaiser.

Auf Anfrage sagt EKMK-Präsident Jörg Leuppi:

«Nein, man hat uns offiziell nicht nach unserer Meinung gefragt. Man war offenbar nicht daran interessiert.»

Was hätte die Kommission in Sachen Unterstellung der Armeeapotheke konkret beitragen können? «Genau für solche Fragestellungen sind wir da, für Einschätzungen zu medizinischen Fragen im weiteren Sinn. Auf Aufforderung hätten wir zum Beispiel ein Konzept mit verschiedenen Varianten erarbeiten und Vor- und Nachteile aufzeigen können», so Leuppi.

Divisionaer Thomas Kaiser, Chef Logistikbasis der Armee LBA, spricht waehrend einer Medienkonferenz zum Thema Armeeapotheke im Einsatz waehrend der Coronavirus Pandemie, am Donnerstag, 11. Februar 2021, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Divisionär Kaiser führt die Logistikbasis der Armee. Er ist verantwortlich für sämtliche logistische Dienstleistungen zu Gunsten des Hauptquartiers, der Armee und der Führungsunterstützungsbasis. Bild: keystone

Den Entscheid, die Armeeapotheke der Logistik zuzuschlagen, fällte im Mai 2020 die Armeespitze unter Armeechef Thomas Süssli. Die Änderung wurde als «Massnahme aus den Erfahrungen des Einsatzes Corona» bezeichnet. Die Leistungsfähigkeit der Armeeapotheke solle «weiter gesteigert» werden. Armeeapotheker Heinz Moll, Dr. pharm. und diplomierter Apotheker, wurde faktisch abgesetzt. Chef der Armeeapotheke ist heute Oberst Dan Aeschbach, ein Veterinär.

Auslöser: Die Armeeapotheke war zu Beginn der Krise überfordert, weil sie vom Bundesrat den Auftrag erhielt, riesige Mengen an Schutzmaterial zu beschaffen. Das Auftragsvolumen der Apotheke stieg um ein Vielfaches. Doch in der Armee lief seit Jahren auch ein Machtkampf zwischen Logistik-Chef Kaiser und Oberfeldarzt Stettbacher. Die Armeeführung bestreitet es zwar, aber offenbar wurde die Krise benutzt, um zugunsten von Kaiser zu entscheiden.

Für Mediziner ist klar: Das war ein Fehlentscheid

So wechselte die Apotheke von der Sanität im Armeestab in die Logistik. Vom Spital ins Zeughaus. Frage also an Leuppi, Präsident der Medizinerkommission: Macht die Unterstellung der Armeeapotheke unter die Logistik irgendwelchen Sinn?

Der Chefarzt sagt: «Für mich ist nicht vorstellbar, dass die Armeeapotheke ein reines Logistikunternehmen ist.» Er zieht den Vergleich zum Zentrumsspital, an dem er arbeitet. «Im Spital gehört die Apotheke ganz klar in die Institution. Apotheker, Ärzte, Pflege: Alles gehört zusammen, die Key-Players des Kerngeschäftes müssen sich laufend absprechen und am gleichen Strick ziehen können.»

Das sei in der Armee nicht anders. «Auch hier gehören Sanität und Apotheke in die gleiche Struktur. Man braucht einander, arbeitet Hand in Hand. Dieses interprofessionelle Team gehört zusammen», ist für Leuppi klar. «Auf die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Gesundheitsfachleute darf man auf keinen Fall verzichten.» Der «fachliche Austausch im Alltag» sei enorm wichtig, um die bestmöglichen Resultate zu erzielen und Fehler und Fehlentwicklungen zu verhindern.

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Tiefkühlschränke, in denen der Impfstoff von Biontech/Pfizer gelagert wird clemens laub

In der Praxis habe «der Doktor irgendeine neue Behandlungsmethode, er wolle irgendein Medikament» beschaffen. Der Apotheker, der von der Galenik-Seite komme, der Lehre von Zusammensetzung und Herstellung von Arzneimitteln, weise ihn dann auf dieses und jenes Problem hin, Vor- und Nachteile, Unverträglichkeiten, Austauschbarkeiten und so weiter. So komme man auf die beste Lösung. Das geht aber nur, wenn sich die verschiedenen Berufsgruppen austauschen.

«Sanität ist einer der wichtigsten Teile der Armee»

Die Abkoppelung der Apotheke von der Sanität führe nun dazu, dass dieser Austausch schwierig werden oder ganz unterbleibe könnte. Die Wahrscheinlichkeit steige, dass es zu Fehlentwicklungen komme. Die Armeeapotheke müsse, so Leuppi, zudem in der Lage sein, im Krisenfall gewisse Medikamente selber herzustellen, etwa gewisse Antibiotika. Ein reiner Logistikbetrieb sei dazu nicht in der Lage. Es genüge auch nicht, wenn der Chefapotheker weiterhin im Armeestab angesiedelt sei, bei der Sanität. «Es braucht die ganze Truppe», weiss Leuppi aus Erfahrung. «Die Armeeapotheke muss beim Oberfeldarzt unterstellt sein.» Gerade die Corona-Krise habe ja gezeigt: «Der ganze Sanitätsbereich ist einer der wichtigsten Teile der Armee, nicht umsonst waren die Sanitäter als erste im Einsatz.»

Die Pandemie hat gnadenlos aufgezeigt, dass die schweizweit ungenügende Umsetzung des Pandemiegesetzes in einer mangelhaften Versorgung mit Schutzmaterial resultierte. Auch bei der Armeeapotheke führte die personelle Unterbesetzung und mangelnde Vorsorge zu Problemen, etwa beim Kauf von Schutzmasken. Deshalb brauche es für die Zukunft, davon ist Leuppi überzeugt, eine dem Auftrag entsprechende, personell und strukturell angepasste Armeeapotheke mit einer starken logistischen Unterstützung.

Immerhin: Noch ist nicht aller Tage Abend. In einem Vorstoss verlangt SP-Nationalrätin Franziska Roth (SO), dass die Unterstellung der Armeeapotheke unabhängig überprüft werden soll.

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